• The Wall Street Journal

Wie konservativ ist die EZB?

    Von BRIAN BLACKSTONE
Reuters

Analysten fürchten, dass die Europäische Zentralbank sich dieses Jahr nicht gegen eine mögliche Aufwertung des Euro stemmen würde.

FRANKFURT—Die Europäische Zentralbank (EZB) wirkt momentan so konservativ in ihren Ausgaben wie lange nicht mehr. Ihr Portfolio an Vermögensanlagen und Darlehen an Geschäftsbanken schrumpfte in der vergangenen Woche auf den niedrigsten Stand seit fast einem Jahr. Aber während EZB-Vertreter diesen Rückgang als Zeichen stabiler Finanzmärkte begrüßen, warnen Analysten vor einer neuen und möglicherweise schädlichen Aufwertung des Euro.

Das Zentralbank-Portfolio sinkt, wenn Geschäftsbanken weniger auf Kredite der EZB angewiesen sind. Eine geschrumpfte Bilanz aber deutet aus Sicht von Volkswirten auch darauf hin, dass die Notenbank sich in der Geldpolitik stärker zurückhält als in anderen Ländern. Vor allem die japanische Notenbank – so die Befürchtung vieler Experten – könnte versuchen, über den Wechselkurs die heimische Währungen abzuwerten und das Wirtschaftswachstum im eigenen Land anzukurbeln. Das wiederum könnte andere Länder zu ähnlichen Schritten anheizen und eine Abwertungsspirale in Gang setzen.

„Märkte müssen stärker aufpassen"

„Zentralbanken sind wegen der Größe ihrer Bilanzen große Akteure [auf dem Devisenmarkt], also müssen die Märkte stärker aufpassen", sagt Jacob Funk Kirkegaard, Volkswirt bei der amerikanischen Denkfabrik Peterson Institute for International Economics. Für ihn ist klar: Ein schrumpfendes EZB-Portfolio signalisiert, dass sich die Zentralbank eher nicht „gegen eine Euro-Aufwertung im kommenden Jahr stemmen wird".

Wenn sich der Euro verteuerte, würde das die Ausfuhren aus Ländern der Währungsunion belasten – dabei kämpft die Eurozone gerade mit der zweiten Rezession in vier Jahren. Vor allem südeuropäische Staaten wie Spanien hängen maßgeblich von der Exportindustrie als Stütze für ihre Wirtschaft ab.

Wie die EZB am Dienstag mitteilte, sank ihr Anlagevermögen und das ihrer Mitgliedsbanken letzte Woche um 13,4 Milliarden Euro auf 2,93 Billionen Euro. Es ist das vierte Mal hintereinander, dass ihr Portfolio schrumpft. Und der Trend dürfte sich noch verstärken, wenn jetzt die ersten Banken mit der Rückzahlung von Dreijahresdarlehen in Höhe von einer Billion Euro beginnen, die sie sich während der Euro-Schuldenkrise von der EZB besorgt hatten. Am Mittwoch dürften Banken eine erste Kredittranche von 137 Milliarden zurückzahlen – zwei Jahre vor dem eigentlichen Fälligkeitstermin.

Einige dieser Mittel werden laut Analysten in andere, kurzfristige EZB-Kredite einfließen. Grundsätzlich aber werde „die Mehrheit [von der EZB] eingezogen, und die Bilanz wird sinken", sagt Richard Barwell, Volkswirt bei der Royal Bank of Scotland .

EZB-Anlagen schrumpfen gegen den Trend

Mitte 2012 hatte das Anlagevermögen der EZB mit 3,1 Billionen einen vorläufigen Höchststand ereicht. Seitdem ist es um 5 Prozent geschrumpft. Zum Vergleich: Die Bilanz der US-Notenbank Federal Reserve erhöhte sich im selben Zeitraum um 5 Prozent, weil sie verstärkt hypothekenbesicherte Wertpapiere gekauft hat. Und die der britischen Notenbank Bank of England stieg um mehr als 10 Prozent. Seit Ende Juli hat sich der Euro gegenüber dem US-Dollar um etwa 10 Prozent verteuert.

Diese Männer fluten die Welt mit Geld:

Gemessen an der Gesamtwirtschaft besitzt die EZB immer noch ein höheres Anlagevermögen als die britische und amerikanische Zentralbank. Aber darin enthalten sind auch riesige Bestände an Gold und anderen, von der Geldpolitik unabhängigen Vermögenswerten.

Das EZB-Portfolio ist seit der Finanzkrise im Jahr 2008 auch langsamer gewachsen als das ausländischer Notenbanken. So rechneten Analysten noch vor sechs Monaten damit, dass die Bilanz der EZB bei bis zu 3,5 Billionen Euro einen Höchststand erreichen werde. Damals sah es wegen der Schuldenkrise so aus, als müsste die EZB ihre Anleihenkäufe noch verstärken und Geschäftsbanken zusätzliche Kredite zur Verfügung stellen. Das hätte dann ihr Anlagevermögen erhöht.

Letztlich aber beruhigte allein schon die Ankündigung eines neuen Anleihenkauf-Programms im September die Finanzmärkte. Die Anleiherenditen in schuldengeplagten Ländern wie Spanien und Italien sanken. Und die EZB brauchte keine neuen Wertpapiere zu kaufen.

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