• The Wall Street Journal

Italiens betrogene Generation

    Von CHRISTOPHER EMSDEN

ROM—„Wir sind die verlorene Generation." sagt Andrea Bolla, und meint damit alle Mittvierziger in Italien. Wie alle anderen aus seiner Generation muss sich auch der 46-jährige Kleinunternehmer für den Rest seines Arbeitslebens auf Entbehrungen einstellen. Dabei waren sie von Anfang an schlechter gestellt als ihre Eltern.

Bolla leitet den kleinen Energieanbieter Vivigas und das Weingut Valdo Prosecco in der Nähe der norditalienischen Stadt Verona. Seitdem er den Familienbetrieb übernommen habe, zahle er mehr Steuern als sein Vater, erhalte aber weniger Gegenleistungen und müsse sich mit mehr Bürokratie herumschlagen. Sein Vater habe „immer das Gefühl gehabt, dass sich alle Schwierigkeiten überwinden lassen", erzählt der Vater dreier Töchter. „Bei uns geht es oft nur noch um das nackte Überleben."

Wenn am Montag in Italien die Wahllokale schließen, wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach ein neues Parteienbündnis herausbilden, das sich daran machen muss, die drängendsten Probleme des Landes anzupacken. Wer auch immer das Regierungsruder übernimmt, wird sich nicht vorrangig damit beschäftigen, die drückende Steuerlast zu erleichtern, die die Mehrzahl der italienischen Bevölkerung schon seit zwei Jahrzehnten schultert. Im Gegenteil - oberste Priorität der neuen Regierung wird es sein, einen harten Sparkurs umzusetzen.

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Ein Wähler wirft in Rom den Zettel ein.

Bolla und seine Altersgenossen gehen seit etwa 1992 dem Broterwerb nach. Damals lag die öffentliche Verschuldung bei 102 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In den zwei Jahrzehnten, die seither verstrichen sind, haben knappe Budgets Investitionen behindert und zu niedrigeren Löhnen und Gehältern geführt. Und trotzdem sind die Zeiger der Schuldenuhr bis 2012 auf 127 Prozent des BIP vorgerückt.

Wer in Italien um das Jahr 1970 auf die Welt gekommen ist und Anfang bis Mitte 40 ist, wird, gemessen als Anteil am Lebenseinkommen, 50 Prozent mehr Steuern zahlen müssen als der Jahrgang 1952. Wie die Studie der Banca d'Italia und der Universität von Verona weiter herausgefunden hat, werden die heutigen Mittvierziger gleichzeitig nur die Hälfte der Rentenbezüge erhalten, die Italiener über 60 Jahren beziehen oder erwarten dürfen.

Zwei entscheidende Momente der italienischen Geschichte haben dafür gesorgt, dass die verlorene Generation der Mittvierziger mit Brotkrümeln abgespeist wird. Im vergangenen Jahr haben die Turbulenzen der europäischen Staatsschuldenkrise Rom dazu gezwungen, Notfallmaßnahmen einzuführen. Dazu gehörte die Verhängung einer unpopulären Vermögenssteuer, das Einfrieren der Gehälter im öffentlichen Dienst und die Anhebung des Rentenalters von 65 auf 68 Jahre. Und im Jahr 1992, als das Gros des Jahrgangs 1970 ins Erwerbsleben eintrat, hätte die Ausgangslage nicht schlechter sein können.

Damals lastete eine Haushalts- und Währungskrise auf dem Land. Eine Reihe von Korruptionsprozessen dezimierte zudem das politische Establishment, das Italien nach dem Zweiten Weltkrieg dominiert hatte. Die Regierung hatte keine andere Wahl, als drakonische Etatschnitte durchzupeitschen. Gekürzt wurde vor allem bei der Bildung und der Infrastruktur. Außerdem wurde das Rentensystem reformiert - mit dem Effekt, dass die Hauptlast der Kürzungen diejenigen treffen wird, die um das Jahr 2030 herum in Rente gehen.

Reuters

Auch Nonnen schmeißen ein - hier in Rom.

Heute liegt der Einkommensteuergrenzsatz auf durchschnittliche Jahresbezüge von 30.000 Euro bei 38 Prozent - 25 Prozent waren es noch vor zwei Jahrzehnten. Die Höhe der Rente für Menschen unter 50 bemisst sich allerdings danach, was insgesamt in den Rententopf eingezahlt wurde, und nicht danach, wie hoch das letzte Gehalt des Arbeitnehmers war.

Das führt zu gravierenden Nachteilen für die derzeitigen Mittvierziger. Keine andere Bevölkerungsgruppe in Italien musste seit 1987 einen derart großen Rückgang ihres relativen Wohlstands hinnehmen wie sie. Die Über-50-Jährigen konnten sich dagegen an beträchtlichen Zugewinnen erfreuen, wie die Banca d'Italia in ihrer Untersuchung feststellt. Und bei den Einkommen bildet sich derselbe Trend ab. „Leute meiner Generation, die von ihrem eigenen Gehalt leben, haben keinen so großartigen Lebensstandard", beobachtet Federica Magro, eine 44-jährige Herausgeberin aus Mailand.

