• The Wall Street Journal

Wie fehlendes Vertrauen der Wirtschaft schadet

    Von JON HILSENRATH

Eine wichtige Sache, die in den USA eine Konjunkturerholung bremst, ist wohl das fehlende Vertrauen.

Vertrauen ist ein entscheidendes Schmiermittel für die Wirtschaftsaktivität. Es veranlasst Investoren, Arbeitgeber, Politiker und Verbraucher zu wechselseitigen Transaktionen, die wiederum Ausgaben, Investitionen und Wachstum auslösen. Man gibt kein Geld oder verspricht jemandem etwas, wenn man nicht glaubt, dass sich diese Person an seine Versprechen hält.

[image] Reuters

Forschungen zeigen: Vertrauen ist für wirtschaftliches Wachstum unerlässlich.

"Praktisch jedes kommerzielle Geschäft birgt in sich ein Element von Vertrauen", schrieb der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Volkswirt Kenneth Arrow 1972 in einer Studie.

Forschungen haben gezeigt, dass vertrauensbildende Maßnahmen in Gesellschaften einen starken Einfluss auf das Wirtschaftswachstum und die Effizienz von Regierungsarbeit haben. Wo das Vertrauen zusammenbricht, leidet auch die Konjunktur. In einem Beispiel haben Forscher gezeigt, dass der Sklavenhandel in Afrika das Vertrauen in vielen Teilen der Gesellschaft zerstört hatte und dies das Wirtschaftswachstum noch Jahrhunderte nach dessen Abschaffung belastete.

Man muss gar nicht so weit schauen, um heute Beispiele für schwindendes Vertrauen in der amerikanischen Gesellschaft zu finden: Lance Armstrong gibt zu, mittels Betrug sieben Mal die Tour de France gewonnen zu haben; Demokraten und Republikaner können offenbar nicht mehr miteinander arbeiten; die Wall Street liefert einen Skandal nach dem anderen.

Vertrauen der Amerikaner zuletzt deutlich gesunken

Umfragen an der University of Chicago zeigen, dass nur ein Drittel der Amerikaner den Banken vertraut, nur jeder sechste dem Aktienmarkt oder großen Konzernen. Für Banken ist das Maß an Vertrauen selbst nach dem Ende der Finanzkrise noch weiter gefallen. Im Juni hatte laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup nur noch jeder vierte Amerikaner großes Vertrauen in Zeitungen, nur 21 Prozent in das Fernsehen oder die Gewerkschaften. Der Kongress genießt das Vertrauen von lediglich 13 Prozent. Dabei geht das Vertrauen in all diese Institutionen schon seit langem zurück, besonders schnell aber seit dem Beginn der Rezession im Dezember 2007. Im September kam bei einer Gallup-Umfrage heraus, dass nur die Hälfte der Amerikaner der Regierung vertraut, die Probleme des Landes zu lösen.

Die langfristige Vertrauensschwund in den Staat könnte sich vor allem während der Finanzkrise schädlich ausgewirkt haben, weil es die Regierung davon abgehalten hat, mit noch entschlosseneren Fiskalprogrammen die Wirtschaft zu stimulieren, sagt Justin Wolfers, Volkswirt an der University of Michigan. "Die Fähigkeit der Regierung, die Rezession zu bekämpfen, wurde von dem erschütterten Vertrauen erheblich begrenzt", sagt er.

Misstrauen beeinflusst die Beziehung zwischen dem Staat und der Wirtschaft auch in anderer Hinsicht. Wenn Aufsichtsbehörden nicht den Unternehmen vertrauen, die sie kontrollieren, regulieren sie diese stärker. Während das auf der einen Seite notwendig ist, kann es auch die Wirtschaftsaktivität mindern.

Verschärfte Kontrollen gehen auch über die im Zentrum der Finanzkrise stehenden Banken hinaus. Die Manager, die er in der Lebensmittelindustrie kenne, verbrächten bei Treffen mit Aufsichtsbehörden 30 Prozent mehr Zeit als noch vor ein paar Jahren, sagt Dominic Barton, Manager bei McKinsey. Dieser Trend werde noch länger anhalten, glaubt Barton, der Vertrauen in den Mittelpunkt seiner Strategieberatungen für Unternehmen stellt.

