• The Wall Street Journal

Uhren für Science-Fiction-Fans und notleidende Bergsteiger

    Von JOHN REVILL

Schweizer Uhrenhersteller sind seit eh und je für ihre Präzisionsarbeit und Qualität bekannt. Doch jetzt macht ihnen eine neue Gruppe von Herstellern Konkurrenz, die vor allem mit ihren ausgefallenen Designs Aufmerksamkeit erregen.

Die „Horological Machine No. 3", eine eigenartige Kreation des Genfer Herstellers MB&F, hat weder Ziffernblatt noch Zeiger und sieht eher wie ein Gerät aus einem Science-Fiction-Film aus. Die Stunden und Minuten drehen sich vielmehr in zwei hervorgehobenen Zylindern weiter.

John Revill for The Wall Street Journal

„Horological Machine No. 3" heißt die ausgefallene Uhr, die weder Ziffernblatt noch Zeiger hat.

„Man muss Mut haben, um unsere Produkte zu tragen", sagt MB&F-Gründer Maximilian Büsser, dessen Firma pro Jahr nur 20 Stück der Uhr HM3 herstellt. Das Modell, das aus Rot- oder Weißgold hergestellt wird, kostet 85.000 Schweizer Franken (70.000 Euro) und wiegt über 150 Gramm.

Büssers Uhren waren nicht die einzigen, die bei der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld, die zwischen Ende April und Anfang Mai stattfand, die Besucher überraschten. Kleine Uhrenhersteller haben weniger Marketing-Macht und kleinere Vertriebsnetzwerke als die Branchenriesen Swatch Group, zu der Omega und Longines gehören, und Cie. Financière Richemont, zu der die Marken IWC und Cartier gehören. Also bauen sie in ihre Uhren stattdessen auffällige Extras ein, um sich einen anderen Vorteil zu verschaffen.

Es gibt keine Statistiken darüber, wie viele dieser „Nischenuhren" jährlich verkauft werden. Doch Analysten glauben, dass die ausgefallenen Modelle von kleinen Herstellern weniger als ein Prozent der jährlich 30 Millionen Schweizer Uhren ausmachen. „Das ist ein kleiner Markt", sagt Luca Solca, Analyst bei Exane BNP Paribas . „Aber er wächst."

Einige der neuen Modelle zielen auf ganz besondere Bedürfnisse der Käufer ab. Die Uhr „Emergency II" von Breitling, mit der sich selbst James Bond nicht schämen müsste, kann ein Notfallsignal aussenden, wenn der Träger zwei 18 Zentimeter lange Antennen aus dem Gehäuse zieht. Die Uhr schickt dann Signale über den Besitzer und seinen Standort an Satelliten, die diese Informationen an Rettungsdienste weiterleiten.

„Es ist ein professionelles Instrument, das Leben retten kann", sagt Jean-Paul Girardin, Vice President bei Breitling. Die Uhr sei vor allem für Menschen gedacht, die gerne segeln, im Himalaya wandern oder andere aktive Hobbys betreiben.

Das Vorgängermodell der „Emergency II", die Uhr „Emergency", habe zu der Rettung von insgesamt 20 Menschen beigetragen, darunter auch zwei Piloten, die ihren Helikopter im Südatlantik aufgeben mussten.

Jaermann & Stübi, ein Uhrenhersteller aus dem Schweizer Rapperswil, zielt auf meist wohlhabende Golfspieler ab. Mit den „Stroke Play"-Uhren können Träger die Anzahl ihrer Schläge zählen und Handicaps vergleichen. Um echte Golffans zu begeistern, hat die Firma außerdem Sondereditionen der Uhr aus geschmolzenen Schlägern von bekannten Golfspielern wie Seve Ballesteros und Nick Faldo hergestellt.

Kein Ende des Trends zu ungewöhnlichen Uhren in Sicht

Auch Uhrenhersteller aus dem Nachbarland Italien wetteifern um die Aufmerksamkeit der Käufer. U-Boat Italo Fontana, ein Hersteller aus Lucca, hat bei der Messe Modelle mit Gehäusen gezeigt, die einen Durchmesser von über 6,3 Zentimetern haben. Das ist fast 70 Prozent mehr als traditionelle Uhren. Die Modelle sind von der Vergangenheit der Firma als Designer für die italienische Marine im Zweiten Weltkrieg inspiriert. Getragen werden sie schon von Berühmtheiten wie Tom Cruise und Arnold Schwarzenegger.

Die Hamburger Rainbow Watch GmbH will das Interesse der Kunden wecken, indem sie eine ganze Palette an Farben anbietet – und das in einer einzigen Uhr. Inspiriert von der bunten Swatch-Uhren-Mode, die in den Achtzigern einsetzte, wechselt das Modell „Inspiration One" jede Minute die Farbe, wenn sich drei unterschiedlich gefärbte Scheiben übereinander schieben. Das Unternehmen will bis zu drei Millionen dieser Uhren zu einem Preis von 89 bis 149 Euro verkaufen, da es gerade ein Herstellungsabkommen in China unterschrieben hat.

Analysten und Uhrenhersteller glauben, dass dieser Trend hin zu ungewöhnlichen Uhren vor allem im oberen Preissegment anhalten wird. Menschen, die genug Geld für teure Uhren haben, wollen ein außergewöhnliches Produkt als Alternative zu den qualitativ hochwertigen, aber immer weiter verbreiteten Uhren der traditionellen Luxusmarken, glauben Analysten.

Büsser will weiterhin sein kleines Team an Uhrenbauern antreiben, ganz besondere Designs zu entwickeln. „Es gibt keinen praktischen Grund mehr dafür, mechanische Uhren herzustellen", sagt er. „Der einzige Grund ist, dass sie Kunstwerke sind."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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