• The Wall Street Journal

Das Amazon-Modell funktioniert in Deutschland nicht

    Von LAURA STEVENS
Associated Press

In Leipzig bestreiken Angestellte am Montag das Amazon-Drehkreuz in Leipzig.

BAD HERSFELD – Der Arbeitskampf zwischen dem Onlinehändler Amazon und seinen deutschen Mitarbeitern spitzt sich weiter zu. Die Streiks stellen mittlerweile Geschäftsmodell der Amerikaner in Deutschland insgesamt in Frage.

Seit einem Monat haben Hunderte von Mitarbeitern an zwei der acht Logistikzentren in Deutschland vier Mal gestreikt. Die Angestellten im hessischen Bad Hersfeld und im sächsischen Leipzig wollen einen Tarifvertrag, der sich an der Bezahlung im Handel orientiert, und den damit verbundenen Sicherheiten wie Lohnuntergrenzen oder Urlaubsgeld. Am Montag und Dienstag haben rund 1.300 Angestellte ihren Arbeitsplatz verlassen – der längste Streik bisher, wie die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi erklärt.

Amazon weigert sich, mit der Gewerkschaft zu verhandeln. Der Einzelhändler sagt, seine Gehälter seien fair und die Streiks – die ersten in der 15-jährigen Geschichte von Amazon in Deutschland – hätten bisher wenig Einfluss auf die Geschäfte gehabt.

Doch tatsächlich steht in Deutschland einiges auf dem Spiel: Das Unternehmen, das hier rund 9.000 Menschen beschäftigt, hat im vergangenen Jahr 8,7 Milliarden von insgesamt 61 Milliarden US-Dollar zwischen der Nordsee und den Alpen verdient –Deutschland ist der größte Markt des Unternehmens nach den USA.

Der Streik lässt Zweifel daran aufkommen, dass das Geschäftsmodell von Amazon in Deutschland funktioniert: Der Online-Einzelhändler lebt davon, Dinge billig anzubieten. Doch durch die Macht der Gewerkschaften und das vergleichsweise strenge Arbeitsrecht hat das Unternehmen hier nicht die gleiche Flexibilität wie in den USA.

Dort haben gerade Einzelhändler viel Spielraum bei der Vergütung, dem Einstellen und Kündigen von Mitarbeitern. Amazon wolle seine amerikanischen Gewohnheiten „auf die deutschen Zentren übertragen, und das funktioniert nicht", sagt Christian Danz, der seit 2002 beim Unternehmen arbeitet und dort Mitglied des Betriebsrates ist.

Dass sich die Unternehmensführung mit Arbeitnehmervertretern in Ausschüssen abstimmt, ist hier Gang und Gäbe – in den USA ist es weitgehend unbekannt. Der Betriebsrat hat ein Wort bei Einstellungen und Kündigungen mitzureden, und verhandelt mit der Chefetage über eine Reihe weiterer Themen, wie Arbeitssicherheit und Privatsphäre.

Vor Amazon mussten schon einige andere US-Unternehmen die Besonderheiten von Deutschlands Arbeitsmarkt spüren: So etwa der Einzelhändler Wal-Mart . In Amerika verbietet das Unternehmen Beziehungen zwischen Chefs und Mitarbeitern und verlangt von den Angestellten, dass sie lächeln. Das gleiche wollte es auch in Deutschland durchsetzen. Doch die Mitarbeiter wehrten den Versuch ab, und Wal-Mart kam in die Schlagzeilen. Wal-Mart gab den deutschen Markt 2006 auf und verkaufte seine Geschäfte an den hiesigen Wettbewerber Metro.

Associated Press

Schon im Mai wurde Amazon bestreikt.

Trotz dieser Besonderheiten ist Deutschland ein attraktiver Ort für amerikanische Unternehmen. Mit 130 Milliarden Euro ist es eines der wichtigsten Investitionsziele der Konzerne, sagt die Amerikanische Handelskammer in Deutschland. Ford, IBM und die anderen US-Unternehmen beschäftigen hier etwa 800.000 Menschen.

