• The Wall Street Journal

Euribor steht auf der Kippe

    Von MADELEINE NISSEN

Für Banken wird die Teilnahme am Euribor, dem Referenzzinssatz im Bankengeschäft der Eurozone, zunehmend zum Risiko. Etliche Banken erwägen deshalb einen Ausstieg aus dem System, und die Gefahr wächst, dass die Grundlage für viele Finanzprodukte scheitert.

Nachdem sich die Hinweise verdichten, dass es neben dem in London ermittelten Libor auch beim Euribor zu Manipulationen gekommen ist, fürchten etliche der beteiligten Banken nicht nur um ihren Ruf, sondern auch juristische Auseinandersetzungen vor Gericht.

Dass Bankkunden dazu bereit sind, zeigen die Schadensersatzklagen, die im Zusammenhang mit der erwiesenen Manipulation des Libor-Zinssatzes bereits anhängig sind.

Eine Umfrage des Wall Street Journal Deutschland unter den deutschen Instituten zeigt, wie unsicher die meisten Institute sind, ob sie beim Euribor weiter mitmachen wollen. Einzelne Banken wie die BayernLB sind bereits ausgestiegen.

Das Euribor-Panel schrumpft bereits

Insgesamt gehören derzeit noch 39 Banken dem Euribor-Panel an, das den Zinssatz täglich mit seinen Meldungen bestimmt. Deutschland spielt mit sieben Instituten dabei eine gewichtige Rolle. Je mehr Banken sich vom Euribor abwenden, desto höher ist die Gefahr, dass er komplett scheitert. Schon der Rückzug einer einzelnen Bank aus dem Euribor schwäche das gesamte System und erschüttere das öffentliche Vertrauen, warnen die Euribor-Betreiber Financial Markets Association ACI und Euribor EBF.

„Wir beobachten das Geschehen genau, eine Entscheidung ist noch nicht gefallen", erklärte etwa die Landesbank Berlin. Fast wortgleich fällt die Reaktion der NordLB aus: „Wir sind weiter dabei, beobachten aber die Entwicklung." Auch die Landesbank Baden-Württemberg hat nach eigener Aussage noch keine Entscheidung über einen Ausstieg oder Verbleib im Euribor-Panel getroffen.

dapd

Banken fürchten wegen der Manipulation von Referenzzinssätzen um ihren guten Ruf und eventuelle Klagen. Einige wollen sich nicht den Spiegel vorhalten lassen, und erwägen aus dem Panel auszusteigen, das den Referenzzins ermittelt.

Die beiden großen Privatbanken, Deutsche Bank und Commerzbank, wollen sich offiziell erst gar nicht äußern. WSJ Deutschland erfuhr aber aus dem Umfeld der Institute, dass sie am Euribor festhalten. Ein offenes Bekenntnis kommt nur von der DZ Bank und der Helaba. Beide sagen: „Wir bleiben drin."

Für die Ermittlung des Euribor melden die Banken im Panel einmal am Tag die Zinsen, die sie für Termingelder in Euro bieten. Auf dieser Basis wird der Referenzwert ermittelt, an dem sich die Preise für andere Finanzprodukte orientieren. Beispielsweise orientieren sich die Renditen für variabel verzinsliche Unternehmensanleihen an Referenzzinssätzen wie dem Euribor.

Kleinste Veränderungen des Euribor haben deshalb weit reichende Auswirkungen für viele Finanzprodukte und -geschäfte. Ähnlich verhält es sich bei dem Libor, die London Interbank Offered Rate. Sie wird ebenfalls täglich einmal über eine Umfrage ermittelt und zeigt, zu welchen Raten die wichtigsten Banken bereit sind, sich untereinander Geld zu leihen.

Ermittlungen wegen Manipulationen laufen weltweit

Bei beiden Referenzzinssätzen haben Mitarbeiter einzelner Banken in der Vergangenheit offensichtlich falsche Werte angegeben. Teils wurden die Sätze so über Jahre hinweg manipuliert, wie dies bei der britischen Großbank Barclays wohl als erwiesen gelten kann. Genaue Untersuchungen zu Falschmeldungen in betrügerischer Absicht laufen inzwischen in den USA, in Europa und in Japan.

Öffentlich gewordene Protokolle zeigen, dass sich Händler mehrerer Banken dabei abgesprochen haben. Etwa heißt es darin als Antwort auf die Frage eines Händlers, was die Ansage seines Gegenübers für den Libor ist: „Wo hättest Du ihn denn gerne?" Von derartigen Manipulationen konnten eingeweihte Marktteilnehmer profitieren, die sich mit ihren Anlagen entsprechend positioniert hatten.

Nachdem die Manipulationen zunächst in London beim Libor bekannt wurden, steht längst auch der Euribor im Verdacht, von einzelnen Beteiligten gezielt gesteuert worden zu sein. Der Euribor ist im Vergleich zum Libor allerdings weniger anfällig für Manipulationen, weil der berichtete Satz jeder einzelnen Bank wegen der größeren Zahl von Einzelmeldungen weniger ins Gewicht fällt. Sollte die Zahl der Banken im Panel also schrumpfen, würde der Euribor diesen Vorteil einbüßen.

Deutschlands oberste Aufseherin scheint jedenfalls Verständnis dafür zu haben, wenn Banken sich abwenden. „Ob eine Bank an der Ermittlung einer (…) privatwirtschaftlichen Benchmark mitwirkt, ist allein ihre Entscheidung", sagte BaFin-Präsidentin Elke König. Im selben Atemzug stellte sie auch die Frage in den Raum, ob „die Ermittlung von Sätzen wie Libor und Euribor überhaupt nachhaltig reformiert werden kann".

