• The Wall Street Journal

Aktionäre schütteln HP durch

    Von JOANN S. LUBLIN und BEN WORTHEN

Beim US-Technologiekonzern Hewlett-Packard sitzen nicht mehr nur die CEOs auf dem Schleudersitz. Jetzt müssen auch Chairman Ray Lane und zwei weitere Mitglieder des Boards um ihre Posten bangen. Eine Reihe von Schlüsselinvestoren droht mit einer Aktionärskampagne zur Abwahl der umstrittenen Spitze des Organs, das dem deutschen Aufsichtsrat ähnelt. Den Anlegern stößt eine Vielzahl von desaströsen Fehlentscheidungen des aktuellen Boards bitter auf.

Angesichts der potenziellen Anlegerrevolte schrillen bei Lane die Alarmglocken. Gemeinsam mit drei weiteren Board-Mitgliedern trifft er sich deswegen mit 20 unzufriedenen Großaktionären, um eine Eskalation der Situation abzuwenden.

Die Aufruhr der Aktionäre kommt nicht von ungefähr. In einem Monat wird das elf Mann starke Board wiedergewählt. Der gewichtigste Fehltritt Lanes dürfte die elf Milliarden US-Dollar teure Übernahme der britischen Softwareschmiede Autonomy gewesen sein. Er segnete den umstrittenen Deal einst ab. Die Investition musste inzwischen zum größten Teil abgeschrieben werden, heute ist Autonomy ein Fall für die Juristen. Hewlett-Packard beklagt sich über aufgebauschte Umsatz- und Gewinnzahlen vor der Übernahme. Die Rechnungslegung des Softwareunternehmens hätte Hewlett-Packard in die Irre geführt.

In der Schusslinie der vehementen Kritiker steht der von Lane geführte Verwaltungsrat trotzdem, das Board hätte genauer prüfen müssen, so der Vorwurf. "Die Anleger von Hewlett-Packard leiden wie so oft unter desaströsen Geschäftsabschlüssen, Mangel an Verantwortlichkeit und einer äußerst löchrigen Aufsicht", sagt William Patterson, der Direktor von CtW Investment, einem Arm des Gewerkschaftsverbands Change to Win. Pensionsfonds von Change to Win besitzen rund 7,8 Millionen Aktien des Technologieunternehmens.

CtW will die Abwahlaktion gegen die drei Verwaltungsratsmitglieder am 20. März anführen. Der enttäuschte Großaktionär gibt sich kompromisslos. Die Kampagne wird laut Patterson nur abgeblasen, wenn das Unternehmen sich verpflichtet, "die Spitze des Verwaltungsrats und seiner wichtigsten Ausschüsse auszutauschen".

Ins Visier der aufgebrachten Anleger gerieten neben Lane auch die beiden am längsten im Board sitzenden Direktoren, John Hammergren und G. Kennedy Thompson. Hammergren, der CEO des Pharmakonzerns McKesson, leitet bei Hewlett-Packard den Finanzausschuss des Verwaltungsrats. Der frühere Chef der 2008 aufgelösten Bankenkette Wachovia, Thompson, führt den mächtigen Wirtschaftsprüfungsausschuss an. Die Manager gehören dem Verwaltungsrat seit 2005 beziehungsweise 2006 an. Laut einem Sprecher von Hewlett-Packard wollen sich alle drei Board-Mitglieder zu den aktuellen Ereignissen nicht äußern.

Grund zum Unmut haben die Aktionäre allemal. In den vergangenen drei Jahren ging sich der Aktienkurs um mehr als 62 Prozent nach unten. Immerhin ist jüngst ein Silberstreifen am Horizont auszumachen: Nach besser als erwarteten Quartalsergebnissen schoss die Aktie Ende vergangener Woche um satte zwölf Prozent nach oben.

Ob die Abwahlkampagne mit Erfolg gekrönt wird, ist ungewiss. Viele Beobachter rechnen mit deren Scheitern. Immerhin hat CtW aber eines erreicht: Hewlett-Packard nimmt die Aktion äußerst ernst. Zu dem Treffen mit Board-Mitgliedern ist auch Capital Research & Management geladen, der viertgrößte Aktionär der Technologieschmiede. Capital Research gibt zu seinen Investments generell keine Auskunft.

