• The Wall Street Journal

Radikaler Ex-Minister soll Chef der BOJ werden

    Von TAKASHI NAKAMICHI, GEORGE NISHIYAMA und MEGUMI FUJIKAWA

TOKIO—Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe hat einen linientreuen Nachfolger für den Posten des Notenbankgouverneurs im Auge. Wie zwei Regierungsvertreter verrieten, will er den Chef der Asiatischen Entwicklungsbank und ehemaligen Finanzminister Haruhiko Kuroda zum Leiter der Bank of Japan machen. Dieser gilt als offener Kritiker des bisherigen Kurses der japanischen Zentralbank und dürfte sich für eine geldpolitische Lockerung stark machen. Der bisherige Notenbankgouverneur Masaaki Shirakawa wird Mitte März vorzeitig zurücktreten.

Kuroda leitete Anfang der Nullerjahre vier Jahre lang die geldpolitische Abteilung im japanischen Finanzministerium. Unter anderem unternahm er damals eine Initiative, um den Yen abzuwerten und japanische Exporte auf dem Weltmarkt zu verbilligen.

[image] Reuters

Haruhiko Kuroda gilt als Wunschkandidat des japanischen Ministerpräsidenten für den Job des neuen Zentralbankgouverneurs.

Seine Ernennung passt zu den aktuellen Ereignissen in Japan: Seit ein paar Monaten schon beschweren sich japanische Unternehmer und Politiker, dass die starke Landeswährung die Wirtschaft drangsaliere. Bei seinem Amtsantritt im Dezember versprach der neue Ministerpräsident Abe deshalb, er werde die Wirtschaft massiv mit Geld fluten und so den Wert des Yen senken.

Nach einer Rally Ende des vergangenen Jahres hat der Yen in diesem Jahr gegenüber dem US-Dollar, dem Euro und anderen Leitwährungen heftig an Wert verloren. Die Nachricht von einer möglichen Nominierung Kurodas trieb die Devise am Montagmorgen im asiatischen Handel weiter nach unten: Der US-Dollar stieg deutlich auf 94,77 Yen – den höchsten Stand seit fast zwei Jahren.

Im Ausland erntete Abe mit seiner Abwertungsoffensive allerdings keinen Beifall. Zahlreiche Regierungen weltweit fürchten vielmehr, dass der Japaner einen globalen Währungskrieg anzetteln könnte. Sie haben Angst, dass nach Japan andere Länder ebenfalls versuchen könnten, ihre Währungen aktiv abzuwerten. Das könnte einen Teufelskreis in Gang setzen.

Der Radikale aus gutem Hause:

Haruhiko Kuroda, geboren 1944, dürfte den Lenkungsrat der BOJ aufmischen. Er hat sich als radikaler Geldpolitiker einen Namen gemacht. Dabei ist er in vielerlei Hinsicht ein typischer Spross des japanischen Establishments. 1967 stieß er nach seinem Jura-Examen an der elitären Universität Tokio zum japanischen Finanzministerium. 1971 schloss er ein Philosophiestudium an der britischen Universität Oxford ab. In den folgenden 36 Jahren arbeitete er an seinem beruflichen Aufstieg, um schließlich im Jahr 1999 das Amt des Vize-Finanzministers für internationale Angelegenheiten zu besetzen – als Japans Stimme bei globalen Wirtschaftstreffen.

Bevor er 2005 Präsident der Asiatischen Entwicklungsbank wurde, lehrte er zwei Jahre an der Wirtschaftsfakultät der Hitotsubashi Universtität. In der Zeit schrieb er auch ein Buch mit dem Titel „Erfolg und Versagen von Fiskal- und Geldpolitik". Darin wirft er der BOJ vor, ein Vierteljahrhundert lang Fehler gemacht zu haben. Die BOJ ist seiner Meinung nach für die Börsenblase der späten 80er-Jahre verantwortlich. Sie habe erst zu nachgiebig agiert und dann Anfang der Nullerjahre zu schnell das Ruder in die Gegenrichtung gerissen.