„Deutschland ist ein großer Markt", sagt Fred Irwin, Ehrenvorsitzender der Handelskammer. „Wenn man es in Deutschland auf die deutsche Art macht, hat man Erfolg. Wenn man es auf die amerikanische Art macht, versagt man."

Vor Amazon hatten schon andere Internetunternehmen ihre Probleme – vor allem wegen der strengen Datenschutzgesetze. Sowohl Google als auch Facebook haben sich eine Reihe an Beschwerden von Bürgerrechtlern und Datenschutzbeauftragten eingehandelt – sie sahen die Privatsphäre der Nutzer angesichts der Datensammlungen der Tech-Konzerne bedroht.

Der Streit zwischen Amazon und seinen deutschen Mitarbeitern dreht sich darum, in welche Tarif-Kategorie die Angestellten fallen. Für Einzelhändler gehen die Löhne, die Gewerkschaften und Arbeitgeber ausgehandelt haben, typischerweise bei 12 Euro pro Stunde los. In diese Kategorie fallen auch sie, sagen die Amazon-Angestellten.

Zweites PR-Debakel in kurzer Zeit

Das Unternehmen hält dagegen, es handle sich um Logistik-Angestellte, die schon am oberen Ende der Tarife für ihre Branche lägen. Amazon zahlt Stundenlöhne ab 9,30 Euro, dazu Boni und nach zwei Jahren Aktien. Das Unternehmen sagt, in den vergangenen fünf Jahren habe das im Schnitt zu einem Aufschlag von 8 Prozent auf den Basis-Lohn geführt.

Die Mitarbeiter kündigen derweil an, sie würden weiter streiken, bis Amazon sich auf Verhandlungen einlässt. Die Gewerkschaft vertritt allerdings weniger als ein Drittel der Vertriebsmitarbeiter von Amazon, und nur zwei Zentren haben genug Mitglieder, um streiken zu können.

Amazon erklärt, es sei kein Einfluss der Streiks auf Lieferungen oder Verkaufszahlen zu beobachten. Doch der Ruf als Arbeitgeber hat drunter gelitten. „Ausbeutung" und „Lohndumping" gehören zu den Vorwürfen, die Zeitungen und Fernsehen dem Unternehmen gemacht haben.

Das ist das zweite PR-Problem der Firma in den letzten Monaten. Im Februar musste die Firma die Zusammenarbeit mit einer Sicherheitsfirma aufkündigen – deren Mitarbeiter sollen Zeitarbeiter eingeschüchtert und belästigt haben. In einer ARD-Dokumentation war zu sehen, dass einige Wachleute in Neonazi-Kreisen verbreitete Kleidung trugen. „Amazon hat null Toleranz für Diskriminierung und Einschüchterung – und wir erwarten dasselbe von allen Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten", sagte eine Sprecherin damals.

Bei den aktuellen Streiks hält Amazon daran fest, dass die Mitarbeiter angemessen entlohnt werden und mitbestimmen können. „Unsere Mitarbeiter verdienen am oberen Ende der Gehaltsskala, verglichen mit anderen Logistikfirmen", erklärte das Unternehmen in einer Stellungnahme. „In allen Logistikzentren gibt es betriebliche Mitbestimmung – entweder als Betriebsräte oder als Arbeitnehmer Ausschüsse, mit denen wir eng zusammenarbeiten, um die Interessen der Mitarbeiter zu berücksichtigen. Wir sehen daher keinen Nutzen für Kunden oder Angestellte in der Tarifbindung."

„Ich streike hier, um einen bessere Arbeitsvertrag zu erhalten, so dass wir sicherer sind und regelmäßige Gehaltserhöhungen bekommen"; sagt Günter Wydra, der seit 2001 bei Amazon arbeitet. „Denn bisher reicht es nicht:"

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