• The Wall Street Journal

Chinesen bringen ihr Geld aus dem Land

    Von ALISTAIR MACDONALD, PAUL VIEIRA und WILL CONNORS

In China haben immer mehr Leute Geld. Und sie versuchen, es aus dem Land zu bekommen: Die Zollfahnder in den USA und Kanada haben in letzter Zeit hohe Mengen an Bargeld beschlagnahmt, das Reisende in Geldbeuteln, Handtaschen und Koffern über die Grenze bringen wollten.

Auf Kanadas zwei größten Flughäfen, Toronto und Vancouver, wurden zwischen April 2011 und Juni 2012 knapp 13 Millionen kanadische Dollar an undeklariertem Geld beschlagnahmt – umgerechnet etwa 10 Millionen Euro. Das ergeben Dokumente des kanadischen Zolls, in die das Wall Street Journal Einblick hatte.

Der Betrag – das meiste davon wurde an die Eigentümer zurückgegeben – macht mehr als die Hälfte des Geldes aus, das insgesamt in der Zeit an diesen Flughäfen beschlagnahmt wurde. Auch die USA sind ein beliebter Hafen für chinesisches Geld. Dort kommen Bürger des Reichs der Mitte direkt hinter den Amerikanern selbst, was beschlagnahmte Scheine angeht.

dapd

Reisende am Pekinger Flughafen - immer mehr Chinesen bringen ihr Geld auf die rustikale Art aus dem Land. Beliebtestes Ziel ist Kanada.

Im Juni ist ein Chinese am Flughafen in Vancouver mit umgerechnet 134.000 Euro erwischt worden – das meiste in US-amerikanischen und kanadischen 100-Dollar-Noten, die in seiner Geldbörse und seinen Hosentaschen steckten und im Stoff seines Koffers eingenäht waren. Der Mann habe erklärt, er wolle mit dem Geld ein Haus oder ein Auto kaufen, sagte der kanadische Zollbeamte, der das Geld fand. Er konnte das Geld behalten und musste eine Gebühr dafür zahlen, es nicht deklariert zu haben.

Die war mit 2.500 kanadischen Dollar – oder 1.900 Euro – allerdings ein recht kleiner Preis dafür, den strikten Pekinger Zollvorschriften entkommen zu sein. Chinas Bürger dürfen nicht mehr als 50.000 Dollar, oder 38.000 Euro, pro Jahr aus dem Land bringen. Vor allem bei der Ausfuhr von privatem Geld schauen die Behörden genau hin – so wollen sie zum einen die Korruption bekämpfen, zum anderen fürchten sie, dass die Kapitalflucht der Wirtschaft schadet.

Das an den Flughäfen sichergestellte Geld macht nur einen kleinen Teil des ausgeführten Kapitals chinesischer Privatleute aus. Aber es zeigt, dass die Chinesen immer mehr auf eine sehr rustikale Methode setzen, um den Kontrollen zu entgehen: Scheine einstecken und losfliegen.

Die kanadische Regierung hat zwar bisher keine Daten im Zeitvergleich. Aber frühere und jetzige kanadische Regierungsvertreter, die mit dem Thema vertraut sind, sagen, dass Chinesen mehr Geld denn je ins Land bringen. Ähnlich in den USA, wo an den Flughäfen aus dem Reich der Mitte zwischen 2009 und 2011mehr als fünf Millionen US-Dollar an nicht deklariertem Geld gefunden wurden. Das sind 8,4 Prozent der insgesamt beschlagnahmten Summe – und mehr als das Doppelte des nächstgroßen Betrags aus einem anderen Land.

Es ist nicht unbedingt illegal, große Mengen an Geld aus dem Land zu bringen. Aber Reisende müssen Summen ab 10.000 Dollar angeben, wenn sie in Kanada oder den USA landen. Das meiste nicht deklarierte Geld wird vorläufig beschlagnahmt, der Besitzer muss Gebühren zahlen und bekommt es wieder. Nur wenn die Zollbeamten glauben, dass es illegal verdient wurde, wird weiter nachgeforscht.

Auch in China muss Strafe zahlen, wer die Gesetze über das Ausführen von Geld verletzt. Von 2007 bis 2011 haben die Behörden Gebühren über 1,27 Milliarden Yuan, oder 153 Millionen Euro, verhängt.