Anfang Februar hatten bereits die sieben führenden Industrienationen der Welt und die Staatengemeinschaft der G-20 Erklärungen zu dem Thema veröffentlicht. Erstmals versuchten sie, Leitlinien für die Währungspolitik von Zentralbanken festzulegen.

Abes Chefsprecher lehnte am Montagmorgen einen Kommentar ab. Auch Kuroda, der sich wegen einer Konferenz in den USA aufhält, wollte keine Stellungnahme abgeben.

In mehreren Interview mit dem Wall Street Journal hat sich Kuroda in den vergangenen Wochen klar gegen die bisherige Politik der japanischen Zentralbank ausgesprochen. Er findet, die Notenbank sei zu zaghaft im Kampf gegen die Deflation, die in Japan seit mehr als einem Jahrzehnt die Löhne und Konzerngewinne drückt. Und er hat angekündigt, dass er – sollte er den Spitzenjob bekommen – die Anleihenkäufe der Bank of Japan ausweiten wird.

„Es gibt noch viel Raum für geldpolitische Lockerung"

Die Bank of Japan (BOJ) nutzt solche Wertpapierkäufe als Hauptwaffe, um die Geldmenge zu erhöhen und die Wirtschaft anzukurbeln. Die Idee dahinter: Kauft sie Banken Anleihen ab, haben diese mehr Geld zur Verfügung, das sie als Kredite an Haushalte und Unternehmen verteilen können. Auf das traditionelle geldpolitische Rezept gegen eine lahmende Wirtschaft – Zinssenkungen – kann die japanische Notenbank nicht mehr zurückgreifen. Ihr Leitzins liegt bereits bei fast Null.

„Es gibt noch viel Raum für geldpolitische Lockerung" in Japan, sagte Kuroda Mitte Februar dem Wall Street Journal. Seiner Ansicht nach könnte die Zentralbank die Anleihenkäufe zudem auf „Unternehmensanleihen oder sogar Aktien" ausweiten, sagte er damals.

Im Interview äußerte sich Kuroda auch zum neuen Inflationsziel von 2 Prozent, das die BOJ nach erheblichem Druck von Seiten des Ministerpräsidenten Abe widerstrebend angenommen hatte. Diese Ziel ließe sich innerhalb von zwei Jahren erreichen, glaubt Kuroda. Sollte das tatsächlich so schnell gelingen, würde das den jahrelangen Preissturz in Japan aufhalten. Noch aber sagt die Zentralbank offiziell voraus, dass der Verbraucherpreisindex im April 2014 nur bei 0,9 Prozent liegen werde. Auch viele Volkswirte bezweifeln, dass sich Japans Deflation schnell umkehren lässt.

Neben dem Gouverneursposten werden am 19. März auch die beiden Stellvertreterpositionen in der BOJ frei. Sollte es Abe gelingen, auch diese beiden Jobs mit linientreuen Gefolgsleuten zu besetzen, hätte er die Zentralbank gehörig nach seinem Willen umgekrempelt. Er hätte dann drei der neun Mitglieder im Lenkungsrat nominiert.

Zurzeit ist Kikuo Iwata für einen der Stellvertreterposten im Gespräch. Der 70-Jährige, ein Volkswirt, ist seit zwei Jahrzehnten der intellektuelle Vorkämpfer einer BOJ-kritischen Ökonomengruppe in Japan. Er bestätigte am Montagmorgen, dass man ihn gefragt habe, ob er das Amt übernehmen wolle.

Für den zweiten Posten dürfte ein langjähriges Zentralbankmitglied in Frage kommen. Damit dürfte Abe ein Zugeständnis an die BOJ und ihre Bürokratie machen. Er will zwar die Notenbank personell aufmischen, aber ist letztlich doch auf breite Unterstützung aus ihren Reihen angewiesen.

