• The Wall Street Journal

In Griechenland zerplatzen die Lebensentwürfe einer ganzen Generation

    Von GORDON FAIRCLOUGH und NEKTARIA STAMOULI

Jahrzehnte lang hatte Panagiotis Triantafyllopoulos als Drucker und Grafikdesigner in Athen gearbeitet. Zuletzt hatte er dort für Pharma-Multis Tablettenschachteln gestaltet.

Doch dann wurde er entlassen. Über zwei Jahre lang suchte er in der Hauptstadt vergeblich nach Arbeit. Bis ihm im vergangenen Sommer schließlich keine andere Wahl mehr blieb, als in sein Geburtsdorf Aristomenis auf dem Peloponnes zurückzukehren. In den Hügeln rund um den Ort im Südwesten Griechenlands geht der 54-Jährige heute ganz anderen Arbeiten nach. Triantafyllopoulos sammelt jetzt Feuerholz, kümmert sich um die Hühner und bereitet sich auf die Olivenernte vor. Er versucht, von dem zu leben, was das kleine Stück Land seiner Familie hergibt.

„Ich bin ein Neu-Armer", sagt er. Als Teenager war er 1975 nach Athen gezogen. Eine ganze Welle junger Leute hatte sich damals aufgemacht. Sie waren aus den ländlichen Gegenden in die Städte des Landes gezogen, um dort ihr Glück zu versuchen. „Die Rückkehr ist mir sehr schwer gefallen. Wir hatten von etwas Größerem geträumt."

Arbeitslose Griechen ziehen zurück zu den Eltern

Nach fast fünf Jahren der gnadenlosen Rezession ist die Arbeitslosenquote in Griechenland auf über 25 Prozent gestiegen. Der Motor des Fortschritts läuft im Rückwärtsgang. Familien, die in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft hatten, rutschen in einem schmerzhaften Prozess wieder nach unten ab.

Arbeitslose Fachkräfte und Geschäftsleute ziehen wieder bei ihren Eltern ein oder kehren in die Dörfer zurück, die sie einst so hoffnungsvoll verlassen hatten. Einigen gut Ausgebildeten bleibt nichts anderes übrig, als niedere oder gefährliche Arbeiten zu verrichten. Sie verdingen sich als Schafshirten oder heuern als Hilfsarbeiter auf großen Ozeanfrachtern an – Jobs, die die Griechen weitgehend hinter sich gelassen hatten, während der Wohlstand in ihrem Land gestiegen war. Andere verlassen gleich ganz ihr Land.

Die Spitzenpolitiker der Europäischen Union überlegen noch, wie sie die verheerende Schuldenlast Griechenlands erleichtern könnten. Sie denken darüber nach, ob sie neue Hilfsgelder für das Land vergeben sollen. Und während sie debattieren und abwägen, droht das stetige Schrumpfen der griechischen Wirtschaft, den Fortschritt einer ganzen Generation auszulöschen.

Die Kaufkraft der Griechen, die auf Mindestlöhne angewiesen sind, ist auf ein Niveau gefallen, das zuletzt in den siebziger Jahren verzeichnet worden war – in jenem Zeitraum der schnellen Entwicklung also, aus der schließlich die städtische Mittelschicht hervorging, schreibt das Arbeitsinstitut, eine gewerkschaftsnahe Forschungsgruppe, in einer Studie. Das Durchschnittseinkommen ist auf einen Stand gesunken, der bereits vor mehr als zehn Jahren erreicht worden war.

Die Krise hat Triantafyllopoulos buchstäblich an seinen Ausgangspunkt zurückgeworfen. Er schläft in demselben Bett mit Metallrahmen, in dem er 1958 geboren wurde. Wenn er nachts nicht schlafen kann, starrt er an dieselbe Holzdecke, die er schon als Kind gemustert hat, wenn er in unruhigen Nächten Zukunftspläne geschmiedet hat.

Triantafyllopoulos wurde im Mai 2010 arbeitslos. Kurz darauf verlor seine Frau Eleni ihren Job. Zuvor lebte die Familie von einem Jahreseinkommen von mehr als 30.000 Euro. Sie wohnten in Athen in einem geräumigen Haus mit Garten. Dort versuchte sich Triantafyllopoulos an den Wochenenden als Hobbygärtner. Sie gingen oft zum Essen aus und fuhren regelmäßig in den Urlaub.

