• The Wall Street Journal

Ein toter Mönch gibt den Griechen Kraft

    Von GORDON FAIRCLOUGH

SOUROTI, Griechenland—Die Legende geht wie folgt: Vor fast 30 Jahren soll ein geheimnisvoll bärtiger, orthodoxer Christ das griechische Dorf Souroti besucht haben. In der Zeit seines Aufenthaltes dort machte er eine beunruhigende Prophezeiung: Griechenland steuere auf eine Zeit der „großen Spaltung und Konfusion" zu, auf sie werde Hunger und politischer Aufruhr folgten.

Anhänger der düsteren Vision von Bruder Paisios glauben, dass sich die Vorhersagen des asketischen Mönchs auf die Krise beziehen, die das Land derzeit erschüttert. Und ihre Zahl wächst: Immer mehr Griechen interessieren sich für das Schicksal des Geistlichen, der 1994 ums Leben kam. Sie versuchen einen Sinn zu finden – für die Finanzkrise, unter deren Folgen sie seit Monaten und teilweise seit Jahren leiden.

Alkis Konstantinidis for The Wall Street Journal

Ein Buch mit dem Konterfei von Bruder Paisios in einer Buchhandlung in Athen.

Bruder Paisios hat einen Großteil seines Daseins als Einsiedler in der orthodoxen Mönchsrepublik Heilige Berg Athos auf der Halbinsel Chalkidikí verbracht. Der Rummel um seine Person hat in den vergangen Wochen dramatisch zugenommen: Geschichten über seine Prophezeiungen und über die Wunder, die er angeblich vollbracht hat, finden sich mittlerweile überall online und werden in Büchern neu erzählt.

An Samstagen stehen sich hunderte von Pilgern am Grab von Bruder Paisios die Füße platt. Sie knien nieder an einem hölzernen Kreuz, das seine letzte Ruhestätte kennzeichnet. Sie beten und küssen das Zeichen des Christentums. Sie bitten um Hilfe bei der Suche nach einem neuen Job. Sie hoffen auf Unterstützung, damit sie ihre Rechnungen bezahlen und die Krise überstehen zu können, die ihr Leben insgesamt verändert hat.

„Paisios hat viele Dinge vorausgesagt. Und einige davon werden jetzt wahr", sagte Costas Katsaounis. Der 41-jährige Militäroffizier ist einer von jenen, die der Grabstätte in diesen Tagen einen Besuch abstatten. „Er hat die Krise kommen sehen. Aber er hat auch gesagt, dass es besser wird. Dass wir es überstehen werden und dass der Wohlstand zurückkehren wird. Er hat vielen Menschen geholfen."

Parallelen zu Nostradamus

Die Berühmtheit von Bruder Paisios erinnert in vielerlei Hinsicht an die von Michel de Notredame, besser bekannt als Nostradamus. Anhänger des Wahrsagers sind überzeugt, dass der Franzose im 16. Jahrhundert alles Böse vorhergesagt hat – vom Aufstieg Hitlers bis zu den Anschlägen des 11. Septembers.

„Figuren wie Paisios repräsentieren den Schamanen, den Magier eines Stammes", sagt Alexandra Koronaiou, Soziologin an der Panteion Universität für Sozial- und Politikwissenschaften in Athen. „Sie verkörpern eine übersinnliche, unsichtbare Kraft."

Griechenlands Wirtschaft befindet sich im fünften Jahr in Folge im Abschwung – für 2013 ist keine Besserung in Sicht. Die Arbeitslosenquote liegt bei über 25 Prozent – selbst Mittelklassefamilien kämpfen damit, ihre Kinder zu ernähren. Weil viele Griechen glauben, dass Land und Gesellschaft kurz vor dem Kollaps stehen, suchen sie Trost.

[image] Gordon Fairclough/The Wall Street Journal

Eine Frau betet am Grab von Bruder Paisios in Souroti.

„Wenn etwas ein ganzes Land in die Knie zwingt, dann suchen die Menschen nach einer religiösen Erklärung", sagt Vasilios Makrides, Professor und Experte für orthodoxes Christentum an der Universität von Erfurt in Deutschland. „Sie suchen Unterstützung im Übersinnlichen."

Und diese Suche äußert sich in einer gestiegenen Nachfrage nach allem, was mit Paisios zu tun hat. Das schrumpelige und bärtige Gesicht des Alten, das unter einer schwarzen Kapuze hervorschaut, ziert Banner und Karten, auf denen inspirierende Nachrichten stehen. In den Buchhandlungen finden sich dutzende Bücher, die sich um Paisios drehen. Es gibt Werke über seine spirituellen Lehren und Titel mit seinen Aussagen zur drohenden Apokalypse und zur Rückeroberung Konstantinopels – einst Sitz der byzantinischen Kaiser und heute als Istanbul Tor zur Türkei.

„Sie verkaufen sich wie verrückt", sagt Ionnis Aivaliotis, der bei Zoe arbeitet, einer Buchhandlung für religiöse Werke in der Innenstadt von Athen. „Selbst Nichtgläubige fangen an, die Bücher zu lesen. Sie geben den Menschen Hoffnung, um das zu überstehen, was noch vor uns liegt." Und so gibt es mittlerweile einen Diätratgeber von Paisios – schließlich war der Geistliche sehr dünn – und ein Kinderbuch mit dem Titel „Es war einmal vor langer Zeit, liebe Kinder, da lebte der alte Paisios".