Diese Männer fluten die Welt mit Geld:

In Japan müssen beide Kammern des Parlaments den Nominierungen zustimmen. Die Regierung hält zwar im Unterhaus eine klare Mehrheit, müsste aber im Oberhaus noch die Unterstützung von mindestens einer Oppositionspartei gewinnen. Das könnte schwer werden. Im Jahr 2008, als das letzte Mal ein neuer Notenbankgouverneur in Japan gesucht wurde, lehnte das von der Opposition dominierte Oberhaus zwei Kandidaten ab, bevor es schließlich der Nominierung Shirakawas zustimmte.

Aber selbst wenn das Parlament am Ende Abes Wunschkandidaten billigen sollte, könnte es im Lenkungsausschuss der BOJ schwierig werden, kontroverse Beschlüsse durchzusetzen. In der Vergangenheit hatten sich die Mitglieder in dem Gremium stets loyal gegenüber dem Kurs des scheidenden Gouverneurs Shirakawa gezeigt.

Kann die Geldpolitik wirklich Japans Probleme lösen?

Und es ist auch nicht klar, dass eine lockerere Geldpolitik die Probleme der japanischen Wirtschaft tatsächlich beheben wird. Möglicherweise sind zusätzlich strukturelle Reformen vonnöten. „Ein Großteil dessen, was Japan belastet, kann mit Geldpolitik nicht ausgeräumt werden", sagt Anil Kashyap, ein Volkswirt an der Universität Chicago. „Die Deflation zu beenden, ist eine gute Sache. Aber es sind auch noch eine ganze Reihe anderer Reformen nötig, um Japan auf Trab zu kriegen."

Einige Volkswirte, vor allem der scheidende Shirakawa selbst, halten neue Anleihenkäufe für hochproblematisch. Anleger könnten das als Versprechen der BOJ verstehen, grundsätzlich die Schulden ihres Staates zu übernehmen. Wenn Anleger das Gefühl bekämen, dass die Regierung dadurch weniger Druck verspüren könnte, ihren Haushalt diszipliniert zu führen, könnte das die Anleihezinsen in die Höhe treiben.

In einem Interview mit dem Wall Street Journal im Januar wischte Kuroda derlei Bedenken weg. „Was ist die Gefahr – Hyperinflation? Oh nein, Sie machen wohl Witze", sagte er damals und lachte.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Verkehr

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Luxus-Dschungelcamp in Australien

    Mitten im australischen Regenwald, aber in Nähe der nächsten Whiskey-Bar, befindet sich dieses tropische Anwesen. Wenn es nicht unbedingt der Strand vor der Haustür sein muss, laden ein See, Pool und der eigene Obstgarten zum Entspannen ein.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 22. Juli

    Ein mexikanischer Zirkushund im Löwenpelz, ein zerbombtes Hochhaus in Gaza, ein Lichtermeer in Australien und Roboter in China. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Einmal zum Mond und zurück

    Am 20. Juli 1969 gewannen die USA das Wettrennen zum Mond gegen die Sowjetunion. Die US-Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin setzten als erste Menschen einen Fuß auf den Mond. Ein Rückblick in Bildern.

  • [image]

    Der Absturz von MH17

    Die Menschen auf der ganzen Welt reagieren mit Schock und Trauer auf den Absturz des Fluges MH17 von Malaysia Airlines in der Ostukraine. Pro-russische Aktivisten werden beschuldigt, die Maschine abgeschossen zu haben. Die genauen Hintergründe bleiben weiter undurchsichtig. Das Flugzeugunglück in Bildern.

  • [image]

    Die Chinesen lieben das Nickerchen im Möbelhaus

    Chinesen mögen es, an merkwürdigen Plätzen ein Schläfchen zu machen. Neu ist dieses Phänomen nicht. Ein Fotograf hat sich nun aber erstmals auf die Lauer gelegt und das seltsame Verhalten bei Ikea in Peking dokumentiert.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.