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Panagiotios Triantafyllopoulos was a graphic designer in Athens. But now, the 54-year-old is literally back where he started, living with his elderly mother in the house where he grew up. Gordon Fairclough reports from Aristomenis, Greece.

In diesem Winter wird die Familie sich nicht einmal das Heizöl leisten können, erzählt er. Dabei arbeitet selbst seine 81-jährige Mutter Sofia noch mit. Sie näht in Heimarbeit und benutzt dazu ihre alte, gusseiserne Tretnähmaschine aus den zwanziger Jahren. Am meisten Angst hat die Familie davor, dass Triantafyllopoulos' Tochter vielleicht ihre Hochschulausbildung vorzeitig abbrechen muss.

„Mir macht es nichts aus, arm zu sein. Ich war früher auch schon arm", sagt Triantafyllopoulos und zieht eine Winston-Zigarette aus der Brusttasche seines blaugrünen Flanellhemds. „Womit ich nicht fertig werde, ist, nicht in der Lage zu sein, meinen Kindern das Rüstzeug für etwas Besseres mitzugeben."

Jahrzehnte lang war Griechenland auf dem Weg, zu den wohlhabenderen EU-Mitgliedsstaaten aufzuschließen. Und nun driftet das Land wieder in die Gegenrichtung ab, die Kluft weitet sich erneut aus. Die Pro-Kopf-Leistung, die 2009 bei 94 Prozent des EU-Durchschnitts gelegen hatte, ist im vergangenen Jahr auf 82 Prozent abgesackt und hat damit ein Niveau erreicht, das zuletzt Anfang der neunziger Jahre verzeichnet worden war. Ein ähnlicher Trend ist in Spanien und Portugal zu beobachten. Die in Not geratenen Mitgliedsländer im Süden der Eurozone fallen zurück und versetzen dem grundlegenden Ziel der Gemeinschaft, gemeinsamen Wohlstand zu erreichen, damit einen schweren Schlag.

Die Mittelklasse verliert Einkommen und Vermögen

Die griechischen Gehaltsempfänger der Mittelschicht verlieren nicht nur ihre Arbeitsplätze und müssen zum Überleben auf ihr Erspartes zugreifen. Sie werden zudem mit ständig steigenden Steuern belastet, die auf Einkommen, Anschaffungen und Grundstücke erhoben werden, während die Regierung darum kämpft, die Defizitziele der internationalen Gläubiger zu erfüllen.

Dass diese Familien ihr Einkommen und ihr angesammeltes Vermögen verlieren, entzieht der Wirtschaft den nötigen Treibstoff für ein erneutes Wachstum. Experten verweisen zudem darauf, dass die finanzielle Notlage die Verbrechensrate und die Zahl der Selbstmorde nach oben treibt. Außerdem werden weniger Ehen geschlossen und Kinder geboren. In Zeiten derartiger Unsicherheit werden Pläne zur Familiengründung hinten angestellt.

Die Bezieher mittlerer Einkommen, die einst als Garanten für die demokratische Stabilität galten, radikalisieren sich zunehmend. Leicht abzulesen ist diese Entwicklung an der steigenden Popularität von Gruppierungen an den extremen Enden des politischen Spektrums. Die linksradikale Partei Syriza belegt in Meinungsumfragen dieser Tage den ersten Platz. Die ultranationale Bewegung Goldene Morgenröte, die sich strikt gegen Einwanderer wendet, rangiert auf Rang drei.

Dimitris Stathis und Aggeliki Katsimardou wurden von dem rapiden Niedergang förmlich mitgerissen. Katsimardou hatte bei einer Versicherung gearbeitet, bis sie Anfang 2010 auf die Straße gesetzt wurde. An Ostern dieses Jahres verlor ihr Mann seine Stelle in der Verkaufsabteilung einer internationalen Erdölgesellschaft. Den Firmenwagen musste er ebenfalls abgeben.

Stathis arbeitet jetzt als Tankwart. Er verdient mit 800 Euro im Monat in etwa die Hälfte seines vorherigen Gehalts. Der Bank müssen sie im Monat allerdings 900 Euro für ihre Hypothek entrichten. „Fleisch können wir uns nicht mehr leisten", erzählt Katsimardou. „Selbst bei der Milch wird es schon schwierig, oder bei Joghurt. Und wir sind hier in Griechenland, um Himmels willen!" Eigentlich hatte sich das Paar ein Baby gewünscht. Diesen Plan mussten sie nun vorerst verschieben. Aber da sie schon 39 sei, könnte das bedeuten, dass sie nie mehr Kinder haben werden, klagt Katsimardou.

