• The Wall Street Journal

Ein digitales neues Jahr für die Banken

    Von DIRK ELSNER

Zum Jahreswechsel bieten sich ein letzter Blick auf den Wandel in der Finanzwelt im vergangenen und ein Ausblick auf das gerade gestartete Jahr an. Die Rückschau auf die Veränderungen im klassischen Banking kann ich mir mit Blick auf die ernüchternden Strategiewechsel sparen: Die Finanzbranche kämpft nicht nur mit gewaltigen Rechts- und Imageproblemen. Viele Banken konnten sich 2012 nur dank weiterer direkter oder indirekter Staatsunterstützung am Leben halten. Daneben wird der Finanzsektor in ein strenges Regulierungskonzept eingezwängt, über dessen Sinn und Unsinn heftig gerungen wird.

Deutlich spannender verlief die Entwicklungen im "Next Generation Finance". Hier versuchen immer mehr Newcomer mit Produkt- und Prozessinnovationen die bisherigen Wertschöpfungsketten im Finanzwesen aufzubrechen. Seit einigen Jahren rollt die Veränderungswelle auch in Deutschland.

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Dirk Elsner

Mittlerweile gibt es kaum noch einen traditionellen Geschäftsbereich, in dem nicht Unternehmen versuchen, neue Bankleistungen zu platzieren. Besonders ausgeprägt entwickeln sich hier der Zahlungsverkehr und das mobile Bezahlen: Telekommunikationskonzerne, Internetriesen und unzählige Start-ups buhlen um die bequemsten Zahlungsmethoden. Insbesondere Paypal gehörte 2012 zu den großen Gewinnern. Andere hoch gewettete Lösungen, wie etwa Google Wallet, warten dagegen konnten bisher nicht erfolgreich platziert werden.

So dominant sich viele Newcomer präsentieren, sie haben bisher nicht den Durchbruch geschafft und bremsen sich durch zu verschiedene Lösungsansätze noch gegenseitig aus. Bereits für 2012 hatte ich mir auch in Deutschland mehr Anwendungsmöglichkeiten für mobile Bezahlverfahren mit Smartphones in Deutschland erhofft. Bisher ist das nicht erfüllt worden. Wir werden hier 2013 mehr sehen, wohl aber auch noch keinen Durchbruch erleben. Die Deutschen lieben ihr Bargeld eben.

Bestimmt werden dürfte der Zahlungsverkehr 2013 auch durch Probleme vieler Unternehmen mit der Umstellung auf den einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum SEPA. Im Onlinebereich wird dies alternative Zahlungsverfahren befördern. Die Lastschrift wird hier sterben, wenn die Kreditwirtschaft nicht noch eine Lösung für das beliebteste deutsche Bezahlverfahren findet.

Was machen Apple und Facebook?

Gespannt bin ich, ob 2013 Apple oder Facebook ihre Plattformen und große Nutzerbasis nutzen, um einen Einstieg in Finanzdienstleistungen voranzutreiben. Apple hat 2012 Patente für die iWallet erhalten, die bisher nicht den Weg auf die mobilen Geräte gefunden hat. Dafür ist der Apfelkonzern mit Passbook in einen schon finanzmarktnahen Service eingestiegen, mit allerdings bisher mäßigem Erfolg. Facebook sendet zwar immer mal wieder Signale in Richtung Finanzdienstleistungen, verhält sich aber noch vergleichsweise defensiv.

In Massen sind dagegen im vergangenen Jahr Crowdfunding-Plattformen in Deutschland an den Start gegangen. Bisher konzentrieren sie sich vorwiegend auf Start-ups und Finanzierungsvolumina bis 100.000 Euro. Bereits jetzt überspringen einige Plattformen diese regulatorische Grenze und der Trend wird sich fortsetzen. Die Finanzierungsschwerpunkte werden sich hin zu mehr Wachstumsfinanzierungen für stabilere Unternehmen wandeln. Auch Anzeichen hin zu einer professionelleren Informationsbereitstellung sind erkennbar.

Ich erwarte für 2013 dennoch etwas Ernüchterung in diesem Segment und erste Schieflagen bei finanzierten Projekten. Schon jetzt erfüllen einige Investments längst nicht die überzogenen Erwartungen. Während sich Bedenkenträger gegenüber dieser neuen Finanzierungs- und Anlageform bestätigt fühlen könnten, dürfte dies aber eher den Trend zu einer weiteren Professionalisierung des Crowdinvestings fördern. Wenn man nämlich Anleger für diese neue Assetklasse begeistern will, muss man mehr bieten als eine vermeintlich skalierbare Geschäftsidee, die über YouTube-Videos gehypt werden. Wenn Crowdfunding den Nerdcharakter überwinden will, werden sich die Plattformen den anspruchsvollen regulatorischen Herausforderungen stellen müssen. Daran könnten einige Anbieter scheitern, andere werden Möglichkeiten finden, das Finanzaufsichtsrecht zu umgehen.

Banken verkaufen Banking-Apps als Revolution

Zu den Innovationen, die für 2013 in der Pipeline warten, zählen webbasierte persönliche Finanzinformationssysteme, wie wir sie schon seit Jahren etwa mit Mint.com in den USA beobachten können. Und im Asset Management dürften wir mit den hier in der letzten Kolumne vorgestellten Plattformen Wikifolio und Moneymeets haben erst den Auftakt zu neuen Leistungen gesehen haben.

Die klassischen Banken werden sich 2013 weiter in Trippelschritten an die digitale Gesellschaft herantasten. Den Kunden jedoch werden sie es als Finanzrevolution verkaufen, wenn sie das seit zehn Jahren funktional kaum weiter entwickelte Online-Banking nun endlich auf Apps für Smartphones portieren. Im Zuge dieser Entwicklung wird das Sterben der Bankzweigstellen den Wandel prägen.

Immer mehr klassische Banken werden aber entdecken, dass der Zug in Richtung digitaler Gesellschaft ohne sie Fahrt aufgenommen hat. Einige Institute werden weiterhin Argumente sammeln, warum sie lieber hinterherwinken. Andere suchen sich einen Platz in bestehenden Abteilen, ganz mutige werden gar einen eigenen Anhänger ankoppeln.

In jedem Fall sollte 2013 kein langweiliges Jahr für den Wandel im Banking werden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Start in das neue Jahr.

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Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und mittelständische Unternehmen. 2008 hat er den Blick Log gegründet, der 2012 zum Finanzblog des Jahres gekürt worden ist. Ein Schwerpunkt des Blogs sind Themen aus der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und Neuerungen im Banking.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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