• The Wall Street Journal

Jürgen Fitschen - Der ehrbare Kaufmann im Imagetief

    Von MADELEINE NISSEN

Als Jürgen Fitschen im Juni vergangenen Jahres antrat, um mit Anshu Jain bei der Deutschen Bank den Kulturwandel einzuläuten, dürfte er kaum geahnt haben, dass die Geschäfte der Vergangenheit ihm selbst derart schaden würden. Nun muss der Norddeutsche nach nicht einmal einem Jahr um seine Glaubwürdigkeit kämpfen.

dapd

Jürgen Fitschen, der ehrbare Kaufmann

Fitschen selbst sieht sich als ehrbarer Kaufmann und bislang entsprach das auch dem Bild in der Öffentlichkeit. Doch ein kleiner Satz in einer eilig verfassten Pressemitteilung am Tag der Großrazzia in der Deutschen Bank versetzte dem Image des seriösen Bankiers alter Schule einen tiefen Kratzer: Im Steuerbetrugs-Verfahren ermitteln die Behörden nicht nur gegen einige unbekannte Mitarbeiter, sondern gegen Fitschen selbst.

Auch mit seiner Reaktion schadete der bald 65-jährige dem Image, besonders besonnenen und geerdet zu sein. Der spontane Wutanruf nach der Razzia bei Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier sorgte für einen Sturm der Entrüstung bei Politikern. Sie sahen darin einen Beweis für die Selbstherrlichkeit der Mächtigen, die dächten, der Griff zum Hörer reiche, um selbst unter dem Gesetz etwas gleicher als andere behandelt zu werden.

Das Ranking zum CEO des Monats

Die Deutsche Bank reagierte prompt und fuhr ihre PR-Maschinerie hoch. Es geht um viel. Denn wenn selbst ihr Vorzeigebanker Nummer eins nicht mehr das uneingeschränkte Vertrauen der Öffentlichkeit hat, ist es für die Bank ungleich schwieriger, das in der Finanzkrise angeknackste Vertrauen der Bankkunden wiederzugewinnen. Mit mehreren großen Interviews und einem zerknirschten Brief der Doppelspitze an die Mitarbeiter soll nun das Bild des ehrbaren Kaufmanns wieder hergestellt werden.

Es ist kein falsches Bild. Fitschen strahlt in seinem ganzen Auftreten eine Geradlinigkeit wie wenig andere aus. Er ist direkt, hört seinem Gegenüber aufmerksam zu und braucht das Scheinwerferlicht weniger als andere. Seine Reden hält er immer frei. Fitschen muss sich nicht an fremden, von Ghostwritern geschriebenen Texten klammern, um nicht das Falsche zu sagen. Vielmehr sagt er in einer klaren Sprache, was er von einer Sache denkt. Überlegt und kontrolliert, aber gleichwohl frei. Der im niedersächsischen Örtchen Harsefeld aufgewachsene Fitschen muss sich nicht verstellen. Das ist sein höchstes Gut.

Doch auch wenn Fitschen gerade im Vergleich zu manch anderem Banker besonders geerdet wirkt, ist er eben nicht nur der ehrbare Kaufmann. In ihm steckt auch der geschäftstüchtige Norddeutsche, der mit einer gehörigen Portion Cleverness Vorteile zu nutzen weiß. Wie weit er dabei gegangen ist, versucht die Staatsanwaltschaft nun herauszufinden.

In der Rangliste des CEO des Monats, die das Wall Street Journal Deutschland seit Februar 2012 jeden Monat veröffentlicht, steht Jürgen Fitschen im Dezember ganz oben. Gekürt wird jeweils der Vorstandschef der 30 Dax-Firmen, der – gemessen an der von Factiva ermittelten Zahl der Nennung in internationalen Medien – am stärksten im Fokus der Öffentlichkeit stand. Keinem anderen deutschen CEO wurden auch nur annähernd so viele Schlagzeilen zuteil wie dem Co-Chef der Deutschen Bank. Abgeschlagen auf den Plätzen landeten der amtsmüde Telekom-Boss Rene Obermann, Heinrich Hiesinger von Thyssen-Krupp sowie die Vorstände der Autobauer VW und Mercedes, Martin Winterkorn und Dieter Zetsche.

Obwohl erst seit Juni im Amt, hat es Fitschen auch im CEO-Ranking für das Jahr 2012 weit nach vorne geschafft. Klarer Sieger, was die gesamten Nennungen in der Presse angeht, ist allerdings VW-Chef Martin Winterkorn, der – anders als die Spitzen der Deutschen Bank – vor allem mit positiven Schlagzeilen punkten konnte und mit Volkswagen nach einem erneuten Rekordjahr an die Spitze der weltweiten Autobauer drängt.

Die Jahres-Rangliste ist die Basis für die Kür zum CEO des Jahres. Das letzte Wort bei dieser Abstimmung haben aber die Leser des Wall Street Journal Deutschland. Aus den Top Five der Vorstandschefs wählen sie in den kommenden Wochen den Unternehmensführer, der ihrer Meinung nach 2012 am meisten bewegt hat.

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Kontakt zum Autor: Madeleine.Nissen@wsj.com

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