• The Wall Street Journal

Immer mehr Piraten vor der nigerianischen Küste

    Von DREW HINSHAW

PORT HARCOURT – In den letzten zwei Wochen des vergangenen Jahres überfielen Piraten drei Schiffe vor der Küste von Nigeria. Die Häufung der Angriffe schürt Ängste, dass die Küstenregion des Landes bald so gefährlich sein könnte wie die der Piratenhochburg Somalia.

Am 17. Dezember kletterten bewaffnete Männer aus einem Ruderboot auf einen 120 Meter langen Öltanker, plünderten das Schiff und nahmen fünf Mitglieder der indischen Besetzung als Geiseln. Das berichtet das International Maritime Bureau (IMB). Am gleichen Tag gab es noch einen zweiten Überfall.

Associated Press

Ein US-Hochgeschwindigkeitsboot liegt während einer Sicherheitskonferenz im Hafen von Lagos, Nigeria.

Sechs Tage später enterten Männer mit Maschinengewehren einen italienischen Frachter, berichtete das IMB weiter, und segelten mit vier gekidnappten Crewmitgliedern weiter.

Insgesamt hat es laut dem IMB im Jahr 2012 27 Überfälle vor der nigerianischen Küste gegeben. 2011 fanden zehn Angriffe statt, 2010 noch 19. Diese gesteigerte Gefahr durch Piraten könnte dazu führen, dass das bevölkerungsreichste Land Afrikas einen Teil seines Hafengeschäfts verliert, sagen Analysten. Sie schadet auch dem Image des ölreichen Landes, das zu den am schnellsten wachsenden Staaten Afrikas gehört. Versicherer vergleichen die Gefahr durch Piraten schon mit der in Somalia.

Anders als Somalia besitzt Nigeria jedoch eine der stärksten Flotten des Kontinents: vor Ort gebaute Kriegsschiffe, eine in Deutschland hergestellte Vorzeigefregatte, Überwachungsdrohnen und 200 Marinesoldaten, die von der US-Navy trainiert wurden. Im Januar bekam Nigeria von den USA ein ausrangiertes 3.000-Tonnen-Schiff der Küstenwache, das sie „NNS Thunder" tauften.

Doch die Marinesoldaten bekämpfen im Norden Nigerias fernab von der Küste Terroristen, berichten Vertreter beider Länder. Die Fregatte hat Reparaturbedarf. Den Drohnen fehlen Motoren und andere Teile, sagt Rabiu Hassan, ein Waffenhändler, der mit der nigerianischen Regierung zusammenarbeitet und die Kosten für die Reparatur der Flugzeuge einschätzen sollte. Und die Marine kann kaum die riesigen Treibstoffkosten der Thunder bezahlen.

Dieser Zustand sei eine Folge der Korruption des Staates, sagt Leke Oyewole, leitender Marineberater für Präsident Goodluck Jonathan, der 2011 gewählt wurde. Jonathan sei der erste nigerianische Präsident, der den maritimen Sektor selbst in die Hand nähme.

An Land hat Nigeria noch weitere teure Sicherheitsprobleme. Kriminelle Kartelle stehlen täglich hunderttausende Barrel Öl aus den Pipelines, berichten Unternehmen und die Regierung.

Doch der Seeraub steigt in der Liste der dringendsten Probleme immer höher. Etwa 41 Prozent des Welthandels, der sich jährlich auf etwa 3,2 Billionen US-Dollar beläuft, wird um Afrika herum oder hindurch geleitet, heißt es in einem Dokument der US-Marine. Die meisten Piratenangriffe in Nigeria werden nie gemeldet, berichtet die Londoner Sicherheitsfirma AKE.

Weltweit wurden in den vergangenen Jahren nirgends so viele Überfälle gemeldet wie vor der Küste von Indonesien. Für die meisten davon waren somalische Piraten verantwortlich, da sie nicht nur vor der Küste des eigenen Landes aktiv sind. Doch seit einer Offensive afrikanischer Truppen gegen die somalischen Piraten ist die Anzahl der Angriffe vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2012 auf 44 gefallen. Das entspricht einem Drittel der Angriffe, die im gleichen Zeitraum des Vorjahres stattfanden.

Überfall im Golf von Guinea

Nigerianische Piraten scheinen ebenfalls auf einem großen Gebiet aktiv zu sein. Im Oktober überfielen Piraten, die wahrscheinlich aus Nigeria stammten, einen Öltanker vor der Elfenbeinküste – vier Länder und 650 Kilometer westlich von Nigeria im 3.400 Kilometer langen Golf von Guinea.

„Man bräuchte eine gigantische Seeflotte, um diese Gewässer zu überwachen", sagt Peter Sharwood-Smith, Risikomanager in Nigeria für die britische Marineberatungsfirma Drum Cassac. „Für die Marinen westafrikanischer Länder ist das fast unmöglich."

Zu den möglichen Überwachungsmitteln Nigerias gehören auch drei Drohnenflugzeuge, die ein Komitee für maritime Sicherheit vor sechs Jahren bestellt hat. Außerdem bestellte das Komitee fünf Radare von einer Tochtergesellschaft der israelischen Firma Aeronautics Defense Systems als Teil einer 215 Millionen Euro großen Investition in die Küstensicherheit, zeigt der Vertrag, der dem Wall Street Journal vorliegt.

Die Drohnen, denen Luftbildkameras fehlen, stehen derzeit in einem Hangar im Herzen Nigerias, sagt der Waffenlieferant Hassan. Ein Mitglied des Komitees für maritime Sicherheit erklärt, die Regierung habe etwa die Hälfte der Rechnung vorab beglichen und die Korruption für die unvollständige Lieferung verantwortlich gemacht.

"Viel Geld verschwendet"

„Die haben so viel Geld verschwendet", sagt Oyewole, Berater des Präsidenten, mit Bezug auf das Komitee, das unter einer vorherigen Regierung zusammengestellt wurde.

Im Januar 2012 legte die NNS Thunder zum ersten Mal in Port Harcourt, dem nigerianischen Ölhafen, an. Später wurde der Rumpf des Schiffes beschädigt, als es mit einem kleineren Ölschiff zusammenstieß. Die Thunder patrouilliert derzeit nahe der Küste, berichtet die nigerianische Marine.

Präsident Jonathan will, dass die Thunder auch längere Kontrollfahrten macht. Doch das Schiff hat einen riesigen Treibstofftank. Im Juni lud der Präsident verschiedene Magnaten aus der Frachtbranche ein und bat sie, einen Teil der Treibstoffrechnung zu bezahlen.

Ihre Antwort war zuerst nur vage. Zwei mit den Bewegungen des Schiffs vertraute Personen sagen allerdings, dass es nur selten den Hafen verlässt.

—Mitarbeit: Nancy Porat

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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