• The Wall Street Journal

Das Monopol von Gazprom wackelt

    Von ANDREW PEAPLE
dapd

Der lange Arm von Gazprom. Zusammen mit der BASF-Tochter Wintershall betreibt der russische Gasriese auch diese Erdgas-Verdichterstation in Mallnow, kurz hinter der deutsch-polnischen Grenze. Hier kommt Gas aus Sibirien an.

Wenn selbst die Eltern ihren Glauben an ihre Kinder verlieren, dann haben diese ein Problem.

Gazprom scheint auch eins zu haben. Die Unterstützung des Kreml für seine gigantische Erdgastochter schwindet offensichtlich. In der vergangenen Woche deutete Ministerpräsident Dmitrij Medwedew eine Öffnung beim Monopol der Gasexporte an.

Gazprom ist in hohem Maße von Gaslieferungen in den Westen abhängig. Europäische Abnehmer zahlen etwa das Vierfache dessen, was der Konzern seinen russischen Kunden in Rechnung stellt. Kippt dies Monopol, könnte es für den profitablem Gasgiganten existenziell werden.

Es ist an der Zeit, werden viele sagen. Seit dem Höhepunkt im Mai 2008 ist der Wert der Gazprom-Aktie um 60 Prozent gefallen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt aus Basis der erwarteten Gewinne im Jahr 2013 bei unter drei und damit bei weniger als einem Fünftel dessen, was der aufstrebende Wettbewerber Novatek auf die Waage bringt.

Angesichts der geringen Dividendenzahlungen und der bekannten Schwäche im Management ist das wenig verwunderlich.Trotz hoher Gewinne war der Cashflow von Gazprom nach Angaben der Deutschen Bank im Zeitraum von 2002 bis 2011 in sieben von zehn Jahren negativ. Die Kapitalausgaben sind gewaltig gestiegen, obwohl hochfliegende Expansionspläne wie die für das Shtokman-Erdgasfeld in der arktischen Barentssee auf Eis gelegt wurden.

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Viel Geld geht Gazprom durch Korruption und Verschwendung verloren – auf 40 Milliarden Dollar beziffert das Peterson Institute for International Economics den Abfluss. Gazprom selbst beantwortet dahingehende Fragen nicht.

Zudem schwächt die verstärkte Förderung von Schiefergas in verschiedenen Teilen der Welt die Marktposition von Gazprom. Europäische Kunden sind es leid, dass der Gaspreis sich am teuren Ölpreis orientiert, und blicken neidisch auf die mittlerweile günstigen Preise, zu denen Erdgas in Amerika verkauft wird. Einzelne haben schon günstigere Lieferverträge durchgesetzt. Derweil untersucht die EU-Wettbewerbsaufsicht, ob Gazprom gegen das Kartellrecht verstoßen hat.

Zunehmend schauen EU-Mitgliedsländer sich in Norwegen und Katar nach alternativen Gaslieferanten um. Russlands Anteil an den Gaslieferungen nach Europa ist bereits deutlich rückläufig. Kam im Jahr 2000 noch die Hälfte des Erdgases von dort, war es nach Angaben von Eurostat zuletzt weniger als ein Drittel.

Associated Press

Die Nähe scheint zu täuschen: Gazprom-CEO Alexeij Miller erläutert dem russischen Präsidenten Wladimir Putin Anfang Dezember das Pipelineprojekt South Stream, das eine Leitung auf dem Grund des Schwarzen Meeres vorsieht.

In Russland besteht der wesentliche Vorteil von Gazprom darin, die Erdgaspipelines auch zu besitzen. Doch macht Moskau Druck, Wettbewerbern wie Novatek und Rosneft verbesserten Zugang zu ermöglichen. So kämen sie an die führenden Stromerzeuger und Stahlproduzenten heran.

Außerdem hat die Regierung einem Anstieg der regulierten Gaspreise zugestimmt: Novatek war daraufhin in der Lage, Kapital aus der effizienteren Förderung zu schlagen und Erdgas im Heimatland in der ersten Jahreshälfte 2012 mit einem Abschlag gegenüber Gazprom zu verkaufen, ohne dabei die guten Gewinnmargen aufs Spiel zu setzen. Laut IHS CERA kommen 27 Prozent des in Russland geförderten Erdgases inzwischen von Gazprom-Konkurrenten. Im Jahr 2000 waren es lediglich zehn Prozent.

Russland könnte allerdings noch weiter gehen. Das Gazprom-Modell, Russland mit sehr günstigem Gas zu versorgen, das mit Gewinnen in einem gekaperten europäischen Markt subventioniert wird, zeigt Risse. Wenn es nämlich russischen Wettbewerbern des früheren Quasi-Monopolisten erlaubt wird, die Pipelines gen Westen mitzubenutzen, dann ist mit verstärktem Wettbewerb zu rechnen. Nach dem Beispiel der USA dürften die Preise für Gas in Westeuropa dann fallen.

Russischen Konzernen würde das – nur scheinbar paradox – am Ende auch helfen. Sie würden nämlich wettbewerbsfähiger für die wachsende Zahl internationaler Konkurrenten. Am Ende sichert sich der Kreml damit auf lange Sicht seine Steuereinnahmen auf den Rohstoff Erdgas.

In der Energiebranche Russlands übertrumpft die Politik oft die Wirtschaft. Doch wenn Ministerpräsident Medwedew die langfristigen Interessen des Landes wahren will, sollte er dafür sorgen, dass Gazprom entweder auf eigenen Füßen stehen kann oder fällt.

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