• The Wall Street Journal

Conti und BMW wollen das Auto gemeinsam Fahren lehren

    Von NICO SCHMIDT

Der Autozulieferer Conti und der weltgrößte Premiumautobauer BMW machen bei der Entwicklung selbstfahrender Autos künftig gemeinsame Sache. Durch eine Forschungspartnerschaft wollen die beiden Konzerne die Voraussetzungen zur Serieneinführung hochautomatisierten Fahrens auf Europas Autobahnen schaffen. Im nächsten Jahrzehnt soll es dann soweit sein.

„Automatisiertes Fahren ist ein Kernelement der Mobilität der Zukunft, denn es wird die Sicherheit, den Komfort und die Effizienz im Straßenverkehr deutlich erhöhen", sagte Contis-Vorstandschef Elmar Degenhart. Wie wichtig den Hannoveranern das Thema ist, belegt die Tatsache, dass es sich Degenhart im Vorstand auf seine eigene Fahne geschrieben hat. Die Hannoveraner sehen das selbstfahrende Auto neben der Elektromobilität als einen der technologischen Megatrend der Branche.

Gemeinsam mit BMW will Conti ein technisches Gesamtkonzept erarbeiten, das eine sichere und bezahlbare Hochautomatisierung der Autobahnfahrt ermöglichen soll. Die Kooperation läuft bis Ende 2014. Innerhalb dieser knapp zwei Jahre sollen mehrere Prototypen entwickelt und ausgewählten Versuchsteilnehmern zur Verfügung gestellt werden.

Conti – in der Öffentlichkeit wider des eigenen Willens immer noch oft als Reifenhersteller wahrgenommen – sieht sich mit seinen komplexen Technologielösungen in der Lage, teilautomatisiertes Fahren bereits ab dem Jahr 2016 Realität werden lassen. Die konsequente Vernetzung von Fahrerinformations- und Antriebssystem soll es dann ermöglichen, dass der Wagen bei Geschwindigkeiten bis zu 30 Kilometern in der Stunde selbst beschleunigt, lenkt und bremst. Auch wenn der Fahrer dann noch überwachen muss, wird er sich in speziellen Situationen – beispielsweise dem allmorgendlichen Stopp-and-Go-Verkehr auf der Autobahn – vergleichsweise entspannt zurücklehnen können.

2020 will Conti dann die nächste Stufe erreichen, das hochautomatisierte Fahren. Bei Geschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometern in der Stunde soll der Fahrer dann weitgehend aus der Verantwortung genommen werden können, die an das System delegiert wird. Dann wird der (Mit-)Fahrer auch schon andere Sachen erledigen können, muss aber immer darauf vorbereitet sein, das Steuer im Zweifelsfall mit einer gewissen Vorwarnzeit übernehmen zu können.

2025 soll dann die Vollautomatisierung möglich sein. In dieser Phase muss der Fahrer das Auto nicht mehr überwachen, sondern kann beispielsweise Zeitung lesen oder gar schlafen. Einige hundert Meter vor der laut Navigationssystem zu nehmenden Ausfahrt warnt das Auto, dass der Fahrer übernehmen soll – denn das abbiegen wird es noch nicht komplett eigenständig erledigen können. Reagiert er nicht, bremst das Auto in den Stillstand herunter und vermeidet somit eine Gefahrensituation.

Das automatisierte Fahren hatte in den vergangenen Monaten durch die Pionierdienste des Internetriesen Google einen deutlichen Schub bekommen. Seit dem Jahr 2009 schreibt sich der Konzern aus Mountain View in Kalifornien das Thema öffentlichkeitswirksam auf die Fahnen. Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin setzten sich früh dafür ein, die Technologie zu perfektionieren, bei der Autos mithilfe von Lasern, Kameras und anderen Hilfsmitteln eigenständig unterwegs sind. Schon bevor das Googles Projekt im Herbst 2010 offiziell gestartet wurde, legte die Testflotte der Amerikaner klammheimlich mehr als 150.000 Kilometer auf den US-Highways zurück.

