• The Wall Street Journal

Für Europas Banken ist die Zeit des Feierns noch nicht gekommen

    Von FRANCESCO GUERRERA

Zeigen Sie mir das Glas noch mal. Das ist definitiv halb voll. Sie sehen gut aus, übrigens. Haben Sie abgenommen?

Verzeihen Sie mir, wenn ich ungewöhnlich lebhaft wirke, aber ich schreibe diese Kolumne im Flugzeug auf dem Weg zurück vom jährlichen Weltwirtschaftsforum in Davos. Das Thema dort war "Zurückkehrender Optimismus". Okay, vielleicht nicht wirklich. Das offizielle Leitmotiv von Davos war tatsächlich "Robuste Dynamik", aber die Stimmung der Teilnehmer entsprach mehr meinem Slogan.

Nach jahrelangen Sorgen um die Zukunft der Eurozone, die stotternde US-Konjunktur und einen potenziell nervenaufreibenden Machtübergang in China hat die selbsternannte "globale Elite" festgelegt, dass die Welt 2013 besser aussieht als noch 2012 und 2011.

AP/dapd

EZB-Präsident Mario Draghi, hier am Freitag auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, hatte die Stimmungswende im Juli mit der Aussage eingeleitet, alles für die Rettung des Euro zu tun.

Die rosa Brille war nirgendwo so offensichtlich wie beim Thema angeschlagene europäische Banken. Die Finanzexperten sprachen vom "Anfang vom Ende" und "das Schlimmste ist vorbei", während Bankmanager auf die robuste Dynamik ihrer Institute im Angesicht der Probleme hinwiesen. "Das Vertrauen in den Euro und den europäischen Bankensektor ist zurückgekehrt", sagte der Chef eines europäischen Instituts.

Aber ich würde den Champagner noch nicht öffnen.

Der Sektor hatte einen mächtigen Schlag bekommen. Während der Euro am Rand des Zusammenbruchs wandelte und die Wirtschaft des Kontinents zum Stillstand kam, wurden auch die Finanzinstitute hart getroffen. Die Bilanzen waren voll mit plötzlich im Wert gesunkenen Staatsanleihen, die Wirtschaftsaktivität war gering und den Banken fehlten sowohl Gewinne als auch Kapital.

Auch die drohenden schärferen Kapitalauflagen waren nicht sehr hilfreich. Die Märkte wurden scheu und ließen kapitalsuchende Banken im Regen stehen. Die Situation wurde so schlimm, dass die Europäische Zentralbank im Dezember 2011 und im Februar 2012 eine Billion Euro an billigen Krediten vergeben musste.

Banken finden sich wieder im Aufwind

Heute sieht das ganz anders aus. Seit im Juli des vergangenen Jahres EZB-Präsident Mario Draghi versichert hatte, "alles zu tun" um den Euro zu retten, verschwanden allmählich die Sorgen der Anleger und der Druck auf die Anleihen aus Spanien, Portugal und Italien. Das wiederum hat den Teufelskreis durchbrochen, dass sich die Befürchtungen von den Staatsanleihen auf die Aktienkurse und Kreditratings der Banken übertrugen.

Als sich diese (Achtung Fachjargon) "negative Rückkopplungsschleife" abschwächte, öffneten sich die Märkte wieder. Fast ein Drittel aller neuen Unternehmensanleihen in Europa kommen in diesem Jahr bisher aus der "Peripherie" der Eurozone (Südeuropa plus Irland). Im vergangenen Jahr waren es zum gleichen Zeitpunkt laut Morgan Stanley lediglich zwei Prozent.

Viele davon kamen von Banken. Die europäischen Institute haben an den Märkten in diesem Jahr bereits 50 Milliarden Euro eingesammelt. Als das Vertrauen zurück war, zogen auch die Aktien an. Die Kurse der Banken aus der Eurozone sind in den vergangenen Wochen acht Prozentpunkte besser gelaufen als der Gesamtmarkt.

Pläne für eine Bankenaufsicht für den gesamten Währungsraum haben ebenfalls das Vertrauen der Anleger gestärkt. Oder wie es die Finanzminister der Krisenländer sagen: "Wir haben die Antworten gegeben, die der Markt haben wollte."

Die „Davoptimisten" fühlten sich am Freitag nochmals bestätigt, nachdem mehr als 200 Institute insgesamt 137 Milliarden Euro, oder 28 Prozent des ersten EZB-Tenders, fast zwei Jahre vor der Fälligkeit zurückzahlten.

Europäischer Bankensektor ist zweigeteilt

Aber die europäischen Banken sollten die aktuelle Liebe des Marktes ausnutzen und so viel Kapital wie möglich aufnehmen, denn vielleicht dauert sie nicht mehr lange. Die Gefahr von Seiten der Staatsanleihen mag nachgelassen haben, aber es hängen noch immer zwei andere dunkle Wolken über der Branche: neue Regulierungsauflagen und eine schwache Konjunktur.

Die schärferen Kapitalanforderungen werden die Banken fast sicher dazu zwingen, neues Geld aufzunehmen und Anlagen zu verkaufen. Noch schlimmer für die Institute sind Pläne zur Aufspaltung der Großbanken, die politisch immer virulenter werden. Hinzu kommt, dass die schwache Konjunktur und die niedrigen Zinsen die Gewinne der Banken noch auf Jahre drücken werden.

Deshalb beschränkt sich die Leidenschaft der Märkte für den Sektor auch auf wenige große Institute mit recht soliden Bilanzen. "Nennen Sie mir eine kleine europäische Bank, die Kapital aufgenommen hat", fragte mich ein Bankmanager in Davos.

Dieses zweigeteilte europäische Bankensystem spiegelte sich auch in der Rückzahlung der EZB-Kredite in dieser Woche wider. Die gute Nachricht war, dass 278 Banken einen Teil wieder zurückgaben, die schlechte, dass es 245 nicht taten. Die EZB nennt keine Namen, aber die Anleger wissen, wer die Habenichtse im Sektor sind.

Mit dem geöffneten Finanzierungsfenster sollten die Lieblinge der Märkte deshalb in die Arme der Investoren springen, bevor diese ihre Meinung ändern. Die Habenichtse sollten dagegen den Gürtel enger schnallen, oder sie riskieren ein Ende wie bei der Banca Monte dei Paschi di Siena. Das angeschlagene Institut muss jetzt von der italienischen Regierung gerettet werden.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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