• The Wall Street Journal

Die Flucht der Südeuropäer ins deutsche Glück

    Von JAMES ANGELOS
Agence France-Presse/Getty Images

Migranten steigen in der bulgarischen Hauptstadt Sofia in einen Bus nach Bremen. Vergangenes Jahr kamen so viele Einwanderer nach Deutschland wie seit 17 Jahren nicht mehr - vor allem aus den südeuropäischen Krisenländern flüchten sich die Menschen in den Norden.

PFULLINGEN – Christos Karoustas und seine Frau Varvara hätten nie gedacht, dass sie einmal aus ihrem Dorf im Norden Griechenlands wegziehen würden. Sie wollten ja nicht einmal ihr Land verlassen. Aber als er während der Wirtschaftskrise jüngst seinen Job als Buchhalter verlor und nicht mehr genug Geld für seine drei Kinder im Teenager-Alter hatte, beschloss Familie Karoustas dorthin zu gehen, wo es Arbeit gibt: nach Deutschland.

Jetzt sitzt der 46-Jährige neben seiner Frau und seinem jüngsten Sohn Nikos in einer bescheidenen Neubauwohnung in Pfullingen, knapp 25 Kilometer südlich von Stuttgart, und erzählt hoffnungsvoll von seinem neuen Leben: „Wir sind hergekommen, um alle zusammen einen neuen Weg einzuschlagen."

Für Südeuropäer ist Deutschland ein Chancenland

Trotz aller Feindseligkeiten gegen Berlins Beharren, dass nur ein schmerzhafter Sparkurs die europäische Staatsschuldenkrise lösen kann, ist Deutschland für Zehntausende von Südeuropäern zu einem Land der Chancen geworden. Sie fliehen wie die Karoustas aus ihren rezessionsgeplagten Heimatländern.

Wie das deutsche Statistikamt am Dienstag meldete, lag die Einwanderung nach Deutschland im vergangenen Jahr so hoch wie seit 17 Jahren nicht mehr, und der Anstieg der Zuwanderer aus Europas Krisenländern ist der Behörde zufolge besonders augenfällig.

Anders als etwa in den USA, wo sich die Menschen auf der Suche nach Arbeit seit jeher mühelos von Bundesstaat zu Bundesstaat zu bewegen, haben es Europäer bislang traditionell eher vorgezogen, nahe der Heimat zu leben. Das liegt auch an den unterschiedlichen Sprachen und Kulturen in Europa, die Migrationsbewegungen erschweren. Aber weil die Lage auf den einzelnen Arbeitsmärkten des Kontinents immer stärker ins Ungleichgewicht gerät, nehmen auch die Migrantenströme zu.

Während die Arbeitslosenquote in der Eurozone auf mehr als 12 Prozent geklettert ist und in besonders schwer getroffenen Ländern wie Griechenland und Spanien sogar um 27 Prozent pendelt, lag sie in Deutschland im März bei 5,4 Prozent. Das belegen Statistiken der Europäischen Union.

Schon im Jahr 2011 löste Deutschland Großbritannien als oberstes Zuwanderungsziel innerhalb der EU ab. 690.937 Menschen zogen im vergangenen Jahr nach vorläufigen deutschen Daten aus anderen EU-Staaten nach Deutschland. Allein aus Griechenland, Portugal, Spanien, Italien und Irland kamen 134.151 Menschen – mehr als zweimal so viele wie vor der Eurokrise.

Insgesamt lag die Zahl der Zuwanderer nach Deutschland im Jahr 2012 bei 1,08 Millionen – 13 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie seit 1995 nicht mehr. Mit Blick auf das außereuropäische Ausland kamen die meisten Einwanderer aus der Türkei, Serbien, China, den USA und Russland.

Das zahlenmäßig stärkste Herkunftsland war Polen mit 184.325 Zuwanderern, gefolgt von Rumänien mit 116.964 und Bulgarien mit 58.862.