An der Sitzung ist auf Unternehmensseite neben Lane auch der Direktor Rajiv L. Gupta beteiligt. "Mit der Diskussion wollen wir auf unsere Anleger zugehen. Solche Aktivitäten haben wir während der vergangenen zwei Jahren häufig betrieben", erklärt Gupta. Der unabhängige Direktor war früher CEO beim Chemiekonzern Rohm & Haas.

Nach Angaben von Hewlett-Packard trifft man sich häufig vor Hauptversammlungen mit den Investoren, dabei oft auf Vorstandsebene. "Wir sprechen über alle Bedenken dieser Gruppe von Investoren", sagt Hewlett-Packard-Sprecher Howard Clabo.

Wachsende Kritik an HP

Allgemein umgarnen Verwaltungsräte ihre Aktionäre heute in der Tat weitaus intensiver als früher. Damit reagieren sie auf den Druck von Anlegeraktivisten, die mitunter offen auf Konfrontationskurs gehen. Trotz allem ist es ungewöhnlich, dass gleich vier Direktoren enttäuschten Anlegern während eines Treffens Rede und Antwort stehen.

Die Kritik an Hewlett-Packard hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr aufgetürmt. Im Jahr 2006 erschütterte ein Spionageskandal das Unternehmen, vier Jahre später der Abgang von CEO Mark Hurd und die missglückte Staffelübergabe an den vielgescholtenen Kurzfristchef Leo Apotheker. Im November kam zu dieser Pannenserie noch die 8,8 Milliarden teure Abschreibung auf die mit viel Tamtam übernommene Autonomy hinzu. Der Anlegerunmut entzündet sich vor allem am heftigen Verschleiß von Unternehmenschefs und ständigen Strategiewechseln.

Künftig könnten die Board-Direktoren noch leichter aktivistischen Kampagnen der Aktionäre zum Opfer fallen. Auf der Hauptversammlung sollen die Aktionäre auch darüber abstimmen, ob bei der Wahl der Board-Mitglieder auch konkurrierende Kandidaten aufgelistet werden dürfen.

Patterson vom Gewerkschaftsfonds CtW, der das Treffen mit Lane und seinen Kollegen mitorganisierte, schätzt, dass die Teilnehmer auf Aktionärsseite rund 135 Millionen Aktien - oder fast 7 Prozent - der etwa 1,95 Milliarden ausstehenden Anteile halten. Von Investorenseite sind harsche Töne zu vernehmen, die Zeichen stehen auf Konfrontation. "Die Anleger sollten einige der länger im Board sitzenden Direktoren nehmen und Überbord werfen", sagt Lynn Turner von einem Pensionsfonds für öffentliche Angestellte aus dem Bundesstaat Colorado. "Unserer Meinung nach sollten sie sich nach neuen Board-Mitgliedern umschauen", sagt auch Anne Sheehan von einem Pensionsfonds für Lehrer aus Kalifornien. Die Managerin will das Treffen per Telefon begleiten. Der kalifornische Fonds hält rund 5,8 Millionen Aktien von Hewlett-Packard.

Trotz des Sperrfeuers von Aktionärsseite zeigt sich Hewlett-Packard nach außen hin selbstsicher. CEO Meg Whitman rechnet nicht mit bevorstehenden Wechseln im Verwaltungsrat. "Wir haben eine wirklich gute Zusammenstellung" in dem Gremium, stellt die Top-Managerin fest. Viele Mitglieder säßen seit weniger als zwei Jahren in dem Spitzengremium.

Vier Boardmitglieder gingen und fünf neue stießen Anfang 2011 dazu. Ende 2011 nahm Hewlett-Packard außerdem Ralph Whitworth in den Verwaltungsrat auf. Der Mitbegründer des Fonds von und für Anlegeraktivisten, Relational Investors, gilt als harter Verfechter von Investoreninteressen. Relational Investors kauften eine Beteiligung von knapp 1 Prozent an Hewlett-Packard.

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