• The Wall Street Journal

Die Kraft des negativen Denkens

    Von OLIVER BURKEMAN

Seit Weihnachten vorbei ist, ist der Winter nicht mehr bunt, sondern grau. Es ist schwer, bei guter Laune zu bleiben, wenn die Lichterketten verschwinden und vom Winter nichts mehr bleibt als Schneematsch und Nieselregeln.

Magazine und Fernsehsendungen fordern, die Winterdepression mit „positivem Denken" zu überwinden. Es ist der Rat, den Norman Vincent Peale, Autor des Buchs „Die Kraft des positiven Denkens", schon vor 60 Jahren gegeben hat. Doch das Ergebnis ähnelt oft dem Experiment des Psychologen Daniel Wegner, bei dem man auf keinen Fall an einen weißen Bären denken soll. Strengt man sich an, denkt man umso mehr daran.

Die Philosophie des positiven Denkens ist tief in der Kultur verankert. Doch einige Studien zeigen, dass beherzte Aufmunterungen, die die Laune durch Wiederholung und die Vorstellung des zukünftigen Erfolgs heben sollen, oft den gegenteiligen Effekt erzielen.

Sowohl in der antiken Philosophie als auch in der modernen Psychologie gibt es jedoch eine Alternative: den „negativen Weg zum Glück". Diese Idee erklärt zum Beispiel, warum die Bewohner armer und wirtschaftlich instabiler Länder oft glücklicher sind als die von Industriestaaten, oder warum erfolgreiche Geschäftsmenschen sich oft keine festen Ziele setzen.

Ein Pionier des „negativen Wegs" war der New Yorker Psychotherapeut Albert Ellis, der 2007 gestorben ist. Er entdeckte eine wichtige Erkenntnis der stoischen Philosophen aus der Antike wieder: Oft lässt sich die Zukunft am besten bewältigen, wenn man sich nicht auf den besten, sondern eher auf den schlimmstmöglich Ausgang konzentriert.

Der Stoiker Seneca war in dieser Frage radikal. Wenn man sich davor fürchtete, arm zu werden, riet er: „Verbring einige Tage damit, so wenig und schlecht zu essen wie möglich, und kleide dich in unfeinen und groben Kleidern, und frage dich dann: Ist es das, wovor ich mich gefürchtet habe?"

Ellis riet Patienten, die sich davor fürchteten, sich zu blamieren, in die New Yorker U-Bahn einzusteigen und an jeder Haltestelle die Namen der Stationen so laut wie möglich auszurufen. Als leicht beschämte Person und im Interesse der journalistischen Recherche hörte ich auf seinen Rat und stieg in die Central Line der Londoner U-Bahn ein. Es war qualvoll. Doch meine aufgeblähten Ängste wurden kleiner: Keiner griff mich verbal oder körperlich an, nur ein paar verwunderte Blicke trafen mich.

Strenge Ziele führen zu Selbstbetrug

In nüchternen Details über das Katastrophenszenario nachzudenken kann helfen, der Zukunft ihre beängstigende Kraft zu nehmen. Die Psychologin Julie Norem schätzt, dass etwa ein Drittel aller Amerikaner diese Strategie instinktiv nutzen. Sie nennt das „defensiven Pessimismus". Positives Denken besteht darin, sich selbst davon zu überzeugen, dass alles gut gehen wird – was jedoch auch den Glauben verstärkt, dass jeder andere Ausgang schrecklich wäre.

In amerikanischen Unternehmen hat der „Kult des Positiven" dazu geführt, dass den Mitarbeitern kühne Ziele gesetzt werden, und dass diese SMART sein sollen – „Spezifisch, Messbar, Ausführbar, Relevant und Terminierbar".

Doch der Glaube an die hohen Ziele zerfällt immer mehr. Zum einen können strenge Ziele dazu führen, dass gepfuscht wird. In einer Studie der Management-Forscherin Lisa Ordóñez sollten Teilnehmer wie bei dem Gesellschaftsspiel Scrabble Wörter aus zufälligen Buchstaben zusammensetzen. Ihren Erfolg dabei durften sie anonym vermelden. Die Teilnehmer, die ein bestimmtes Ziel erreichen sollten, logen weit häufiger, als die, die lediglich „ihr Bestes geben" sollten.

Ziele können auch dazu führen, dass Potential nicht ausgenutzt wird. Viele Taxifahrer in New York, fand ein Team von Ökonomen, verdienen bei Regenwetter weniger als sie könnten, da sie sofort Feierabend machen, wenn sie das Verdienstziel erreichen, das sie sich gesetzt haben.

Es kann auch gefährlich sein, sich auf ein Ziel zu konzentrieren und dabei alle anderen Faktoren zu vernachlässigen, sagt Christopher Kayes, Management-Professor an der George Washington University in Washington. Kayes erinnert sich an eine Unterhaltung mit einem Geschäftsmann, dessen Ziel es war, im Alter von 40 Jahren Millionär zu sein. „Er hat es geschafft. Doch er war auch geschieden, hatte gesundheitliche Probleme, und seine Kinder sprachen nicht mehr mit ihm." Hinter unserer Fixierung auf Ziele, sagt Kayes, steckt ein tiefes Unbehagen gegenüber der Unsicherheit.

Frage nach dem maximalen Verlust

Wer Unsicherheit in sein Leben integrieren kann, führt nicht nur ein ausgeglichenes Leben, sondern hat oft bessere Chancen auf Wohlstand, zeigt die Forschung von Saras Sarasvathy, einer BWL-Professorin an der University of Virginia. Bei einem Projekt interviewte sie 45 erfolgreiche Unternehmer, die alle mindestens eine Firma an die Börse gebracht haben. Fast keiner von ihnen baute auf umfassende Geschäftspläne oder detaillierte Marktforschung.

Anstatt sich ein Ziel zu setzen und dann einen Plan zu entwickeln, wie das zu erreichen wäre, machten sie eine Bestandsaufnahme ihrer Mittel und Möglichkeiten und malten sich dann aus, was sie damit erreichen könnten. Diese Strategie umfasst auch das Prinzip des erschwinglichen Verlusts. Anstatt sich auf den möglichen Gewinn aus einem Projekt zu konzentrieren, sollte man sich fragen, wie groß der maximale Verlust ist. Wenn der verkraftbar ist, sollte man den nächsten Schritt gehen.

Der Wert des „negativen Wegs" liegt nicht im Optimismus oder im Erfolg, sondern im Realismus. Die Zukunft ist nun mal unsicher, und manchmal gehen Dinge schief. Zu oft sind wir von dem Verlangen motiviert, allen möglichen Überraschungen in unserem Leben vorzubeugen.

Das trifft vor allem auch auf das größte aller „Risiken" zu. Können wir davon profitieren, öfter über unsere Sterblichkeit nachzudenken? Steve Jobs sagte dazu: „Daran zu denken, dass ich irgendwann sterben werde, ist die beste Methode, um nicht zu glauben, dass ich irgendetwas zu verlieren hätte."

Auch wenn wir noch so gerne mit Woody Allens Position zum Tod übereinstimmen würden – „Ich bin sehr dagegen" – spricht vieles dafür, ihn zu konfrontieren, anstatt ihn zu leugnen. Es gibt einige Tatsachen, die selbst der positivste Denker nicht ändern kann.

—Nach Oliver Burkemans Buch"The Antidote: Happiness for People Who Can't Stand Positive Thinking", erschienen im November bei Faber & Faber.

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