• The Wall Street Journal

Brics-Staaten fallen als Wachstumsmotor aus

    Von BOB DAVIS

PEKING – Bis vor kurzem sah es noch so aus, als ob die Brics-Staaten die Motoren der Weltwirtschaft werden könnten. Doch 2013 dürften sie weiter an Schwung verlieren. Unter den Brics versteht man die wichtigsten aufstrebenden Schwellenmärkte: Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Zusammen machen sie 40 Prozent der Weltbevölkerung aus. Doch nur China verfügt über das wirtschaftliche Gewicht, um mit eigener Kraft global etwas zu bewegen. Und das Land hat seine Verlangsamung gerade erst überwunden. Die vier anderen Staaten haben jeweils ganz eigene Probleme, von Inflation über unzureichenden Auslandsinvestitionen bis hin zu sozialen Unruhen.

Seit 2009 haben sich die politischen Führer der Gruppe vier Mal getroffen. Südafrika, das erst 2010 dazu gestoßen ist, richtet im März den fünften Gipfel aus. Aber die Idee, dass sich die Brics-Länder gegenseitig durch intensiveren Handel, Investitionen und politische Unterstützung gegenseitig helfen, hat noch nicht gezündet. Sie sind gleichzeitig Verbündete und Rivalen, und ihr Mangel an Zusammenhalt trägt zu den Wirtschaftsproblemen bei.

Reuters

Dank einem wieder erstarkten Immobilienmarkt könnte China 2013 ein höheres Wachstum verzeichnen.

China beklagt sich, dass es von den anderen Brics-Ländern wegen Dumpings verklagt wird. Brasilien empört sich über Einfuhrbeschränkungen für landwirtschaftliche Produkte in Russland. Moskau versucht derweil selbst, zum wichtigen Exporteur von Agrarprodukten zu werden, was den Wettbewerb mit Brasilien verschärfen würde. Ein langsameres Wachstum in China und Indien drückt die Rohstoffpreise, was Südafrika und Russland weh tut.

„Bei den Brics geht es nicht um die Wirtschaft", sagt Fjodor Lukjanow. Der Analyst leitet ein einflussreiches außenpolitisches Beratergremium des Kreml. „Der Block sieht sich als Alternative zum Westen, aber nicht so konfrontativ wie der Iran." In wirtschaftlichen Fragen gebe es „unterschiedliche, sich zum Teil widersprechende Interessen".

Leichte Beschleunigung in China

Sich selbst betrachten die Brics als politischen und wirtschaftlichen Gegenpol zur Gruppe der sieben größten Industrienationen USA, Kanada, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Italien und Japan. Aber beide Seiten sind eng miteinander verstrickt. Als die US-Finanzkrise sich auf Europa ausdehnte, hatte das auch globale Folgen. Die Brics-Länder schwächelten, weil ihnen große Absatzmärkte sowie Finanzierungsquellen verloren gingen.

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Das enorme Konjunkturpaket, das China 2009 auflegte, trieb die Rohstoffpreise nach oben. Das half den übrigen Brics: Russland mit Öl und Gas, Brasilien mit Eisenerz und landwirtschaftlichen Produkten, Südafrika und Indien mit Mineralien. Aber in China lief es 2012 deutlich zäher, wie auch bei den anderen vier Nationen. Nach Prognose von JP Morgan haben alle fünf Länder Wachstum eingebüßt. Außer für Russland soll es laut der Bank aber für alle Brics 2013 wieder leicht bergauf gehen.

„Diese Länder stehen vor vielen hausgemachten Problemen", sagt Arvind Subramanian. Der ehemalige IWF-Volkswirt arbeitet am Washingtoner Peterson Institute für internationale Wirtschaft. „Die gemeinsame Dynamik, die sie hatten, wird in Frage gestellt", erklärt er.

China rechnet in diesem Jahr wieder mit etwas mehr Wachstum. 2012 soll das nach den Zahlen von JP Morgan nur bei 7,6 Prozent gelegen haben, der schlechteste Wert seit mehr als zehn Jahren. Schuld daran waren nicht nur die geschrumpften Märkte in den USA und Europa, sondern auch die nationalen Beschränkungen am Immobilienmarkt, mit denen die Blase dort bekämpft wurde. Da die Führung in Peking nun aber das Gefühl hat, dass sie diese Probleme unter Kontrolle bekommt, werden die Bestimmungen wieder gelockert und mehr Infrastrukturprojekte bewilligt. Zahlreiche Analysten rechnen für 2013 mit einem Wachstum von mehr als 8 Prozent. „China sollte positive Wachstumsimpulse erzeugen können", sagt RBS-Analyst Louis Kuijs. Die Importe von Rohstoffen und anderen Baumaterialien ziehen bereits an.