Anzeichen für Stabilisierung

Doch obwohl die Umfragen, die das Vertrauen in der Gesellschaft in wichtige Institutionen messen, in den vergangenen Jahren gefährlich nach unten gedreht sind, gibt es auch kleine Anzeichen für eine Stabilisierung – zum Beispiel auf dem Verbriefungsmarkt. Dort bündeln Wall-Street-Firmen Autokredite, Unternehmenskredite, Kreditkarten-Schulden oder Hypothekendarlehen und nutzen die aus diesen Krediten hervorgehenden Gelder, um Wertpapiere daraus zu stricken. Die Finanzkrise 2008 hatte das Anlegervertrauen in diese Papiere extrem zerstört und der Markt kollabierte, was der Wirtschaft lebensnotwendige Kredite entzog.

Jetzt sieht es hier nach einer Erholung aus. Die Wall Street gab 2012 mit Autokrediten besicherte Wertpapiere für 75,4 Milliarden US-Dollar aus – laut dem Datendienstleister Dealogic so viel wie nie zuvor seit 2005. Dies sowie die niedrigen Zinssätze haben die Autoverkäufe und damit den Aufschwung in der US-Autoindustrie mit angeheizt. Auch die Ausgabe von Wertpapieren, die mit Kreditkartenschulden und Unternehmenskrediten unterlegt sind, legte im vergangenen Jahr zu.

Der Hypothekenmarkt ist ein weiteres Beispiel. Die Immobilienkrise hat den Hypothekenfirmen eine Menge Misstrauen eingehandelt, nachdem sie während der Häuserblase gewissenlos nur den eigenen Vorteil gesehen haben. Nach der Krise sahen sich die Kreditnehmer deutlich größeren Kontrollen und Auskunftsforderungen von Seiten der Verleiher ausgesetzt. Banken streiten sich inzwischen mit den staatlichen Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac darüber, wer die Risiken trägt, wenn eine Hypothek ausfällt. Aber die Immobilienportfolios der Banken nehmen langsam zu – Anfang Januar lagen sie laut Daten der US-Notenbank mit 3,6 Billionen Dollar 1,4 Prozent über dem Vorjahreswert.

Auch eine Umfrage der PR-Firma Edelman im November unter 1.000 Amerikanern ergab einen deutlichen Anstieg des Vertrauens in Regierung, Medien und Wirtschaft im Vergleich zum Vorjahr.

Offensichtlich haben diese Institutionen nach der jahrelangen Wirtschaftskrise aber noch einen weiten Weg vor sich, wie eine nachfolgende Umfrage von Edelman im Januar deutlich machte. Die Firma hatte befürchtet, dass sie im November lediglich einen kurzen Nachwahl-Vertrauensschub registriert habe. Deshalb fragte sie nach den chaotischen Haushaltsverhandlungen zwischen US-Präsident Barack Obama und den Republikanern im Januar noch einmal, wie sehr sie der Regierung vertrauen – und die Zahlen gingen wieder nach unten.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Berliner Gründer

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 23. Juli

    Sommerlaune in Schanghai, Pappmänner in Peru, Durchhalteparolen bei der Tour de France und ein Seiltänzer über den Dächern von Bangkok - schauen Sie sich unsere Fotos des Tages an!

  • [image]

    Einmal zum Mond und zurück

    Am 20. Juli 1969 gewannen die USA das Wettrennen zum Mond gegen die Sowjetunion. Die US-Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin setzten als erste Menschen einen Fuß auf den Mond. Ein Rückblick in Bildern.

  • [image]

    Die Chinesen lieben das Nickerchen im Möbelhaus

    Chinesen mögen es, an merkwürdigen Plätzen ein Schläfchen zu machen. Neu ist dieses Phänomen nicht. Ein Fotograf hat sich nun aber erstmals auf die Lauer gelegt und das seltsame Verhalten bei Ikea in Peking dokumentiert.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.