• The Wall Street Journal

Deepwater Horizon: Zwei Opferlämmer vor Gericht

    Von TOM FOWLER und RUSSELL GOLD
[image] U.S. Coast Guard/Getty Images

Mit Booten wird am 21. April 2010 versucht, das Feuer auf der Ölplattform Deepwater Horizon zu löschen. Bei der Katastrophe im Golf von Mexiko kamen elf Menschen um Leben.

Es war eine katastrophale Fehleinschätzung, die zu einer der größten Umweltkatastrophen der Neuzeit führte. Stunden bevor die Ölplattform Deepwater Horizon 2010 explodierte, beurteilten zwei BP-Ingenieure einen kritischen Sicherheitstest falsch. Darum müssen sich die beiden nun vor Gericht verantworten. Der Prozess, der in wenigen Tagen beginnen soll, dürfte sich als echte Herausforderung erweisen – sowohl für die Verteidiger, aber auch für die Anklagevertretung.

Don Vidrine ist 65 Jahre alt. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Kollegen Robert Kaluza, 63, muss er sich am 28. November vor einem Gericht in New Orleans der Anklage stellen. Und die ist nicht ohne: Neben zahlreicher anderer Vergehen wird den beiden fahrlässige Tötung auf See vorgeworfen. Bei einem Schuldspruch drohen mehr als zehn Jahre Gefängnis. Die Verteidiger der beiden Angeklagten weisen die Anschuldigungen zurück.

Associated Press

Betty Doud zündet Kerzen am Strand an, um den elf getöteten BP-Mitarbeitern zu gedenken.

Die Männer hatten eine abschließende Prüfung überwacht. Mit ihr sollte herausgefunden werden, ob der Zement, der in die Ölquelle gepumpt wurde, diese auch wirksam verschließt. Öl und Gas sollten anschließend nicht mehr aus dem Loch austreten, das sich in einer Tiefe von knapp 5 Kilometern unter der Meeresoberfläche befindet.

Bei einer Anklage wegen fahrlässiger Tötung auf See muss die Staatsgewalt nur einfache Fahrlässigkeit beweisen. Der Vorwurf basiert auf einem Gesetz aus den 1830er Jahren. Mit ihm sollten Segler vor gefährlichen Entscheidungen von Crewmitgliedern und Kapitänen geschützt werden.

„Einfache Fahrlässigkeit nennt sich ein Fehlverhalten einer verantwortungsvollen Person bei der Handhabung ihrer Sorgfaltspflicht", erklärt Gregory Linsin, ein ehemaliger Strafverfolger beim Justizministerium. Heute arbeitet er als Partner bei Blank Rome LLP in Washington.

Bei anderen Fällen wegen Fahrlässigkeit müssen die Strafverfolger den Angeklagten normalerweise grobes Fehlverhalten vorwerfen, sagt Linsin. Sie müssen nachweisen, dass die Beschuldigten willentlich das ihnen bekannte Risiko ignoriert haben. Im Verfahren um die Tragödie der Deepwater Horizon sind die Hürden nicht ganz so hoch. Trotzdem müssen die Geschworenen davon überzeugt werden, dass die Männer bei der Ausübung ihrer Sorgfaltspflicht versagt haben. Einige Anwälte, die nichts mit dem Fall zu tun haben, sehen in dieser Aufgabe eine große Herausforderung.

Zahlreiche Fehler waren für das Unglück verantwortlich

„Es ist immer noch eine Überraschung, dass das Justizministerium den ganzen Vorfall an diesen zwei Über-60-Jährigen aufzieht, die tatsächlich auf der Ölplattform gearbeitet haben", sagt Jimmy Ardoin, ein Strafverteidiger aus Houston. Denn wie das Wall Street Journal berichtete, waren zahlreiche Fehler für das Unglück auf der Deepwater Horizon verantwortlich. Der Zement konnte nicht verhindern, dass Gas und Öl aus dem Bohrloch austreten und ein wichtiges Sicherheitsgerät mit Namen Blowout-Preventer schloss die Quelle nicht gut genug. Der Blowout-Preventer ist eine besondere Abschlusseinrichtung an einer Bohrstelle, die bei plötzlichem Überdruck einen Öl- oder Gasausbruch verhindern soll.

Laut Anklageschrift werden Kaluza und Vidrine für den Tod der Männer auf der Ölplattform verantwortlich gemacht, da sie Ingenieure auf dem Festland nicht über problematische Daten informierten, die sich bei mehreren Drucktests ergeben hatten. Stattdessen hätten sie „unsinnige Erklärungen" anderer Mitarbeiter für die Ergebnisse akzeptiert und die Anomalitäten nicht weiter untersucht.

„Es ist eigentlich unvorstellbar, dass eine halbwegs vernünftige Person diese hart arbeitenden Männer für eine der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte der Ölförderung verantwortlich machen könnte", sagt Robert Habans, der Verteidiger von Don Vidrine.

"Ein leidenschaftlicher Mitarbeiter"

David Gerger, der Anwalt von Robert Kaluza, erklärt, sein Mandant sei wegen der Anklage „am Boden zerstört". Er fühle sich wie ein Opferlamm. „Bob war kein leitender Angestellter oder BP-Offizieller", sagt Gerger. „Er war ein leidenschaftlicher Mitarbeiter auf der Ölplattform, der seinen getöteten Kollegen jeden Tag nachtrauert."

Vidrine und Kaluza hatten bereits langjährige Erfahrungen auf Ölplattformen gesammelt. Sie waren dafür verantwortlich, Anweisungen vom Festland umzusetzen und die Qualität des Bohrloches zu überwachen.

Am Tag der Explosion erhielt Kaluza die ersten negativen Drucktests. Die Resultate verwunderten die Arbeiter auf der Ölplattform. Vidrine ordnete daraufhin einen zweiten Test an, nachdem er am späten Nachmittag die Arbeit von Kaluza übernommen hatte. Auch dieser brachte verwirrende Ergebnisse. Nachdem sich Vidrine mit anderen Angestellten auf der Plattform ausgetauscht hatte, gab er sein OK, mit den Arbeiten fortzufahren.

Es gab noch keine bundesweiten Regeln

Es gab zu diesem Zeitpunkt in den USA noch keine bundesweiten Regeln, wie bei solchen Tests zu verfahren ist. Das hat sich jedoch geändert. Bundesbehörden haben in der vergangenen Woche neue Bohrrichtlinien verabschiedet, die genau erklären, wie bei Testabläufen vorzugehen ist.

Der stellvertretende US-Justizminister Lanny Breuer sagte am Donnerstag nach Veröffentlichung der Anklageschrift, Schuld an dem Unglück trage „BPs Kultur der schnellen Profite". Darunter leide die Sorgfaltspflicht. BP erklärte, eine solche Kultur gebe es nicht.

David Uhlmann ist Rechtsprofessor an der Universität von Michigan und hat früher die Abteilung für Umweltstraftaten beim US-Justizministerium geleitet. Er sagte, er sei überzeugt, dass BPs Unternehmenskultur beim anstehenden Prozess eine Rolle spielen werde. „Es stellt sich die Frage nach der Fairness. Ist es gerecht, zwei Individuen zu verurteilen, die keinen Einfluss auf die Richtlinien und auf die Kultur gehabt haben?", fragt er.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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