Jeder Zweite zwischen 15 und 24 hat keine Stelle

In Zerbisia bindet der 22-jährige Giorgos Leventis gerade eine schwarze Ziege an den Zaun und beginnt, sie zu melken. Das Dorf liegt nicht weit von Aristomenis entfernt, wo Triantafyllopoulos jetzt wieder wohnt. Während die Ziegenmilch in den Plastikeimer fließt, sinniert Leventis über sein Leben.

Seinen Lebensunterhalt auf einem Bauernhof verdienen zu müssen, damit hatte er früher ganz sicher nicht gerechnet, sagt er. Er hatte in Athen als Installateur für eine Baufirma Arbeit gefunden. Doch wie so viele in seiner Altersgruppe verlor er seine Anstellung. Mittlerweile sind 58 Prozent der Griechen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos. Im vergangenen Jahr zog der junge Mann zu seiner Großmutter in das Dorf, aus dem seine Familie stammt. Neben seinen Ziegen versorgt er auch noch Hühner, Gänse und Schafe.

„Viele Leute, die so alt sind wie ich und die in Athen aufgewachsen sind, würden nicht einmal im Traum daran denken, so etwas zu tun", erzählt Leventis. Ihm aber mache die Arbeit Spaß, und zudem sei er hier sein eigener Boss. Mit dem Verkauf von Hühnern, Eiern und Olivenöl und als Aushilfe auf den benachbarten Bauernhöfen verdient er 300 bis 400 Euro im Monat. Er will seine Schafherde vergrößern und hofft darauf, dass dann im nächsten Jahr etwas mehr dabei abfällt. Eine Rückkehr nach Athen könne er sich gar nicht vorstellen.

Als Triantafyllopoulos ein kleiner Junge war, sah die Zukunft für Griechenland noch rosig aus. Das Land erholte sich von der katastrophalen Besetzung durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg und den nachfolgenden Bürgerkriegswirren zwischen der rechtslastigen griechischen Regierung und kommunistischen Kräften. Griechenland war auf eine Strecke des Wachstums und der Industrialisierung eingebogen, die mehr als zwanzig Jahre dauerte.

In den 1960er Jahren zog es die Menschen nach Athen

Im Dorf Aristomenis in den Hügeln des Peloponnes war der Reichtum in den sechziger Jahren allerdings noch nicht angekommen. Die Kinder liefen im Sommer barfuß, und es sollte noch zehn Jahre dauern, bis die kleine Ortschaft mit Strom versorgt wurde. Aber Athen und andere Städte florierten. Die Menschen zogen vom Land in die Stadt und suchten sich Arbeit in modernen Industriebetrieben, die ihnen höhere Löhne und ein besseres Auskommen als in der Landwirtschaft in Aussicht stellten.

Triantafyllopoulos zeichnete gern und träumte davon, Grafikkünstler zu werden. Auf Drängen seiner Eltern packte er mit 17 seine wenigen Habseligkeiten in einen Rucksack und schlug sich per Anhalter in die Hauptstadt durch. „Wir wollten, dass er geht. Damit er mehr Chancen hat", sagt seine Mutter. „Aber es ist nicht so gekommen, wie wir uns das vorgestellt hatten."

Doch viele Jahre lang führte Triantafyllopoulos ein gutes Leben in Athen. Er arbeitete als Grafiker für Zeitungen, Magazine und Verpackungsunternehmen. Er heiratete und wurde Vater zweier Kinder. Die Familie ließ sich schließlich im gestandenen Arbeiterviertel Metamorphosis mitten in der ausufernden Großstadt nieder. „Wir haben zwar nicht im Luxus geschwelgt, aber uns hat nichts gefehlt", sagt seine Tochter, die 18-jährige Eleftheria.

Panagiotis Triantafyllapoulos sitzt mit seiner Mutter auf dem Bett, in dem er geboren wurde. Nachdem er seine Arbeit in Athen verloren hatte, zog der 54-Jährige wieder bei seiner Mutter in einem kleinen Dorf auf dem Peloponnes ein.

