• The Wall Street Journal

China investiert Devisenreserven in Großbritannien

    Von DINNY MCMAHON und LINGLING WEI

PEKING— Das verschwiegene Staatliche Chinesische Devisenamt will nicht mehr nur in risikoarme Staatsanleihen investieren. Die chinesischen Währungshüter, denen die größten Devisenreserven der Welt zur Verfügung stehen, investieren seit neuestem aktiv aber diskret in britische Immobilien und Infrastruktureinrichtungen.

Seit Mai hat die in Großbritannien angesiedelte Firma Gingko Tree Investment, die zu 100 Prozent zum Chinesischen Devisenamt gehört, über 1,6 Milliarden US-Dollar in mindestens vier Projekte investiert, darunter in ein Wasserwerk, ein Studentenwohnheim und verschiedene Bürogebäude in London und Manchester, berichten Datendienste, die Immobiliengeschäfte und ähnliche Investitionen analysieren. Außerdem habe Gingko Tree noch weitere Projekte mitfinanziert, berichten mit der Firma vertraute Personen, jedoch sind Details darüber nicht veröffentlicht worden.

Alamy

Das Staatliche Chinesische Devisenamt hat im Dezember 49 Prozent des Bürogebäudes One Angel Square in Manchester übernommen und dafür 110 Millionen Dollar bezahlt.

Das Staatliche Chinesische Devisenamt, kurz SAFE, ist für die Verwaltung eines Großteils der 3,31 Billionen Dollar an Devisenreserven des Landes verantwortlich. Anstatt wie sonst ausschließlich in konservative Papiere wie Staatsanleihen zu investieren, hat die Behörde in den vergangenen Monaten verstärkt auch zu börsengehandelten Aktien und sogar Private-Equity-Beteiligungen gegriffen. Dabei hat SAFE so unauffällig wie möglich gehandelt, nur kleine Positionen bei Blue-Chip-Werten aufgebaut und bestimmte Summen an Vermögensverwalter weitergegeben, die das Geld für die Behörde weiterinvestiert haben.

Die jüngsten Investitionen in Großbritannien von SAFE signalisieren eine neue Bereitschaft, sich direkt und in größerem Umfang finanziell an solchen Projekten zu beteiligen. Damit tut es SAFE der China Investment Corp. gleich, die ebenfalls einen Teil der chinesischen Devisenreserven verwaltet.

Bei der größten der vier bekannten Investitionen von SAFE hat Gingko Tree Barclays Capital einen Anteil von 40 Prozent an UPP Group Holdings gekauft, einem wichtigen Anbieter von Studentenwohnungen. Gingko hat dafür 550 Millionen Pfund bezahlt (aktuell etwa 629 Mio Euro), berichtet der Datendienst Dealogic.

Gingko Tree besitzt auch einen Anteil von zehn Prozent an einem Konsortium, das im Juli für 1,236 Milliarden Pfund den Wasserversorger Veolia Water Central übernommen hat. Seitdem wurde das Unternehmen in Affinity Water umbenannt.

110 Millionen Dollar für One Angel Square in Manchester

Der chinesische Investor hat außerdem im Dezember 49 Prozent des Bürogebäudes One Angel Square in Manchester übernommen und dafür 110 Millionen Dollar bezahlt. Im Mai hat er außerdem 438,2 Millionen Dollar für das 16-stöckige Londoner Bürogebäude Drapers Gardens bezahlt, berichtet Real Capital Analytics, eine New Yorker Immobilienanalysefirma.

„Diese Art von Investition ist gerade bei vielen staatlichen Investoren sehr in Mode", sagt Victoria Barbary, Direktorin des Sovereign Wealth Center beim Verlag Euromoney Institutional Investor. „Wer durch London geht, kommt fast unweigerlich an einem Gebäude vorbei, das zumindest teilweise einem ausländischen Pensions- oder Staatsfonds gehört."

Staatsfonds aus Ländern wie Norwegen, Malaysia und Katar haben in den vergangenen Jahren in Büro- und Gewerbeimmobilien in London investiert, da diese eine attraktive Alternative zu den volatilen Aktienmärkten und zu schlecht verzinsten Anleihen darstellten. Das hat den Immobilienmarkt in London gestärkt - gerade in der Zeit nach der Finanzkrise.

Im Dezember hat der staatliche Ölfonds von Aserbaidschan seine erste Immobilieninvestition in London gemacht. Der Fonds hat 177,4 Millionen Pfund in einen Bürokomplex im beliebten Londoner Viertel Mayfair investiert. Im November hat die China Investment Corp. (CIC), mit 410 Milliarden Dollar einer der größten Staatsfonds der Welt, Winchester House gekauft, wo die Deutsche Bank ihre Londoner Zentrale unterhält. Der Preis: 400,6 Millionen Dollar. Das berichtet Real Capital Analytics.

Die CIC hält außerdem Anteile am Londoner Flughafen Heathrow und am Wasserversorger Thames Water.

Auf der Suche auch in anderen europäischen Ländern

Eine mit Gingko Tree vertraute Person sagt, dass die chinesische Firma bisher zwar nur in Großbritannien investiert hat, jedoch seine Chancen auch in anderen europäischen Ländern sucht. Dabei gehe es nicht darum, eine bestimmte Summe zu investieren. Stattdessen erhalte Gingko Tree von Fall zu Fall Geld von SAFE.

Seit vergangenem Jahr schichtet SAFE verstärkt seine riesigen Devisenreserven in renditestärkere Papiere um. Angefangen hat dieser Trend, als das chinesische Devisenamt 500 Millionen Dollar in einen Private-Equity-Fonds von Blackstone investiert hat.

SAFE wolle fünf Prozent seiner Gelder in alternative Wertpapiere investieren, berichtet eine mit den Plänen vertraute Person. Staatsanleihen, Barreserven und andere liquide Mittel sollen weiterhin den Großteil der Währungsreserven ausmachen.

Das erste Private-Equity-Projekt, an dem sich SAFE beteiligte, war ein Flop. 2008 investierte die Behörde 2,5 Milliarden Dollar in einen Fonds, der von der amerikanischen Private-Equity-Firma TPG verwaltet wurde. Der Fonds investierte in die damals größte Sparkasse der USA namens Washington Mutual, die daraufhin jedoch von der US-Regierung geschlossen wurde. SAFE verlor dadurch einen großen Teil der Investitionen.

Höher der Verluste unbekannt

Wie groß die Verluste genau waren, ist nicht bekannt. Jedoch agierte der Verwalter der Devisenreserven daraufhin „extrem vorsichtig", sagt die mit der Behörde vertraute Person.

Gingko Tree entstand Ende 2009 in Großbritannien unter dem Namen Crius Investment, doch erst 2012 begann die Firma, tatsächlich Geld zu investieren.

Einer der Aufsichtsratsmitglieder von Gingko Tree ist Yin Yong, der beim Chinesischen Devisenamt auch der Generaldirektor für die Verwaltung der Devisenreserven ist.

—Mitarbeit: Cassell Bryan-Low in London

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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