350.000 verkaufte Bücher

In den vergangenen zwei Jahren hat die konservative Tageszeitung Dimokratia allein 350.000 Bücher verkauft, die mit Paisios zu tun habe: Werke über seine Vorhersagen und Bücher über seine Ansichten zu Lehre und Erziehung. Andere Zeitungen haben Titel über die Wunder im Angebot, die Paisios vollbracht haben soll.

Der späte Bruder Paisios - 1924 als Arsenios Eznepedis in Zentralanatolien geboren – hat sich in eine lange Tradition klösterlicher Spiritualität gestellt, die ihren Anhängern die Fähigkeit verleiht, in die Zukunft zu blicken, Zeichen zu deuten und Dinge zu sehen, die andere nicht sehen können.

Paisos war in religiösen Kreisen schon vor seinem Tod 1994 bekannt. Gläubige suchten seinen Rat und pilgerten zum Heiligen Berg Athos, um sich spirituell führen zu lassen. Nicht wenige glauben, dass Paisios eines Tages heiliggesprochen wird.

Das übersteigerte Interesse der Griechen an dem Mönch hat inzwischen auch Kritiker auf den Plan gerufen, die griechisch-orthodoxe Kirche fühlte sich bemüßigt zu warnen. „Natürlich suchen die Menschen jemanden, an den sie sich wenden können", sagt Pfarrer Vasilios Havatzas, der die diakonischen Aktivitäten der Kirche in Athen leitet. „Aber sie reagieren übertrieben. Sie machen einen Propheten aus ihm. Das heißt noch lange nicht, dass alles, was er gesagt hat, auch richtig ist."

Unsichtbare Mehrheit der Griechen steht hinter Paisios

Doch es scheint, als habe Paisios 18 Jahre nach seinem Tod eine unsichtbare Mehrheit der Griechen hinter sich geschart. So nahm die griechische Polizei zum Beispiel vor ein paar Wochen den 27-jährigen Phillipos Loizos fest. Er soll eine Facebook-Seite ins Leben gerufen haben, die sich über den Glauben vieler Griechen an die Weissagungen und Wunder des Mönches lustig machte. Loizos wurde wegen Blasphemie und Beleidigung von Religion angeklagt – später wurde der erste Vorwurf allerdings fallen gelassen.

Bei der Polizei gingen tausende Beschwerden wegen der Website ein – die im sozialen Netzwerk den Titel Bruder Pastitsios trug – ein Wortspiel mit dem Namen des Mönchs. Pastitsio ist ein traditionell zubereitetes Nudelgericht, das an Lasagne erinnert. Der Ärger ging soweit, dass ein ultranationalistischer Abgeordneter die Webseite verdammte.

Loizos verteidigte sich, er habe sich mit der Satire über die Kommerzialisierung des Mönches und seiner Botschaften lustig machen wollen.

Viele Vorhersagen des Mönchs wirken derzeit glaubwürdig: „Die Menschen werden von den Politikern der beiden großen Parteien so enttäuscht sein, dass es sie krank macht", ist eine dieser Botschaften. Die Zahl der Wähler der beiden führenden Parteien in Griechenland hat rapide abgenommen. Beide werden für die Krise mitverantwortlich gemacht.

In einigen seiner Botschaften äußert Paisios düstere Verschwörungstheorien. So glaubte er, die Welt würde im Geheimen von einem Kreis aus fünf Personen regiert. Der Mönch sieht auch zahlreiche Erfolge der Griechen voraus – unter anderem soll die Türkei zurückgeschlagen werden und Konstantinopel zurückerobert werden. Auch werde Griechenland Teile Albaniens bekommen.

„Heilige Menschen wie Paisios werden nur einmal in tausend Jahren geboren", sagte Nikolaos Zournatzoglou, der drei Bücher über die Vorhersagen des Mönchs geschrieben hat. „Er war ein Geschenk Gottes und der Jungfrau Maria."

Souroti liegt 32 Kilometer von Thessaloniki entfernt

An einem der vergangenen Samstage landeten wieder einmal ganze Busladungen mit Pilgern in Souroti, einem Dörfchen, das etwa 32 Kilometer von Thessaloniki entfernt. Alte und junge Menschen zogen zum Grab von Paisios, um zu beten und Fotos zu machen. Manche pflückten ein Blatt Basilikum von jenem Strauch, der in der Nähe des Kreuzes wächst, wo Paisios begraben liegt. Später besuchten sie dann ein Geschäft in der Kirche des Ortes, um Postkarten, Plaketten mit dem Konterfei des Mönches und Bücher von und über ihn zu kaufen. Doch auch Kreuze, Symbole und andere religiöse Gegenstände sind gefragt.

„Es herrscht große Unsicherheit. Wir wissen nicht, was passieren wird", sagte Anastasia Constantinou. Die Kellnerin berichtet, wie es ihrer Familie ergeht. Man müsse sich bei Lebensmitteln wie Fleisch zurückhalten, weniger Auto fahren und andere alltägliche Dinge einschränken, weil das Einkommen mit Ausbreitung der Wirtschaftskrise immer mehr gesunken sei.

„Die Menschen finden Trost im Glauben", sagte die Frau. „Auch wenn das Leben momentan nicht einfach ist – Paisios gibt uns Kraft. Er hilft sehr."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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