Doch dann brach das Jahr 2010 an und die Welt der Familie Triantafyllopoulos geriet aus den Fugen. Während sich die wirtschaftliche Lage in Griechenland zusehends verschlimmerte, verließen die Kunden in Scharen die Firma, bei der Triantafyllopoulos angestellt war. Im Mai 2010 wurde er entlassen, zusammen mit Dutzenden anderer Kollegen. Auch der Gastronomie-Betrieb in einem Tagungszentrum, bei dem seine Frau Eleni aushilfsweise arbeitete, bekam immer weniger Aufträge herein. Ihre Hilfe wurde immer seltener benötigt.

Noch vor Jahresende musste die Familie das Haus aufgeben, in dem sie seit 15 Jahren gelebt hatte. Sie konnten sich die Monatsmiete von 600 Euro einfach nicht mehr leisten. Sie suchten sich eine kleinere Wohnung. Doch nach nur sechs Monaten waren sie erneut zu einem Ortswechsel gezwungen. Sie zogen in ein leer stehendes Haus, das weder eine Heizung noch warmes Wasser bot.

Familien gehen an der Krise zugrunde

Zunächst ließ sie der Eigentümer mietfrei wohnen. Im Gegenzug musste Triantafyllopoulos allerdings das Dach und die Rohr- und Elektroleitungen reparieren. Nachdem die Familie das Haus in Stand gesetzt hatte, verlangte der Vermieter im Monat 300 Euro Miete für die knapp 50 Quadratmeter. Ein Lagerraum an der Seite des Hauses wurde zum Kinderzimmer umgemünzt.

Die ständigen Umzüge und die stets schlechter werdende Lage forderten ihren Tribut. Die Ehe litt, berichten Triantafyllopoulos und seine Tochter Eleftheria. Die Eltern hätten sich immer öfter darüber gestritten, wofür das wenige Geld, das sie zur Verfügung hatten, eingesetzt werden sollte. Und ob Eleftheria mit ihrem Studium nicht warten sollte, bis sich die Lage verbessert habe. Eleni Triantafyllopoulos wollte sich dazu nicht äußern.

Triantafyllopoulos schaute sich in den benachbarten Balkanstaaten nach Arbeit um, aber auch in ganz Griechenland. Die Unternehmen ließen ihn wissen, dass es vollkommen zwecklos sei, auch nur eine Bewerbungsmappe einzuschicken. „Wie gut sie auch immer qualifiziert sein mögen, es gibt einfach keine freien Stellen", zitiert Triantafyllopoulos die Personaler in den Firmen. „Das ist die schlimmste Art der Hoffnungslosigkeit, die es gibt."

Die Studentin Eleftheria Triantafyllopoulos muss mit sehr wenig Geld auskommen.

Im August nahm der Druck auf die Familie erneut zu. Eleftheria hatte die Zusage an einer Universität in Thessaloniki bekommen, um Geburtshilfe zu studieren. Zwar werden an den öffentlichen Hochschulen in Griechenland keine Studiengebühren erhoben. Aber trotzdem musste Eleftheria ein Zimmer mieten und sich etwas zu essen kaufen. Ihr Vater erzählt, er habe gebetet, dass Eleftheria sich wegen seiner Arbeitslosigkeit für die kostenlose Unterbringung in einem Studentenwohnheim qualifizieren könne.

Als der Sommer dem Ende zuging, hatte Triantafyllopoulos seine Entscheidung getroffen. Er würde in sein Heimatdorf zurückkehren. Auf diesem Weg, so dachte er, könnte er die Ausgaben für seinen Lebensunterhalt senken und leichter ein wenig Geld verdienen. Seine Mutter lebte immer noch auf dem winzigen Bauernhof der Familie. Sie wohnte dort allein, seitdem sein Vater im vergangenen Jahr gestorben war.

Seine Frau blieb in Athen zurück. Sie muss sich dort um ihre eigene nierenkranke Mutter kümmern, die regelmäßig zur Dialyse muss. Wenn er und seine Frau sich eine Scheidung finanziell leisten könnten, dann wäre ihre über dreißigjährige Ehe zu Ende, fürchtet Triantafyllopoulos. „Die Krise ruiniert die Familien", konstatiert er entmutigt.

Er isst die Eier der Hühner, die er züchtet, und das Gemüse aus dem eigenen Garten, erzählt Triantafyllopoulos. Auf diese Weise hat er seine monatlichen Ausgaben auf etwa 50 Euro drücken können. Seine Tage verbringt er auf dem Bauernhof und auf dem Feld. Er füttert die Hühner und schneidet das Gestrüpp in den Olivenhainen zurück, damit das Gelände für die in diesem Monat anstehende Olivenernte vorbereit ist.

