• The Wall Street Journal

Venezuela leidet unter steigendem Defizit

    Von DAN MOLINSKI und KEJAL VYAS
[image] dapd

Gemüseverkäufer mit Chávez-T-Shirt auf einem Markt in Caracas. Viele Venezolaner horten bereits Dollar, sie fürchten eine Abwertung des Bolivar.

CARACAS – Venezuela starrt gebannt auf die Gesundheit seines Präsidenten. Sollte Hugo Chávez sterben, dürfte es Neuwahlen geben. Deshalb vermeidet es seine Regierung, die zunehmend angespannte Wirtschaftslage des Staates anzugehen oder gar gegenzusteuern. Egal, wer nach den Wahlen die Verantwortung für das ölreiche südamerikanische Land übernehmen wird: Es dürfte eine harte Landung auf dem Boden der Tatsachen geben.

Die Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen des venezolanischen Staates öffnet sich laut einigen Investmentbanken immer weiter. Sie schätzen, dass die Lücke inzwischen 12 bis 20 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung ausmacht. Die große Spanne erklärt sich durch viele Ausgaben, die im regulären Haushalt nicht aufgeführt werden.

Das wachsende Defizit treibt die Finanzierungskosten Venezuelas auf ein Niveau, dass viele Analysten als dauerhaft nicht tragbar einschätzen; es sei denn, das Land bringt seine Ausgaben unter Kontrolle, kann seine Einnahmen durch steigende Ölpreise erhöhen oder wertet seine starke Währung Bolivar ab, um den Konsum anzukurbeln.

Doch diese Pläne scheinen derzeit auf Eis zu liegen. Barclays schreibt in einer aktuellen Analyse: "Die Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Präsidenten und mögliche Neuwahlen in diesem Jahr erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass erforderliche Anpassungen [inklusive einer Abwertung der Währung] verzögert werden."

Eine Abwertung würde helfen, das Defizit zu verringern. Das ins Ausland verkaufte Öl des Landes wird in Dollar bezahlt. Umgerechnet in die lokale Währung stiegen damit die Einnahmen des Landes. Zugleich würde eine Abwertung aber auch die Inflation ankurbeln, da importierte Waren teurer würden. Das erklärt, warum sich diese Maßnahme nicht allzu großer Beliebtheit erfreut.

Viele Ökonomen hatten erwartet, dass die Regierung den Bolivar kurz nach den Wahlen abwerten würde. Doch aufgrund des sich verschlechternden Gesundheitszustandes von Chávez vermeide seine Sozialistische Partei schwierige Entscheidungen, sagen die Experten. Die Partei warte ab, was mit ihrem Anführer passiere. Die Währung ist mit 4,30 Bolivar je Dollar an die amerikanische Währung gekoppelt und wird von der Regierung strengstens kontrolliert.

Chávez hat sich seit seiner Krebsoperation am 11. Dezember in Kuba weder in der Öffentlichkeit gezeigt noch eine Ansprache gehalten. Sein von ihm als Nachfolger auserkorener Vizepräsident Nicolas Maduro sagte noch vor wenigen Tagen, Chávez kämpfe mit „neuen Komplikationen", die Situation sei „heikel". Nach einem Besuch am Krankenbett in Kuba sagte Maduro nun, der Präsident zeige zeitweilig leichte Zeichen der Besserung. Dennoch gehen viele Venezolaner davon aus, dass ihr Präsident ernsthaft, wenn nicht sogar unheilbar, krank ist.

Das venezolanische Gesetz sieht vor, dass im Falle der Verhinderung oder des Todes eines gewählten Präsidenten innerhalb von 30 Tagen Neuwahlen abgehalten werden müssen. Die jüngste Wahl gewann Chávez, eigentlich soll er am 10. Januar seinen Amtseid ablegen. Sein favorisierter Nachfolger Maduro liegt laut einer aktuellen Umfrage knapp vor dem Kandidaten der Opposition, Henrique Capriles. Er trat schon bei den Wahlen im Oktober gegen Chávez an.

