• The Wall Street Journal

Erinnern Sie sich an Lotus Notes? Es ist immer noch ein Milliardengeschäft

    Von SPECER E. ANTE

IBMs viel gelobtes Software-Portfolio enthält Anwendungen, mit denen Unternehmen große Mengen an Daten verarbeiten und Online-Stores verwalten können. Doch auch Lotus Notes gehört immer noch dazu.

dapd

Präsentation von IBM-Software 2007 in New York. Das Unternehmen melkt noch immer die alte Marke Lotus Notes.

„Wenn ich zu einer Party gehe, werde ich fast immer gleich zu Beginn beleidigt", sagt Eugen Tarnow, Vorstand bei der Beratungsgesellschaft Avalon Business Systems, der die alternde E-Mail-Software an Unternehmen verkauft. „Dann heißt es: Lotus Notes gibt es immer noch? Das macht doch keinen Spaß!"

Erinnern Sie sich an Lotus? 1995 zahlte IBM 3,5 Milliarden US-Dollar für die Übernahme des E-Mail-Pioniers. Damals wurde die Übernahme als radikale Innovation gesehen, die das Hardware-Unternehmen stärker in den Softwaremarkt integriert, auf dem höhere Margen möglich sind.

Inzwischen ist es ein Symbol für die Herausforderungen geworden, die IBM-Chefin Virginia „Ginni" Rometty meistern muss. Sie muss das Wachstum in der Softwaresparte antreiben, die für ein Viertel des Umsatzes und mehr als 43 Prozent des Gewinns vor Steuern von IBM in 2011 verantwortlich war.

IBM hat in den vergangenen Jahren Milliarden in zahlreiche Software-Übernahmen investiert, die dem Unternehmen stabile Einnahmen gesichert haben. Dennoch machen Technologien, die IBM vor mehr als zehn Jahren entwickelt oder eingekauft hat, immer noch den Großteil der Software-Einnahmen aus. Das Unternehmen muss sein Portfolio für ein neues Software-Zeitalter modernisieren, indem es mehr Software in schnell wachsenden Bereichen wie Social Media, Cloud Computing und mobile Anwendungen verkauft.

Umsatz mit Software geht zurück

Investoren werfen daher einen genauen Blick auf die Softwareeinnahmen des Konzerns. In den vergangenen neun Monaten ist der Umsatz von IBM mit Software um 1,4 Prozent im Vergleich zum selben Vorjahreszeitraum gestiegen. Die Hauptkonkurrenten des Unternehmens meldeten bessere Zahlen. Microsofts Softwareverkäufe stiegen um 5 Prozent, Oracles um 9 Prozent in dem Geschäftsjahr, das im Mai endete.

Bei IBM fielen dagegen die Softwareverkäufe im dritten Quartal um ein Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar. Dem Unternehmen zufolge sind eine Handvoll Abschlüsse nicht mehr in das Quartal eingeflossen, für die IBM eine Unterzeichnung im September erwartet. Analysten erwarten einen Gesamtumsatz von 29 Millionen Dollar von IBM im vierten Quartal, etwa ein Prozent weniger als im Vorjahr.

Für das IT-Unternehmen ist Lotus zu lukrativ, um es zu ignorieren. Doch ein Wachstum in diesem Bereich ist schwierig. Das Unternehmen veröffentlicht nicht, wie viele Einnahmen die Lotus-Sparte generiert. Marktforscher von IDC schätzen aber, dass die Software IBM 2011 rund 1,2 Milliarden Dollar Umsatz gebracht hat – die aktuellste verfügbare Zahl.

Die Nutzerbasis von Lotus Notes erodiert

Doch die Basis der Lotus-Software erodiert. Die US-Flugaufsichtsbehörde Federal Aviation Administration, die seit 2001 Lotus Notes hauptsächlich als E-Mail-Applikation einsetzt, verkündete im Juni einen Wechsel zu Microsoft -Software. Der Vertrag über 91 Millionen Dollar wurde für mehr als 60.000 Mitarbeiter und Vertragsunternehmen der Behörde unterschrieben, um E-Mail und andere elektronische Kommunikation effizienter umzusetzen.

