• The Wall Street Journal

Timbuktu – Afrikas Stadt der Legenden

    Von DREW HINSHAW
[image] Agence France Presse/Getty Images

Timbuktus antike Sankore-Moschee bei ihrer Restaurierung im Jahr 2005.

MOPTI – Französische Soldaten haben am Montag Timbuktu erreicht. Die legendäre Karawanenstadt hat seit Jahrhunderten die Phantasie aller Westafrikareisenden beflügelt. Am Übergang zwischen der afrikanischen Steppe und der Sahara ist Timbuktu zwischen hunderten Kilometern Dünen und Felsen geschützt. Am besten erreicht man die Stadt über den trägen, schlammigen Niger-Fluss.

Im Jahr 1353 wird die Stadt erstmals in der Reiseliteratur des Mittelalters erwähnt. Ursprünglich war das um das Jahr 1000 entstandene Timbuktu eine Wasserstelle, an der Karawanen Halt machten. Der Name der Stadt wird daher oft als „Buktus Brunnen" gedeutet. Schnell wurde aus dem Marktort eine der reichsten Städte der damaligen Welt.

Während sich Europa im finstersten Mittelalter befand, blühte Timbuktu am Übergang von Nordafrika und dem tropischen Süden. Sklaven, Salz, Tee, Tonwaren und Vieh wurden auf den Straßenmärkten gehandelt. Einige Historiker schätzen, dass zwei Drittel allen Goldes im Mittelalter auf dem Kamelrücken ihren Weg in die Stadt fanden.

Timbuktu – eine afrikanische Schatzkiste

Aber der größte Reichtum war die Literatur der Stadt, schrieb der wandernde Gelehrte Leo Africanus im 16. Jahrhundert. Schriftrollen stapelten sich in den Lehmhäusern der Bewohner und machten Timbuktu zur größten Bibliothek seiner Zeit. Aus Ägypten und dem heutigen Spanien reisten Gelehrte an, um in der Stadt Algebra, Medizin, Jura, Botanik, islamische Theologie, Poesie oder Astronomie zu studieren. Um ihre Stadt zu schützen, bauten die Bewohner Schreine für 333 Heilige. „Die Menschen im Timbuktu haben eine fröhliche Natur", schrieb Leo Africanus bei seinem Besuch 1526. „Sie ziehen in der Nacht durch die Stadt, spielen Instrumente und tanzen."

Doch dann entwickelten die Europäer das Segelschiff, und die Blüte Timbuktus war vorüber. Der Handel ging zurück, die Stadt leerte sich, und die Verteidigung brach zusammen. Sklavenhändler zerstörten die Wirtschaft der Region und brachten ganze Zivilisationen zu Fall. Immer wieder wurde Timbuktu geplündert.

Den Verfall von Timbuktu bemerkten europäische Entdecker nicht, die sich auf die Suche nach der legendären Stadt gemacht hatten. Der Schotte Alexander Gordon Laing war der erste Europäer, der 1826 die Stadt erreicht. Sein Führer vom Stamm der Tuareg tötet ihn aber. Zwei Jahre überlebte René Caillié seinen Besuch. Um der Feindseligkeit gegen Franzosen aus dem Weg zu gehen, gab er sich als Araber aus, der als Kind entführt und in Frankreich großgezogen worden war. Frankreichs Klima habe ihm sein europäisches Aussehen verliehen, behauptete er.

Bibliothek in Brand gesteckt

1893 kämpfte die französische Armee erstmals um Timbuktu. Aus Bamako, der heutigen Hauptstadt von Mali angerückt, nahmen die Soldaten die Stadt ohne größeren Widerstand ein. Die Franzosen wollten die Region kolonisieren und alle 50 Kilometer einen Brunnen graben und eine Eisenbahnstrecke quer durch die Sahara bauen. Tatsächlich übten die Beamten dort aber ein strenges Regime aus und ließen etwa viele der kostbaren Manuskripte verbrennen, weil sie als aufwieglerisch galten. Viele Bewohner vergruben die über Generationen vererbten Schriftrollen, um sie zu schützen.

Noch in den 1970er Jahren wurden europäische Anthropologen verdächtigt, die Schriften zerstören zu wollen. „Wir haben erst vor Kurzem den Wert dieser Manuskripte begriffen", sagt Jean-Michel Dijan, der ein Buch über die Archive von Timbuktu verfasst hat. „Es ist ein afrikanischer Schatz."

Vor ihrem Rückzug am Montag setzten die Islamisten offenbar das Ahmed-Baba-Zentrum in Brand, in dem sich wertvolle historische Schriften befanden. „Es ist wirklich alarmierend, dass das passierte", sagte der Bürgermeister von Timbuktu, Halle Ousmane, der Nachrichtenagentur AP. Alle wichtigen alten Manuskripte seien angezündet worden. „Das ist die Geschichte von Timbuktu, seiner Bevölkerung". Rund 20.000 altertümliche Manuskripte gehören in Timbuktu zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Mausoleen der Stadt, die ebenfalls auf der Welterbe-Liste standen, hatten die Islamisten im vergangenen Jahr in Brand gesetzt.

Als im April al-Qaida nahestehende Milizen Timbuktu einnahmen, war die Stadt nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die alten Handelswege für Gold sind längst Schmuggelrouten für Kokain geworden. Touristen kommen schon lange nicht mehr, auch wegen der ständigen Entführungen. Zudem ist die Stadt weiter schlecht erreichbar. „Es ist der abgelegenste Ort der Welt", sagt Dick Neuheisel, der eine Städtepartnerschaft zwischen Timbuktu und Tempe im US-Bundesstaat Arizona vermittelte.

—Mitarbeit: Mimosa Spencer. Mit Material von dapd

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