• The Wall Street Journal

Nach Griechenland fließt wieder frisches Geld

    Von STELIOS BOURAS und PHILIP PANGALOS

ATHEN – Egal ob Immobilien oder Aktien von Energieversorgern – auf der Suche nach Rendite werden Anleger auf einmal wieder in Griechenland fündig. Weil sie bereit sind, höhere Risiken einzugehen, fließt wieder Geld in das Land. Das könnte ein Wendepunkt in der griechischen Schuldenkrise sein.

Agence France Presse/Getty Images

Eine Filiale der Eurobank im Februar 2012. Auf dem Höhepunkt der Krise wurden bei Straßenschlachten zwischen Polizei und Demonstranten zahlreiche Geschäfte verwüstet.

Ein schwacher, aber steter Strom frischen Geldes hat in der zweiten Jahreshälfte 2012 insgesamt 109 Millionen Euro in griechische Aktien fließen lassen. Im Januar waren es laut der Börse in Athen weitere 27,6 Millionen. Das ließ den Leitindex im vergangenen Jahr um 33,4 Prozent steigen. Damit war Athen paradoxerweise der profitabelste Aktienmarkt der Europäischen Union. Auch in diesem Jahr haben die Kurse bereits um über 10 Prozent zugelegt. Damit steht der Index bei mehr als 1003 Punkten – vor über zwölf Jahren lag das Allzeithoch aber noch bei 6355 Punkten.

Gleichzeitig fallen die Renditen für Anleihen. Bei den Staatsanliehen, die nach dem Schuldenschnitt im vergangenen Frühjahr noch in privater Hand liegen, sind die Renditen auf das Niveau des Jahres 2010 gesunken. Und zum ersten Mal seit drei Jahren können griechische Unternehmen wieder Anleihen platzieren.

Das ist eine radikale Wende gegenüber der Lage noch vor sechs Monaten, wo die Ängste vor einem Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone und einem Zusammenbruch der Währungsunion die Märkte im Bann hielten und Athen praktisch von privater Finanzierung abschnitten. Jetzt scheinen die Anleger wieder Vertrauen in das Land und seine Regierung zu fassen. Ein Ende des griechischen Sturzfluges erscheint in greifbarer Nähe. Obwohl die Staatseinnahmen durch die Rezession im Land gesunken sind, konnte das Staatsdefizit 2012 entsprechend der Vorgaben der Gläubiger auf 12,9 Milliarden Euro gesenkt werden, zeigen Daten des Finanzministeriums. 2011 lag die Lücke noch bei 19,7 Milliarden Euro.

Anleger glauben nun „anders als bisher", das Griechenland die Reformen umsetzen kann, die IWF, EU und EZB fordern, sagt Richard Deitz, Chef der VR Capital Group, einem Hedgefonds, der sich auf riskante Vermögenswerte spezialisiert hat. „Wir haben bereits in Griechenland investiert, und wir betrachten Griechenland weiter als Quelle von Anlagemöglichkeiten", sagt er, ohne konkrete Investitionen zu nennen.

Agence France Presse/Getty Images

Dieselbe Bankfiliale heute. Bei internationalen Anleger keimt wieder ein gewisses Vertrauen in Griechenland auf. Bei der Eurobank sind die Einlagen gestiegen.

Diese Entspannung könnte sich jedoch als kurzlebig erweisen. Soziale oder politische Spannungen könnten jederzeit neu aufbrechen und den Reformplan der instabilen Drei-Parteien-Regierung entgleisen lassen. Die Wirtschaft dürfte in diesem Jahr um 4,5 Prozent schrumpfen. Die Arbeitslosigkeit liegt schon jetzt bei traurigen 27 Prozent. Neun von zehn Haushalten haben seit Beginn der Krise 2010 deutlich weniger Einkommen zur Verfügung. Zehntausende Unternehmen dürften dieses Jahr nicht überstehen.

