• The Wall Street Journal

Die EZB ist stärker als Italien

    Von HANS BENTZIEN und THORSTEN HERTERICH

Italien steht nach einer Wahl ohne klaren Sieger vor einer Periode der Unsicherheit. Das könnte die Anleihemärkte belasten und Zweifel an der finanziellen Entspannung in Europa säen. Dass die Eurokrise zu alter Stärke aufflammt, ist jedoch unwahrscheinlich – das verhindert die Europäische Zentralbank und ihr Versprechen, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen.

Reuters

Die Parlamentswahl hat Italien keine handlungsfähige Regierung gebracht. Das Land droht ins politische Chaos zu stürzen.

Die italienischen Wähler haben Reformen à la Mario Monti eine Absage erteilt. Andererseits konnten Euro-Kritiker wie Silvio Berlusconi und Beppe Grillo keine Mehrheit gewinnen. Pier Luigi Bersani, der Anführer des Mitte-Links-Bündnisses, könnte nun mit seiner Unterhaus-Mehrheit im Rücken versuchen, zumindest temporäre Mehrheiten im Senat zu organisieren. Prinzipiell denkbar ist auch die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit, bestehend aus den Bündnissen um Bersani, Berlusconi und Monti. Und als letzter Ausweg blieben Neuwahlen.

Holger Schmieding, der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, will nicht ausschließen, dass das politische Patt die Kräfte des linken und rechten Zentrums zur Kooperation zwingen wird, wie das 2011 schon einmal geschehen sei. Das könne entweder in Form einer Koalition oder in Form zeitweiliger Bündnisse geschehen, meint er. „Unser Basisszenario ist, das Italien keine der von Monti angeschobenen Reformen ernsthaft zurück dreht", sagt Schmieding.

Commerzbank -Chefvolkswirt Jörg Krämer und seine Kollegin Ulrike Rondorf sehen sogar einen Vorteil darin, dass Italien vorerst keine handlungsfähige Regierung hat. „Die im Wahlkampf von vielen geforderten Steuersenkungen dürften zunächst nicht beschlossen werden", argumentieren sie. Weniger schön ist ihrer Ansicht nach, dass weitere Reformen nun noch unwahrscheinlicher geworden sind. „Anders als Spanien, Portugal und Irland hat Italien gemessen an den Lohnstückkosten bisher nichts von dem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit wettgemacht, den das Land vor dem Eintritt in die Währungsunion bis zum Ausbruch der Staatsschuldenkrise erlitten hatte. Wegen des fehlenden Reformdurchbruchs dürfte es dabei leider bleiben."

Abstimmung gegen das Establishment

Neuwahlen sind aus Sicht der meisten Ökonomen keine Lösung, weil sie vermutlich keine stabilen Mehrheiten bringe würden. Allerdings weisen Fabio Fois, Giuseppe Maraffino und Antonio Garcia Pascual von Barclays Capital auf die Möglichkeit hin, dass eine große Koalition das Wahlgesetz so ändert, dass Neuwahlen deutlichere Mehrheiten bringen würden. Neuwahlen nach aktuellem Recht werden nach ihrer Einschätzung kaum vor Ende Mai stattfinden können, weil zuvor das neu gewählte Parlament noch einen neuen Staatspräsidenten wählen muss.

Besonders erfreulich sind die Szenarien aus ökonomischer Sicht alle nicht, wie die Reaktionen an den Finanzmärkten zeigen. Der Dax verliert knapp 2 Prozent, der Euro-Stoxx-50 rund 2,5 Prozent. An der Börse in Mailand steht der Index sogar 4 Prozent im Minus. Besonders deutlich ist die Verunsicherung der Anleger jedoch am Anleihemarkt zu spüren. Aus Sorge vor einem Nachlassen der Sparanstrengungen verabschieden sich viele Akteure aus italienischen Anleihen, was sich in kräftig anziehenden Renditen widerspiegelt - der Zins zehnjährige Schuldtitel schnellt um 30 Basispunkte auf 4,78 Prozent nach oben.

Die Analysten von UBS bringen die Parlamentswahl auf die einfache Formel, dass die Wähler gegen das Establishment und gegen den Fiskalpakt votiert hätten. Dies stelle eine erhebliche Bedrohung für den italienischen Anleihemarkt dar, meinen sie. Wie groß diese Bedrohung tatsächlich ist, dürften schon die am Mittwoch anstehenden Auktionen vier - und zehnjähriger Staatsanleihen zeigen. „Wir nehmen wieder die 5-Prozent-Hürde in den Blick. Bei der Auktion dürfte sich der Trend nach oben beschleunigen", befürchten die Experten der Commerzbank.

Die Aussichten für italienische Schulden seien düster, sagt Newedge-Analystin Annalisa Piazza. Angesichts der politischen Unsicherheiten sei eine Abstufung der Bonität durch die Rating-Agenturen nicht auszuschließen.

Auch die Anleihen anderer Peripheriestaaten wie Spanien geraten im Fahrwasser Italiens in Mitleidenschaft. Deutliche Zinsaufschläge sind die Folge. Im Gegenzug fliehen viele Anleger in den sicheren Hafen deutscher Bundesanleihen. Dort sinkt die Zehnjahresrendite um 6 Basispunkte auf 1,49 Prozent. Auch Schuldtitel anderer Staaten mit vergleichsweise guter Bonität profitieren.

Euro ist der Hauptverlierer

Das klare Votum der Italiener gegen eine Sparpolitik a la Monti weckt aber bei den wenigsten Beobachtern die Befürchtung, dass Europa vor einem starken Wiederaufflammen der Euro-Krise steht. Und das liegt an der erklärten Bereitschaft der EZB, notfalls unbegrenzt Anleihen von Staaten zu kaufen, deren Anleihezinsen sie für zu hoch hält. „Gegen die tiefen Taschen der EZB werden Anleger nicht wetten wollen, zumal die Finanzministerien der Peripherieländer Druck auf die von ihnen beaufsichtigten Banken, Versicherungen und Pensionsfonds ausüben, eigene Staatsanleihen zu kaufen", argumentieren die Commerzbank-Ökonomen Krämer und Rondorf.

Video auf WSJ.com

The euro fell and European stocks tumbled Tuesday. But most concerning is the return of euro-zone contagion, as the borrowing costs of Italy and other debtors start to rise again, says Dow Jones's Katie Martin.

Holger Schmieding von der Berenberg Bank glaubt zwar nicht, dass Italien selbst ein Kandidat für das Anleihekaufprogramm OMT ist, doch wird die EZB nach seiner Einschätzung notfalls unschuldigen Zeugen der italienischen Vorgänge zur Hilfe eilen – zum Beispiel Spanien. „Gleichwohl glauben wir, dass die EZB, Brüssel und Berlin betonen werden, dass dieses Sicherheitsnetz auch einem Italien zur Verfügung steht, das die Kurve kriegt", meint er.

Ein Leidtragender des Wahlausgangs in Italien ist der Euro. Die Gemeinschaftswährung sank von 1,33 auf 1,31 Dollar ein. Im Handel wird mit einem baldigen Test der 1,30er-Marke gerechnet. Ein Händler in Japan hält sogar einen Rückfall bis auf 1,29 Dollar für möglich. Die Investoren suchten derzeit nach einem neuen Spekulationsobjekt, nachdem in den vergangenen Wochen der japanische Yen in Fokus gestanden habe, fügt der Teilnehmer hinzu.

Kontakt zu den Autoren: hans.bentzien@dowjones.com und thorsten.herterich@dowjones.com

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