Für das große Haushaltsloch sind zum Teil auch die gestiegenen Ausgaben vor den Wahlen im Oktober verantwortlich. So verhalf eine Geldspritze der Wirtschaft auf die Beine, das Wachstum im Gesamtjahr belief sich laut der venezolanischen Zentralbank dank des in den Kreislauf gepumpten Kapitals auf die geschätzten 5,5 Prozent. Außerdem verhalf das Wahlgeschenk Chávez zum Sieg.

Doch trotz der finanziellen Schieflage sehen die Analysten Venezuela nicht im Krisenmodus, anders als viele der schuldenbeladenen Länder der Eurozone. Dennoch: Das Defizit steigt, und der südamerikanische Staat besorgt sich die nötigen Gelder durch bilaterale Abkommen mit Ländern wie China. Das besorgt die Ökonomen – und zwar schon zu Zeiten, in denen die Ölpreise auf hohem Niveau pendelten.

Venezolaner horten Dollar

Eine Verzögerung der Wechselkursbereinigung könnte die Dollarknappheit in dem importabhängigen Land erhöhen. Harte Währung wird benötigt, um Geschäfte mit dem Ausland zu tätigen. Doch der Zugang ist nur über die Regierung möglich. Eine unzureichende Bereitstellung von Dollar könnte zu einer Verknappung von vielen Gütern führen, von Babywindeln bis hin zu Lebensmitteln.

"Wenn sich die Regierung nicht rechtzeitig bewegt, werden uns die Kürzungen hart treffen, so dass sie jeder in den kommenden Monaten zu spüren bekommen wird", sagt Henkel Garcia, Direktor der venezolanischen Analysefirma Econometrica.

Regierungsvertreter wie Finanzminister Jorge Giordani beteuern, dass der Dollarbedarf des Landes zurzeit gedeckt sei – das könnte bedeuten, dass die Regierung eine Abwertung momentan für nicht notwendig erachtet. In der vergangenen Woche warnte Zentralbankpräsident Nelson Merentes vor der „Antizipation" jeglicher Art von Anpassung. Politische Maßnahmen wie diese könnten nicht im Voraus diskutiert werden.

Chávez Regierung hat die Währung im vergangenen Jahrzehnt fünf Mal abgewertet. Die zwei jüngsten Anpassungen waren immer zum neuen Jahr, deshalb erwarten viele, dass es bald zu einer weiteren Runde kommen könnte. Viele Venezolaner horten bereits Dollar, um ihre Ersparnisse vor einer potenziellen Abwertung und der chronisch hohen Inflation zu schützen. 2012 dürfte die Inflation bei 12,2 Prozent gelegen haben, schätzen Analysten.

Auf dem Schwarzmarkt brach der Wert des Bolivar in den vergangenen Monaten bereits ein. Momentan muss man auf der Straße 17 Bolivar für einen Dollar hinblättern. Zu Beginn des vergangenen Jahres waren es noch 8,50 Bolivar, schreiben beliebte inoffizielle Webseiten, die die Wechselkursrate aufzeichnen.

Die Angst vor einer Abwertung ist so groß, dass lokale Medien kürzlich sogar Checklisten und Tipps veröffentlicht haben, wie man am besten damit umgeht. Die Regierung warnt vor solcher „Hilfe" durch die Medien, da dies nur zu einer noch höheren Inflationsrate führe.

"Tatsache ist: Die Venezolaner haben kein Vertrauen in ihre Währung", sagt Garcia. Er rät Einheimischen, den vollen Dollarbetrag auszuschöpfen, den die Regierung Einzelpersonen pro Jahr genehmigt. In der Regel sind das 400 Dollar jährlich für Elektrogeräte und 2.500 Dollar für Reisen.

Garcia sagt: „Es ist traurig, aber momentan haben wir keine andere legale Möglichkeit, um unsere Ersparnisse zu schützen".

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