Ein weiterer Gefahrenherd wäre eine Krise in einem Land der Eurozone, der die Anleger das Weite suchen lässt. Politische Skandale in Spanien und die Frage, wie es in Italien nach der Wahl weitergeht, sind nur zwei der vielen Brennpunkte. Auch die Lage der Währungsunion an sich lässt Sorgen aufkommen. Als die vorläufigen Ergebnisse des Einkaufsmanager-Indexes für Februar ein Zweimonatstief ergaben, ging es an den Börsen bergab. Griechische Aktien fielen um mehr als 4 Prozent.

Noch scheinen die Anleger aber vor allem auf die guten Nachrichten zu schauen. Dazu zählt ein Rettungspaket über 49,2 Milliarden Euro, dass die Spitzenpolitiker der Eurozone im Dezember auf den Weg brachten. Dieses Geld fließt in die Rekapitalisierung von Banken und in die Staatskassen, wo es für die Zahlung von Pensionen und Beamtengehältern verwendet wird. Die Stimmung in der Wirtschaft ist so gut wie seit zwei Jahren nicht mehr. Die Banken des Landes haben seit Juni 15 Milliarden Euro an neuen Einlagen verbucht, weil die Kunden ihnen wieder vertrauen. Zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise konnte die Regierung im vergangenen Jahr die wichtigsten Haushaltsziele einhalten.

Großkonzerne investieren wieder

Aufgrund der verbesserten Marktbedingungen hoben die Aufsichtsbehörden im Januar das seit 17 Monaten bestehende Verbot für Leerverkäufe größtenteils auf. Auf dem Höhepunkt der Krise sollten dadurch Spekulationen auf fallende Kurse erschwert werden.

Auf dem Anleihemarkt herrscht nach drei Jahren Eiszeit nun endlich Tauwetter. Die Hellenic Telecommunications Organization, heute eine Tochter der Deutschen Telekom, nahm Ende Januar mit Anleihen mit fünf Jahren Laufzeit 700 Millionen Euro ein. Fage, ein Hersteller von Milchprodukten, gab im Dezember Schuldtitel über 250 Millionen Euro aus; Titan Cement nahm im Januar 200 Millionen ein. In diesem Monat sicherte sich die zweitgrößte Bank des Landes, die Eurobank Ergasias, auf dem europäischen Interbankenmarkt 6 Milliarden Euro. Es war das erste Mal seit Jahren, dass ausländische Banken ihr Geld einem griechischen Institut anvertrauen.

Auch ausländische Fonds für Wagniskapital haben Griechenland ins Auge gefasst. Begehrt ist etwa die staatliche Lotteriegesellschaft Opap, die privatisiert werden soll. Der US-Fonds NCH Capital hat 100 Millionen Euro für Grundstücke aus dem Staatsbesitz ausgegeben, darunter 50 Hektar auf der Ferieninsel Korfu. Im Januar machte Rhone Capital ein Übernahmeangebot für das Traditionsunternehmen S&B Industrials, eine Bergbaufirma im Familienbesitz. Das Unternehmen prüft das Gebot derzeit.

Eine Handvoll internationale Großkonzerne investiert ebenfalls wieder in Griechenland. Seit dem Beginn der Krise sind die Lohnkosten um etwa ein Drittel gefallen. Westlich von Athen baut der Tabakriese Philip Morris International ein neues Werk – zunächst für den griechischen Markt, eventuell aber auch für den Export. „Wir erwarten, dass sich die Marktdynamik verbessert wenn die Wirtschaft stärker wird und die Beschäftigung ansteigt", sagt Sprecherin Julie Soderlund.

Der Konsumgüterhersteller Unilever verlagert die Produktion von 110 Produkten von anderen westeuropäischen Ländern nach Griechenland. „Wir glauben, dass sich die Investition auszahlt, wenn die Krise endlich vorüber ist", sagt Spyros Dessyllas, Chef von Elais-Unilever Hellas. Griechenland „ist jetzt viel attraktiver für ausländische Direktinvestitionen".

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