In den Fußstapfen der Gastarbeiter-Generation

Den schärfsten Anstieg aber verzeichnete die Migration aus Südeuropa. 35.811 Griechen zogen allein im vergangenen Jahr nach Deutschland – mehr als vier Mal so viele wie noch 2007. Sie treten in die Fußstapfen der Gastarbeiter-Generation, die in den Sechzigerjahren nach Westdeutschland zogen und halfen, die Nachkriegswirtschaft anzukurbeln.

Auch die Eltern von Varvara Karoustas waren darunter. Sie selbst ist in Frankfurt geboren und aufgewachsen. Ihr Vater arbeitete zeitweise als Dachdecker, ihre Mutter als Putzfrau. Erst als Varvara Karoustas 18 Jahre alt war und ihre Eltern im Rentenalter, zog die Familie nach Griechenland.

Heute ist Varvara Karoustas 43 und sagt, ihr sei nie in den Sinn gekommen, dass sie jemals wieder nach Deutschland zurückgehen würde. Aber, fügt sie hinzu, sie habe auch nie damit gerechnet, dass es in Griechenland „ein solches Chaos" geben würde.

Arbeitslose Griechen ziehen zurück zu den Eltern:

Associated Press

Verzweifelt versuchte ihr Mann etwas Neues zu finden, nachdem er Ende 2010 seine Stelle bei einem Haushaltsgeräte-Importeur verloren hatte. Mehr als 100 Lebensläufe habe er verschickt, erzählt er. Am Ende wurde er gerade mal zu zwei Bewerbungsgesprächen eingeladen und keines von beiden lief gut.

Einmal bot ihm jemand vier Euro Stundenlohn für die Arbeit in einem Kiosk an. Und als Karoustas ablehnte, sagte der Geschäftsmann bloß: „Du hast noch nicht genug Hunger."

Als die Ersparnisse zur Neige gingen, sprangen teilweise ihre gealterten Eltern ein. Aber nach anderthalb Jahren ohne Arbeit beschloss das Ehepaar, dass sie in Griechenland keine Zukunft mehr haben. „Wir haben nie viel gewollt", sagt Frau Karoustas. „Wir wollen nur in Würde leben."

Sie dachten an Deutschland, und bald ebneten ihnen Verwandte den Weg. Konstantinos, der Bruder von Frau Karoustas, war schon vor zwei Jahrzehnten nach Deutschland gegangen und hatte jüngst erst einen neuen Job in einem Versandlager im schwäbischen Pfullingen gefunden.

Als erneut eine Stelle dort frei wurde, empfahl Konstantinos seinen Bruder Christos. Der bekam den Job. Er verließ Griechenland allein, Frau und Kinder zogen ein paar Monate später nach. Seit September lebt Familie Karoustas nun in Pfullingen.

Kampf gegen den Ruf krimineller Sozialschmarotzer

Auch eine andere Neuangestellte in dem Lager stammt aus Griechenland. Maria Saoulidou hatte in Nordgriechenland in einem Supermarkt gearbeitet, bis plötzlich das Gehalt ausblieb. Sie und ihr Mann zogen gemeinsam nach Deutschland. Ihre beiden jungen Söhne ließen sie bei Verwandten zurück. Sie wollen sie nachholen, sobald sie sich ein passendes Zuhause leisten können.

„Wir denken nicht an unsere Zukunft", sagt Frau Saoulidou, während sie in dem Lager Partyzubehör für Kinder sortiert. „Wir denken an die Zukunft unserer Kinder, und leider gibt es für sie in Griechenland keine."

Die Krisenpatienten aus dem Euroraum:

Seit Jahren hat Deutschland ein schwieriges Verhältnis zur Zuwanderung. Wer hierher kam, um zu arbeiten, wurde oft nicht richtig integriert. Um deutscher Staatsbürger zu werden, müssen Ausländer hohe Hürden überwinden – sofern sie es überhaupt versuchen. Obendrein sind viele Deutsche voreingenommen, halten Zuwanderer für Wohlfahrtsschmarotzer oder Kriminelle.