Viele Banken sind jedenfalls nicht überzeugt. Sie haben Angst, nicht nur um ihren Ruf, sondern auch vor möglichen Rechtsstreitigkeiten. Zwar können ihre Kunden im Einzelfall nur schwer nachzuweisen, dass sie wegen einer konkreten Manipulation der Referenzsätze Geld verloren haben. Gleichwohl können die Banken nicht sicher sein, dass klagende Kunden vor Gericht dennoch Recht bekommen.

Erste Klagen scheinen erfolgversprechend

In Großbritannien klagt etwa die Pflegeheimgruppe Guardian Care Homes gegen die Barclays-Gruppe wegen Verlusten, die sie mit einem an den Libor gekoppelten Zinsgeschäft erlitten hat.

In Deutschland sorgte eine Klage von Metzler Investment schon im Herbst 2011 für Schlagzeilen. Das Investmenthaus hatte sich einer Sammelklage mit anderen Kapitalanlagegesellschaften angeschlossen, die sich gegen mehr als zwanzig Institute in den USA richtet. Zu den beklagten Instituten gehört auch die Deutsche Bank. Der Fall läuft noch.

Die Manipulation der Libor-Zinssätze habe das Gericht als Ursache für den entstandenen Schaden bereits bestätigt, sagte ein Sprecher von Metzler dem Wall Street Journal Deutschland: „Allerdings ist es sehr schwierig, die Schadenshöhe zu ermitteln".

In London erwägt die Strafverfolgungsbehörde SFO, die sich mit schweren Betrugsdelikten befasst, gegen einzelne Banker wegen des Libor-Skandals vorzugehen.

Die Manipulation von Referenzzinssätzen gehört zu den schwerwiegendsten Vertrauensbrüchen, die in der Branche möglich sind, räumen auch Bankenchefs inzwischen ein. „Libor ist ein Thema, das uns alle krank macht", beteuerte jüngst Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain. Kein Vorstandschef einer Bank habe sich vorstellen können, dass ein derart großer Vertrauensmissbrauch überhaupt möglich gewesen sei.

Sollte der Vertrauensverlust weitere Banken aus dem Euribor-Panel treiben, steht der Referenzzins selbst für den Europäischen Bankenverband auf der Kippe. Sollte er tatsächlich fallen, müsste ein Ersatz für alle Finanzgeschäfte gefunden werden, die auf dem Zinssatz basieren. Damit es soweit nicht kommt, wäre denkbar, dass die Referenzzinssätze von einer dritten, vorzugsweise unabhängigen Stelle festgesetzt werden. In der Diskussion sind Börsenbetreiber wie die Deutsche Börse, die dazu technisch problemlos in der Lage wäre.

Alternativen zur Erhebung der Zinssätze

Auch die Europäische Zentralbank hat bereits laut über Feststellung von Sätzen nachgedacht, die nicht nur auf Angebotssätzen, sogenannten Briefsätzen basieren, sondern auf tatsächlichen Finanztransaktionen eines Tages. Doch die eigentlich einleuchtende Idee hat ihre Tücken. „In schwierigen Marktphasen sind die Umsätze so niedrig, dass kein Wert ermittelt werden kann", kritisiert ein Informant, dessen Bank im Euribor-Panel vertreten ist.

Eine hundertprozentige Kontrolle sei ohnehin nicht möglich, sagte die Person. Auch die Aktienmärkte seien vor Manipulation nicht gefeit. „Trotz aller Kontrolle sind einige Akteure in der Lage, gewisse Preise zu manipulieren." Hinzu komme menschliches Versehen wie etwa Eingabefehler oder Aufträge, die zu hohen Schwankungen führten. „Was davon mutwillig ist, kann man häufig nicht eindeutig feststellen", sagte die Person.

Die Untersuchungen der europäischen Aufsichtsbehörden laufen unterdessen auf Hochtouren. Auch die deutsche Finanzaufsicht BaFin prüft, inwieweit Bankmitarbeiter im Panel, etwa von der Deutschen Bank und dem West-LB-Nachfolger Portigon, ihre Zinssätze falsch ausgewiesen haben, um krumme Geschäfte zu machen.

„Es laufen keine Sonderprüfungen in dem Sinne, vielmehr handelt es sich um laufende Untersuchungen seit Sommer 2012, in dessen Rahmen die Vorstände regelmäßig befragt werden und Datenmaterial zusammengetragen wird", hieß es aus Aufsichtskreisen.

Die schärfste Maßnahme, die die Aufseher ergreifen können, wäre die Abberufung des Bankmanagements. Darauf deutet aktuell, zumindest in Fällen wie der Deutschen Bank, allerdings nichts hin. Aufsichtsratschef Paul Achleitner betonte nach einer hausinternen Prüfung, dass die Vorstände nichts von den Libor-Manipulationen durch Mitarbeiter der Bank gewusst hätten. Auch Co-Vorstandschef Anshu Jain distanzierte sich klar.

Aber auch wenn die Bankvorstände nichts ahnten, müssen sie sich von den Aufsehern Fragen gefallen lassen, warum sie die Vorgänge in ihrem Haus nicht unter Kontrolle hatten. Auch werden sie klären müssen, ob sie mit hohen Bonuszahlungen nicht falsche Anreize gesetzt und so ein Geschäftsgebaren am Rande der Legalität gefördert haben. Nicht selten sind die Mitarbeiter in den Handelsräumen recht jung und womöglich anfälliger, für hohe Verdienste an die Grenzen der Legalität zu gehen oder darüber hinaus.

Kontakt zum Autor: Madeleine.Nissen@wsj.com

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