Die Olivenernte soll Geld einbringen

Der Sohn kehrt damit zu einer Lebensweise zurück, die seine Familie schon seit langem aufgegeben hatte. Den Olivenhain mit seinen 500 Bäumen hatten die Triantafyllopoulos Jahre lang an albanische Einwanderer verpachtet. Den Anteil an Öl, den die Familie aus der Ernte erhielt, nutzte sie größtenteils nur zum Kochen am eigenen Herd.

In diesem Jahr werden Mutter und Sohn die Oliven gemeinsam einsammeln. Triantafyllopoulos hofft, dass ihnen das Öl, das sie produzieren, in etwa 4000 Euro einbringt. Nachmittags arbeitet Triantafyllopoulos' Mutter an ihrer Nähmaschine auf der Veranda, um etwas dazu zu verdienen. „Wenn ich zwei Stunden so arbeite, bin ich erschöpft. Dann tut mir alles weh", sagt die 81-jährige Sofia Triantafyllopoulos. „Am traurigsten macht es mich, dass ich am Ende meines Lebens mit anschauen muss, wie meine Kinder und meine Enkelkinder wieder in Geldnot geraten sind." Von ihrer Rente zweigt sie jeden Monat rund 400 Euro ab, damit ihre Enkeltochter Eleftheria in Thessaloniki weiterstudieren kann.

Vor ein paar Tagen saß ihr Sohn gerade in einem kleinen Café neben der weißen Steinkirche im Zentrum von Aristomenis, als sein Telefon klingelte. Eleftheria war am Apparat. Sie hatte schlechte Nachrichten. Ihr Antrag auf kostenlose Unterbringung im Studentenwohnheim war abgelehnt worden. Schweigend hörte ihr Vater zu. Und schließlich traten ihm die Tränen in die Augen. Er wischte sie weg und sagte leise zu Eleftheria. „Was können wir da tun? Du wirst mit den 400 Euro im Monat auskommen müssen. Das muss reichen. Mehr Geld haben wir nicht."

Eine Möglichkeit bleibt noch - auswandern

Bis jetzt kommt Eleftheria damit aus, aber große Sprünge kann sie sich wahrlich nicht erlauben. Für ihre kleine Wohnung muss sie inklusive der Nebenkosten etwa 300 Euro monatlich zahlen. Für Essen und alles andere, was zum Leben notwendig ist, versucht Eleftheria, weniger als drei Euro am Tag auszugeben.

Triantafyllopoulos grübelt viel. Er wägt ab, was er am besten als nächstes tun sollte. Er sieht keine Möglichkeit, mit der Arbeit auf dem winzigen Bauernhof ein nennenswertes Einkommen zu erzielen. Dazu bräuchte er Kapital für Maschinen, Saatgut, Diesel und Dünger. Und dieses Kapital hat er nun einmal nicht.

Eine Möglichkeit gäbe es vielleicht noch. Er könnte auf Arbeitssuche nach Australien gehen. Dort lebt sein Bruder. Doch da wäre noch die Frage, wie er das nötige Geld zusammenkratzen soll, um überhaupt nach Australien zu gelangen.

Im Moment rüsten seine Mutter und er sich für den Winter. Die meiste Zeit werden sie sich wohl im Wohnzimmer aufhalten, denn nur dort steht ein offener Holzkamin, überlegt er. Ein Bett haben sie schon in die Nähe der Feuerstelle geschoben, denn die Winternächte werden kalt auf dem Peloponnes.

Abends sitzt Triantafyllopoulos am Computer. Der PC war einer der wenigen Gegenstände, die er aus seinem Athener Leben herüberretten konnte. Er ist gerade dabei, ein digitales Album aus Familienfotos zu erstellen, die er vorher eingescannt hat. Die Sammlung will er der Verwandtschaft und seiner Familie schenken. Er bearbeitet ein Porträt seines verstorbenen Urgroßvaters, der auf dem Bild mit einem Jagdgewehr posiert. Dann fügt er Schnappschüsse von der Hochzeitsfeier seiner Eltern aus dem Jahr 1956 hinzu.

„Das könnte das einzige Erbe sein, das ich meinen Kindern vermachen kann", sagt er.

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