Benjamin Elsner, Migrationsforscher am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn, zerstreut solche Ängste. Er sagt, für die große Mehrheit der Neuankömmlinge sei es „schwer möglich", von deutschen Wohlfahrtsleistungen zu leben. Sie könnten zwar Kindergeld beantragen, aber in der Regel müssen gewöhnliche Einwanderer mindestens ein Jahr lang in Deutschland gearbeitet haben, um überhaupt Anspruch auf Sozialleistungen zu bekommen, sagt Elsner.

„Es stimmt nicht", dass es unter Einwanderern eine höhere Rate an Wohlfahrtsempfängern gebe, sagt auch Costanza Biavaschi, Volkswirtin am IZA. Vielmehr seien diese normalerweise „gut ausgebildet, jung und ehrgeizig". Biavaschi sieht „keinen triftigen Anhaltspunkt" dafür, dass Einwanderer nur nach Deutschland kommen, um hier Wohlfahrtsleistungen abzustauben.

Experten sagen, dass die neue Zuwandererwelle gut für Deutschland ist. Angesichts der schrumpfenden und überalternden Bevölkerung sei Deutschland dringend auf qualifizierte Arbeiter aus dem Ausland angewiesen, um sein Wirtschaftswachstum und sein Renten- und Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten.

Viele schreckt die Sprachbarriere ab

Die Folgen für die Heimatländer der Auswanderer sind weniger klar. Sie verlieren zwar wichtige Talente, können aber auch davon profitieren, wenn ihre Arbeitslosen im Ausland eine Anstellung finden und nicht untätig in der Heimat herumsitzen.

Insgesamt aber ist die derzeitige Wanderungsbewegung nach Norden längst nicht so groß, wie man angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in Südeuropa vermuten möchte. Sprachbarrieren, das strenge deutsche Arbeitsrecht und Unternehmen, die lieber keine Ausländer einstellen wollen, bleiben laut Analysten für viele ein Hinderungsgrund.

Herr und Frau Karoustas sagen, sie fühlen sich jetzt glücklich. Varvara Karoustas spricht fließend Deutsch und hat eine Stelle in einem Betrieb für Autoteile gefunden. Zusammen verdienen sie genug, um sich ihre neue Wohnung schön einrichten zu können.

Ihren Kinder fällt der Umzug schwerer. Der 18-jährige Dimitrios verdingt sich ein paar Stunden die Woche als Lastwagenpacker. Er hatte vor, an einer deutschen Universität Musik zu studieren, aber er erfüllte die Zulassungskriterien nicht. Jetzt denkt er darüber nach, wieder nach Griechenland zu gehen und dort zu studieren, um Öl- und Erdgastechniker zu werden.

Die 16-jährige Stavroula hätte in Griechenland in zwei Jahren ein Studium begonnen. Jetzt lernt sie Deutsch mit anderen jungen Einwanderern, von denen viele weitaus ungebildeter sind als sie. Es frustriert sie, dass einer ihrer Lehrer neulich anfing zu erklären, wie oft die drei in die sechs passt. Und ihre Eltern haben ihr gesagt, dass sie wohl nicht mehr nach Griechenland zurückkehren werden. Stavroulas Augen füllen sich mit Tränen, als sie das erzählt.

Das Leben in Griechenland sei „geselliger" gewesen, sagt sie.

Auch Nikos, mit 15 Jahren das jüngste der drei Kinder, vermisst seine Freunde. „Mach' dir keine Sorgen", hat ihm sein Vater schon gesagt. Er werde seine Kumpels sicher wiedersehen. „Ich hoffe es ja nicht", lautete die aufmunternde Antwort, „aber die werden auch noch alle nach Deutschland kommen."

—Mitarbeit: Nina Adam

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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