Vom Frust dieser Generation profitiert vor allem Beppe Grillo. Der Starkomiker und unorthodoxe Kandidat bei den Parlamentswahlen wird nicht müde, den Profipolitikern Versagen bei ihren Aufgaben vorzuwerfen. Das gewinnt ihm die Sympathien der Mittvierziger, die seine „Fünf-Sterne"-Protestbewegung laut Umfragen zuletzt mit 26 Prozent ihrer Stimmen unterstützten.

Die etablierten Parteien konzentrieren sich auch in Italien auf die Wählerschaften, die sich besonders lautstark äußern und von starken Interessensgruppen vertreten werden. Also wird vor allem der Jugend und den Rentnern der Hof gemacht. Die großen Parteien versprechen, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen und für die Ruheständler die Auswirkungen der neuen Rentenrichtlinien abzufedern.

„Die Leute, die sich eigentlich beschweren sollten, tun das nicht. Und die, die sich beklagen, sollten lieber den Mund halten", sagt Emanuele Di Bartolo, ein Rechtsanwalt aus dem süditalienischen Crotone. Seitdem jüngst die Regeln zur Preisgestaltung bei der Rechtsberatung gelockert wurden, seien die Einnahmen in seiner Kanzlei geschrumpft, es sei zu Entlassungen gekommen. Aber Einzelheiten darüber, wie die öffentlichen Ausgaben gekürzt werden sollen, seien immer noch nicht geliefert worden, klagt er.

Italien dürfte laut Prognose der EU-Kommission vom Freitag in diesem Jahr einen primären Haushaltsüberschuss von fünf Prozent des BIP erreichen. Der Staat wird also mehr Steuern einnehmen, als er den Einwohnern in Form von Waren und Dienstleistungen zurückerstattet. Und um die neuen haushaltspolitischen Vereinbarungen der Eurozone erfüllen zu können, sollte Italien auf Kurs bleiben.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hatte Italien einen Haushaltsüberschuss von 1,3 Billionen Euro - im Schnitt vier Prozent des BIP pro Jahr - vorzuweisen, rechnet Giuseppe Alvaro vor, ein Ökonom aus Rom und Experte für die den italienischen Haushalt. Die öffentliche Verschuldung sei trotzdem immer weiter gestiegen und hat jetzt zwei Billionen Euro erreicht. Der strikte Sparkurs müsse also beibehalten werden. Aber da ein Großteil der heute Erwerbstätigen nie von den Überschüssen profitiert habe, „könnten sie sich dagegen sperren, zurückzugeben, was sie nie erhalten haben", meint Alvaro.

„Wie in einem Hamsterrad"

„Wie in einem Hamsterrad" fühle er sich, erzählt der Mittvierziger Di Bartolo, der eine dreijährige Tochter hat. Denn seine Generation müsse jetzt auch noch mehr für ihre eigene Zukunft zurücklegen. Wenn das italienische Rentensystem langfristig gesehen belastbar erscheint, dann nur deswegen, weil die Leistungskürzungen erst diejenigen treffen, die um das Jahr 2030 herum in Rente gehen.

Natürlich greift die ältere Generation ihren Nachkommen unter die Arme. Nicht selten werden große Grundstücke oder Häuser vererbt. So kommt es, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Italiener eine Familie gründen, bevor sie 35 Jahre alt sind, zwar nur halb so groß ist wie bei Nordeuropäern. Doch wenn sie sich darauf einlassen, ist die Wahrscheinlichkeit vier Mal so groß, dass sie bei der Familiengründung in ihren eigenen vier Wänden leben.

Die elterliche Unterstützung trage schon dazu bei, den Lebensstandard einiger zu heben, berichtet die Herausgeberin Magro aus Mailand. Doch nicht alle hätten so viel Glück. Sie selbst sei nie in den Genuss solcher Zuwendungen gekommen. Sie und ihr Ehemann stammen beide aus Haushalten mit nur einem Einkommen, die Eltern hatten jeweils einen mittleren Schulabschluss. Es hätte ihnen in ihrer Jugend zwar an nichts gefehlt, aber heute gingen sie beide arbeiten und zahlten eine 30-jährige Hypothek ab. Das sei selten in einem Land, in dem sechs von sieben Häusern den Bewohnern selbst gehörten. Um zu studieren und ihre Karriere zu verfolgen, seien sie beide weit von ihren Heimatstädten an der Grenze zu Slowenien weggezogen und müssten jetzt ohne die Hilfe ihrer Eltern auskommen, wenn es um die Betreuung ihrer zwei kleinen Töchter ginge.

„Es ist unvermeidlich, dass eine Generation, die so viel verdient und so wenig dafür getan hat, den jüngeren Menschen in der Familie hilft", sagt Magro. „Aber ich sehe nicht ein, dass der Staat dabei versagt, das Gleiche zu tun."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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