• The Wall Street Journal

Industrie optimistischer als Bundesregierung

    Von BEATE PREUSCHOFF

BERLIN – Deutsche Industrieunternehmen beurteilen die wirtschaftlichen Aussichten für 2013 optimistischer als die Bundesregierung. Der Start werde verhalten sein, dann aber werde die Konjunktur an Dynamik gewinnen, beschrieb der neue Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Ulrich Grillo, in Berlin die Erwartungen seiner Mitglieder. Der BDI rechne daher mit einem Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent. Die Bundesregierung erwartet den Anstieg des Bruttoinlandsproduktes lediglich bei 0,4 Prozent.

„Trotz der vielen Molltöne, die es derzeit gibt, sind wir für 2013 insgesamt optimistisch", sagte Grillo, der dem Industrieverband seit Jahresbeginn vorsteht. Der konjunkturelle Verlauf werde im Jahresverlauf nach oben zeigen. Das bestätigen aus BDI-Sicht die konstant aufwärts weisenden Stimmungsindikatoren, auch wenn die harten Daten noch eine etwas schwächere Tendenz andeuteten.

dapd

Der neue BDI-Präsident und Familienunternehmer Ulrich Grillo ist optimistisch. Für Konjunkturprogramme sieht er keine Notwendigkeit, doch bei der Energiewende müsse die Bundesregierung besser steuern.

Das erste Quartal werde schwach ausfallen. „In eine technische Rezession kommen wir zwar wahrscheinlich nicht, aber das Winterhalbjahr war und ist schwierig", räumte Grillo ein. Doch es gebe berechtigte Hoffnung auf eine deutliche Konjunkturbelebung ab dem Frühjahr. „Die Eins vor dem Komma werden wir aber wohl nicht erreichen, denn dies würde eine stürmische Aufwärtsentwicklung im weiteren Jahresverlauf voraussetzen", bremste Grillo übertriebene Hoffnungen.

Für „hektische konjunkturpolitische Maßnahmen" gebe es keinen Anlass, sagte der BDI-Präsident. Durchaus optimistisch sei die Industrie, auch im Jahr 2014 wieder mit einer „positiven Entwicklung aufwarten zu können". Es gebe derzeit keine Anzeichen dafür, dass das Wachstum dann zurückgehe.

Triebkräfte für den Aufschwung im laufenden Jahr erwartet der Industrieverband vor allem aus dem Ausland. Rückläufige Exporte in die Eurozone würden durch steigende Ausfuhren in den außereuropäischen Raum mehr als ausgeglichen. Insgesamt rechnet der BDI 2013 damit, dass die Ausfuhren um mindestens drei Prozent steigen. „Im Gefolge dürften auch die Ausrüstungsinvestitionen unserer Unternehmen in Maschinen und Geräte sowie Fahrzeuge zunehmen", erläuterte Grillo.

Sorgen äußerte der neue BDI-Präsident über den aktuell beobachtbaren Wettlauf in der Abwertung von Währungen. „Natürlich macht das Sorgen", sagte Grillo. Der BDI trete für freie Wechselkurse ein, die sich in den Märkten bilden sollten. „Insofern betrachten wir mit größerer Sorge gerade die Entwicklung in Japan, wo man das als Instrument nutzt", sagte Grillo. Er forderte dazu auf, in den politischen Gesprächen dieser Entwicklung möglichst gegenzusteuern.

Zur Bekämpfung des jahrelangen Preisverfalls hat die Bank of Japan ihr mittelfristiges Inflationsziel von ein auf zwei Prozent erhöht und einen unbefristeten Ankauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren ab 2014 beschlossen. Die Notenbank erfüllt damit entsprechende Forderungen der neuen Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe. Japans neuer Regierungschef verlangt von der Notenbank seit seinem Amtsantritt im Dezember ein noch stärkeres Öffnen der Geldschleusen. Mit der lockeren Geldpolitik soll die lahmende Konjunktur angekurbelt werden.

In Europa müsse die Stabilisierung und Weiterentwicklung der Wirtschafts- und Währungsunion Vorrang haben, verlangte der BDI-Präsident. Die Schuldenkrise sei noch nicht überwunden trotz erster sichtbarer Erfolge. Der EU-Haushalt müsse „konsequent auf Wachstum" ausgerichtet werden. An Projekten mangele es nicht. Allein der Investitionsbedarf in die europäischen Energienetze betrage bis 2020 rund 200 Milliarden Euro.

Beim Thema Energiewende drang der neue BDI-Präsident auf eine professionellere Steuerung als bislang. „Politik und Industrie sind gefordert, die Energiewende auf die richtige Spur zu setzen und zwar jetzt", sagte Grillo. Es werde nicht ausreichend darauf geachtet, dass Energie bezahlbar bleibe. Schon jetzt gehörten die Preise für Strom in Deutschland zu den höchsten der Welt. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz müsse möglichst noch diese Legislaturperiode umgestaltet werden.

Kontakt zum Autor: beate.preuschoff@dowjones.com

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 21. Juli

    Eine Hindu-Frau taucht unter, ein Rennradfahrer legt die Beine hoch und Fecht-Sportler pieksen sich. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Luxus-Dschungelcamp in Australien

    Mitten im australischen Regenwald, aber in Nähe der nächsten Whiskey-Bar, befindet sich dieses tropische Anwesen. Wenn es nicht unbedingt der Strand vor der Haustür sein muss, laden ein See, Pool und der eigene Obstgarten zum Entspannen ein.

  • [image]

    Der Absturz von MH17

    Die Menschen auf der ganzen Welt reagieren mit Schock und Trauer auf den Absturz des Fluges MH17 von Malaysia Airlines in der Ostukraine. Pro-russische Aktivisten werden beschuldigt, die Maschine abgeschossen zu haben. Die genauen Hintergründe bleiben weiter undurchsichtig. Das Flugzeugunglück in Bildern.

  • [image]

    Die Chinesen lieben das Nickerchen im Möbelhaus

    Chinesen mögen es, an merkwürdigen Plätzen ein Schläfchen zu machen. Neu ist dieses Phänomen nicht. Ein Fotograf hat sich nun aber erstmals auf die Lauer gelegt und das seltsame Verhalten bei Ikea in Peking dokumentiert.

  • [image]

    Deutschland feiert seine Weltmeister

    Deutschland hat der Nationalmannschaft einen triumphalen Empfang bereitet. Hunderttausende feierten die Weltmeister vor dem Brandenburger Tor.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.