Brasiliens natürliche Wachstumsgrenze

Die bescheidenen Zuwächse in den anderen Brics-Ländern dürften sich global weit weniger auswirken. Auch wenn Indien fast so viele Einwohner wie China hat, beträgt die Größe der Wirtschaft nur ein Drittel. Bei einer Inflation von über 7 Prozent und hohen Defiziten bei Leistungsbilanz und Haushalt ist Wachstum nicht die Hauptsorge in Neu-Delhi. „Der Regierung bleibt wenig anderes übrig, als die Haushaltskonsolidierung voranzutreiben", heißt es in einer RBS-Analyse. Die Defizite müssten abgebaut und die Sorgen der Anleger vor einem Zahlungsausfall gedämpft werden. Neu-Delhi konzentriert sich derzeit darauf, politisch umstrittene Reformen durchzusetzen, die das Land mehr für ausländisches Geld öffnen und die Infrastrukturausgaben erhöhen würde.

Auch Brasilien, das bereits einige Erfahrung mit Hyperinflation hat, muss sich vor einem Wiederanstieg der Teuerung hüten. Das beschränkt das Wachstumspotenzial in diesem Jahr. Zahlreiche Brasilien-Analysten sagen, dass aufgrund der Mischung aus hohen Steuern, schlechter Infrastruktur und einer starken Hand des Staates die natürliche Geschwindigkeitsbegrenzung für das Wachstum bei 3,5 Prozent liegt. Konjunkturpakete würden neben der Wirtschaft auch die Inflation anheizen.

Die brasilianische Politik hat sich bereits bemüht, Unterstützung von den anderen Brics-Staaten zu erhalten. Präsidentin Dilma Rousseff traf sich im Dezember in Russland mit Präsident Wladimir Putin. Ministerpräsident Dimitri Medwedew soll im Februar zum Karneval kommen. Aber mehr als schöne Bilder hat das bisher nicht hervorgebracht. Besonders enttäuschend für Brasilien war es, dass China dem Land nicht mehr Waren abkauft. Peking hat seine Häfen für brasilianische Mega-Frachter gesperrt, die Eisenerz transportieren. Offiziell geschah das aus Sicherheitsgründen. Kritiker glauben jedoch, dass China das Geschäft seiner Reedereien schützen will.

Russland hat seine ganz eigenen Sorgen mit der Eurokrise. Die Europäische Union ist nicht nur ein wichtiger Handelspartner, sondern auch der größte Kunde für russisches Öl und Gas.

In Südafrika bleibt die Gewalt ein Hindernis für Wachstum. Seitdem die Polizei im August 34 Bergarbeiter in der Nähe von Johannesburg erschoss, haben Arbeitskämpfe die Branche gelähmt und auch die verarbeitende Industrie getroffen. Die Ratingagenturen Standard & Poor's und Moody's haben das Land in den vergangenen drei Monaten herabgestuft, weil sie befürchten, dass die Regierung die sozialen Spannungen nicht beilegen kann.

Streit über gemeinsame Entwicklungsbank

Um der Gruppe zu mehr Zusammenhalt zu verhelfen, haben die Brics-Staaten vorgeschlagen, eine eigene Entwicklungsbank zu gründen. Aber selbst dieses Projekt scheitert bisher an internen Differenzen. Liu Youfa, Vizepräsident des Regierungs-Thinktanks China Institute of International Studies, nahm im September an einem Treffen von Wissenschaftlern aus den Brics-Staaten im chinesischen Chongqing teil. Dort sollten die Details der neuen Bank ausgearbeitet werden. Die Idee war, dass nur Mitgliedsländer auf Kredite der Bank zurückgreifen können, um große Infrastrukturprojekte zu finanzieren, berichtet Liu. Davon würden vor allem chinesische Firmen profitieren, die weltweit Straßen, Dämme und Flughäfen bauen.

Die übrigen Staaten hatten aber andere Pläne. Südafrika will die Bank auch anderen Entwicklungsländern zugänglich machen. Indien sorgt sich dagegen, dass China mit Hilfe des Instituts den Yuan als Leitwährung international durchsetzen will. „Ein Land will wegen seiner Finanzkraft den Ton angeben. Das ist für die anderen nicht akzeptabel", sagt Brahma Chellaney, Analyst beim indischen Thinktank Centre for Policy Research.

Auch über den Standort der Entwicklungsbank gibt es Streit. Liu erklärt, Indien wolle die Bank bei sich ansiedeln. China sähe sie lieber in Peking, Schanghai oder Chongqing. China werde den Großteil der Finanzierung leisten – und „Wer zahlt, bestimmt", sagt Liu. Er glaube daran, dass ein Kompromiss gefunden wird und die Bank kommt – allerdings nicht im Jahr 2013.

—Mitarbeit: Patrick McGroarty, John Lyons, Alexander Kolyandr und Romit Guha

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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