Die kanadischen Behörden zögern oft, ihre Kollegen in China über verbotene Geldflüsse zu informieren. „Das Dilemma für uns ist, dass das Teilen von Informationen die chinesischen Angehörigen in Probleme bringen kann", sagt Garry Clement, der bei der kanadischen Polizei früher die Geldwäscheabteilung geleitet hat. Dadurch, dass die Kanadier nicht immer mit den Chinesen zusammenarbeiten, sei es schwierig, einzuschätzen, aus welchen Quellen das Geld komme, so Clement. Ein Sprecher des kanadischen Zolls wollte die Sache nicht kommentieren.

Neben dem Koffer gibt es viele andere legale und illegale Methoden, Geld aus China abzuführen, sagen Experten. So überweisen viele etwa privates Geld zusammen mit legitimen geschäftlichen Summen, damit es unbemerkt bleibt. Mittelsmänner machen es zahlungskräftigen Kunden einfach.

Tony Savino, Immobilienmakler aus Vancouver, sagt etwa, er habe einen chinesischen Kunden, der mittels Überweisungen durch Familienmitglieder das Geld von China nach Kanada bekommt. Jede Überweisung sei über 10.000 Dollar – bis der Chinese genug für eine Wohnung in Kanada zusammen hat.

Auch per Flugzeug können Familien größere Summen aus China bringen, ohne gegen die dortigen Gesetze zu verstoßen. „Eine sechsköpfige Familie etwa könnte 300.000 US-Dollar pro Jahr verschieben", sagt Polizeiinspektor Jean Cormier, der die Geldwäsche-Einheit der kanadischen Polizei leitet.

Manche Chinesen gehen sogar so weit, sich einen anderen Pass zu besorgen. So etwa ein Anleger namens Bruce Lee, der vor zwei Jahren Bürger der Sonderverwaltungszone Hongkong wurde, auch wegen der lockereren Devisenvorschriften. Im Juni kaufte Lee für 400.000 US-Dollar eine Insel vor der kanadischen Provinz Neuschottland. Um das Geld zusammenzubekommen, hat er Geld von seinem chinesischen Möbelunternehmen zu einer seiner Firmen in Hongkong überwiesen. Von da aus ging das Geld auf ein Konto in Kanada – alles legal.

Doch nicht jeder hat Zugang zu derart verfeinerten Methoden. Auf den Flughäfen in und um Los Angeles alleine wurden in den vergangenen drei Jahren eine Million US-Dollar beschlagnahmt. Aber die gefundenen Summen in den USA sind klein, verglichen mit denen in Kanada. In Vancouver wurde zwischen April 2011 und Juni 2012 Geld von 592 Chinesen und 60 Hongkongern registriert – insgesamt 11 Millionen Kanadische Dollar. Von den Chinesen kamen fast drei Viertel des gesamten Geldes, das am Flughafen beschlagnahmt wurde. Auf dem Flughafen Toronto waren es 1,8 Millionen US-Dollar von Chinesen und Hongkongern.

dapd

Eine Frau steckt in Peking Yuan in ihre Tasche.

Dass Kanada beliebt bei den Chinesen ist, hat Gründe: Die Bestimmungen beim Kauf von Immobilien sind vergleichsweise locker, und die Regierung vergibt oft Wohnsitze an Investoren. Dazu kommen die Lebensqualität im Land und eine große chinesischsprachige Gemeinde.

Das Geld der Chinesen hat die Immobilienpreise in den kanadischen Großstädten hochgetrieben. Jetzt schauen die Anleger aus dem Reich der Mitte auch in der Provinz. Sharon Black in Kelowna in British Columbia hat jüngst ein Weingut für 2,9 Millionen Dollar an einen chinesischen Käufer losgeschlagen.

Die neu in Kanada angekommenen Asiaten bringen gerne 100.000 bis 200.000 Dollar in Bargeld mit, sagt Sam Peng, der in Vancouver eine Organisation leitet, die chinesische Anleger und kanadische Berater zusammenbringt. „Das ist nichts Ungewöhnliches hier – es passiert jeden Tag."

—Mitarbeit: Lingling Wei und Charles Forelle

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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