In den vergangenen Jahren gab es ähnliche Wechsel bei Firmen wie JP Morgan Chase sowie der Stadt und dem Bezirk San Francisco, die von Lotus Notes zu günstigeren Programmen von Microsoft und Google gewechselt sind.

In den ersten neun Monaten des Jahres 2012 fielen die Verkäufe von Lotus Notes laut öffentlichen IBM-Unterlagen um 6,4 Prozent. Innerhalb der vergangenen drei Jahre schnitt Lotus im Portfolio von IBM am schlechtesten ab. Zu dem IBM-Softwareangebot gehören eine Reihe von Anwendungen, die das Rückgrat von Unternehmen bilden wie Datenbanken und Software für Server und Netzwerke.

Am zweitschlechtesten läuft bei IBM eine Software, die das Unternehmen 2003 von Rational Software für 2,1 Milliarden Dollar übernommen hat.

IBM integriert neue Technik in alte Softwarelösungen

In der Vergangenheit hatte IBM einigen Erfolg damit, diese Geschäfte wiederzubeleben, indem neuere Technologien übernommen wurden und sie mit älteren etablierten Markennamen verbunden wurden. Kürzlich wurde die Geschwindigkeit in den Datenbanken Websphere und DB2 durch die Übernahmen von Unternehmen wie Netezza beschleunigt. Netezza hat sich auf die Beschleunigung von Zahlenberechnungen spezialisiert. Ebenfalls zur Verbesserung bestehender Produkte wurde außerdem Coremetrics übernommen. Die Firma stellte Produkte her, mit deren Hilfe Unternehmen soziale Medien nach Kundenmeinungen über das eigene Produkt durchsuchen können. Außerdem übernahm IBM die Software Unica, mit der sich Online-Marketing-Kampagnen verwalten lassen.

Auch bei Lotus versuchte IBM eine technische Verjüngungskur, indem die Software in Social-Media-Werkzeuge eingebettet wurde, die eher aktuellen Anforderungen entsprechen. Mit diesen Werkzeugen, die unter dem Namen Connections zusammengefasst wurden, können Unternehmen ihre eigenen internen Versionen von Facebook erstellen. Dort können Mitarbeiter Nutzerprofile, Blogs und Nachrichten anlegen.

Allerdings sind die Erlöse, die mit der neuen Technologie erzielt werden, winzig im Vergleich zu Lotus. In der ersten Hälfte des Jahres 2012 hat IBM 55 Millionen Dollar mit dem Verkauf von Social-Business-Software umgesetzt. Das entspricht laut IDC einem Marktanteil von 11 Prozent.

Hart umkämpfter Markt für Social-Media-Software

Der Markt ist hart umkämpft mit Konkurrenten wie den Start-ups Jive Software und Lithium Technologies oder Yammer, das Microsoft im Juni für 1,2 Milliarden Dollar in bar übernommen hat.

IBM hofft, dass die Software sich in den kommenden Jahren zu einem Milliarden-Dollar-Geschäft entwickeln wird. IDC glaubt, dass der Umsatz auf dem Markt insgesamt von 767 Millionen Dollar 2011 auf 4,5 Milliarden Dollar 2016 ansteigen wird.

Bislang melkt der Technologieriese die Kundenbasis von Lotus und hofft sie auch für die Social-Media-Software von IBM gewinnen zu können. So wurde beispielsweise die Lotus-Konferenz in Connect2013 umbenannt.

IBM fühlt sich Lotus Notes verpflichtet

IBM verfolgt weiter die Strategie, alternde Programme zu aktualisieren und weiter zu verkaufen. Alistair Rennie, General Manager bei IBM, sagt, dass das Unternehmen sich Lotus Notes und anderen damit verbunden Programmen absolut verpflichtet fühlt. Das Unternehmen bereite neue Versionen für das erste Quartal des Jahres vor.

Die Herausforderung bestehe allerdings darin, neue Kunden zu finden, die Lotus zuvor nicht verwendet haben. „Es ist wichtig, Lotus nicht als Hauptmarke zu betrachten", sagt Rennie. „Es ist an der Zeit sich darüber Gedanken zu machen, wie wir uns auf die neue Art von Käufern konzentrieren können."

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