Auch beispielsweise Volvo, General Motors, Toyota und Audi kündigten in den vergangenen Monaten an, schon in den nächsten Jahren große Fortschritte beim automatisierten Fahren machen zu wollen. Wie viel Zeit allerdings vergeht, bis Szenen wie in der US-Fantasieserie Knight Rider Realität werden, in der Michael Knight (alias David Hasselhoff) in den 1980er Jahren auf unter dem Motto „Ein Mann und sein Auto kämpfen gegen das Unrecht" auf Verbrecherjagd ging und dabei Unterstützung von einem völlig autark handelnden und gar sprechenden Gefährt Namens KITT erhielt, steht noch in den Sternen. Die Anforderungen - beispielsweise im Stadtverkehr, wo Fußgänger, Radfahrer und Autos jederzeit von allen Seiten kommen können - sind einfach zu hoch, um das aus heutiger Sicht mit Sicherheit sagen zu können.

Pionier Google geht nach eigenem Bekunden davon aus, dass das – zumindest bedingt – fahrerlose Auto innerhalb der nächsten fünf Jahre für die Verbraucher verfügbar sein könnte. Wie und ob Google damit das große Geld verdienen wird, steht jedoch noch in den Sternen. Denn die wenigsten gehen davon aus, dass die Amerikaner wirklich eigene Autos produzieren wollen, die Otto-Normalverbraucher kaufen können wird. Wie vielen Unternehmen aus der Internetbranche lässt sich vermuten, dass Google vor allem auf eines abzielt: Sich ein Stück von der gewonnen Zeit des Fahrers eines autonomen Wagens sichern. Dort dürften sicher immense Geschäftspotenziale für die Amerikaner brach liegen.

Die Kunst scheint weniger in der Umsetzung technologischer Leuchtturmprojekte zu liegen als vielmehr in der Industrialisierung, also darum, die technologisch notwendigen Mittel so kostengünstig bereitstellen zu können, dass sie auch für die breite Masse finanzierbar sind. Und da kommen renommierte Autozulieferer wie Conti, Bosch und Denso ins Spiel. Conti jedenfalls sieht sich in der Lage, die für autonomes Fahren notwendigen Technologien irgendwann als erster Zulieferer industrialisieren zu können. Bereits heute arbeiten rund 1.300 Spezialisten bei Conti an den Grundlagen des automatisierten Fahrens. Alleine 2013 investiert Conti dafür mehr als 100 Millionen Euro in die Weiterentwicklung des Bereichs.

Die Vorteile des autonomen Fahrens liegen auf der Hand: Auf den Straßen ist der Mensch laut verschiedensten Studien die größte Gefahr. Übernimmt ein Computer das Führen des Fahrzeugs, wird dieser Risikofaktor faktisch zumindest ein stückweit ausgeblendet. "Automatisierte Systeme können die Verkehrssicherheit um ein Vielfaches erhöhen und damit Leben retten", sagte Conti-Chef Degenhart mit Verweis auf die Erfahrungen mit dem Autopiloten in der Luftfahrt vor einigen Wochen. Unfälle könnten so verhindert werde, Staus damit von der Regel zum Ausnahmezustand werden. Das wiederum dürfte Vielfahrern einen Zuwachs an Lebensqualität bescheren, da die Zeit - ein zunehmend kostbareres gut in schnelllebigen Zeiten - besser nutzbar wird.

Die Liste der Probleme ist aber nicht minder lang. Einerseits müssen Autofahrer mehr als je zuvor dazu bereit sein, die Kontrolle über ihren Wagen an einen Computer abzugeben. Eine der größten Hürden dürften außerdem versicherungstechnische Fragestellungen sein.

Kontakt zum Autor: nico.schmidt@dowjones.com

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