• The Wall Street Journal

Schlangengift verbindet die Erzfeinde USA und Iran

    Von MICHAEL M. PHILLIPS und FARNAZ FASSIHI

CAMP LEATHERNECK – Die Beziehungen zwischen dem Iran und den USA gelten als vergiftet. Es gibt jedoch eine Ausnahme: ein Gegenmittel für Schlangenbisse. In Afghanistan ist das US-Militär auf die Erkenntnisse der iranischen Staatsforschung angewiesen, wenn es darum geht, Bisse von Mittelasiatischen Kobras, Halysottern und anderen Giftschlangen zu behandeln, die in den umkämpften Gebieten leben.

Trotz des vor allem von den USA durchgesetzten Embargos gegen den Iran kauft das Verteidigungsministerium über einen Zwischenhändler das Mittel im Iran ein. Seit Januar 2011 insgesamt 115 Ampullen, Stückpreis 310 US-Dollar. Laut den offiziellen medizinischen Leitlinien des Zentralkommandos ist das Medikament des iranischen Impfstoff-Instituts Razi die „erste Wahl" bei der Behandlung, weil es gegen die Gifte der meisten afghanischen Schlangen hilft. Das berichtet ein Offizier, der das Dokument gelesen hat.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA stuft das Serum als experimentelles Medikament ein. Militärärzte müssen bei jedem Einsatz einen Bericht verfassen. Von der FDA zugelassene Gegengifte wirken jedoch bei den Bissen afghanischer Schlangen nicht, weil diese das Gift von in den USA vorkommenden Schlangen enthalten.

[image] Reuters

Ein US-Soldat läuft an einer toten Schlange in Afghanistans Provinz Kunar vorbei.

Die Iraner erklären, dass sie ihr Gegengift prinzipiell an jeden verkaufen. „Wir stellen es her, um Leben zu retten. Da ist es egal, ob die Person Iraner, Afghane oder Amerikaner ist", sagt Hadi Zareh, Forschungsleiter in der Gegengift-Abteilung von Razi. „Wir freuen uns, wenn es Leben rettet, selbst wenn es ein amerikanischer Soldat ist."

Aufgrund der Fragen des Wall Street Journal haben die Anwälte des Pentagon eine Untersuchung eingeleitet, ob der Kauf des Gegengifts gegen Sanktionen verstößt und eine Sondergenehmigung des Finanzministeriums benötigt. „Wir arbeiten mit dem Verteidigungsministerium zusammen, um zu klären, ob die Geschäfte mit den Sanktionen in Einklang stehen", sagte ein Sprecher des Finanzministeriums.

Forschungsleiter Zareh sagt, durch die Handelsschranken der USA sei es für sein Institut schwieriger geworden, das Medikament zu produzieren, das vom US-Militär gekauft wird. Man habe Probleme, an chemische Produkte für die Labors zu kommen. „Wegen den Sanktionen sind auch die Preise gestiegen."

13 Arten von Giftschlangen

In Afghanistan gibt es 13 Arten von Giftschlangen, die zum Großteil auch im Iran vorkommen. Zum einen ist da die Mittelasiatische Kobra, die aggressiv wird, wenn sie ihr Nest bedroht sieht. „Sie beißt sich fest und kaut wild" heißt es auf Postern, die in US-Basen in Afghanistan aushängen. Die Halysotter hat röhrenartige Giftzähne, die sich in den Kiefer einklappen lassen. Wenn ihre Bisse nicht behandelt werden, verursachen sie Schmerzen, Blutungen und „Gewebeauflösung um die Wunde herum", warnt die Armee. Die Levanteotter ist „unberechenbar und schlägt blitzschnell und brutal zu", sagt die Armee. Sandrasselottern sind „extrem reizbar": Auch wenn sie in der Regel vor Konfrontationen zurückscheuten, gebe es Fälle, in denen sie „Opfer aggressiv verfolgt" hätten.

„Wenn ich einen Pateinten habe, der nicht weiß, von was für einer Schlange er gebissen wurde, dann gebe ich ihm das Mittel von Razi", sagt Oberstleutnant Aatif Sheikh, der Chefapotheker auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Bagram bei Kabul.

Auf den Postern in den Basen wird unter anderem geraten, sich „Schlangen-smart" zu verhalten: Bettwäsche und Kleidung sollte vor der Benutzung ausgeschüttelt werden. Auf den Plakaten sind Arme, Füße und Hände zu sehen, an denen das Fleisch durch Schlangenbisse abgetötet wurde. Laut Ärzten müssen schwere Bisse innerhalb einer Stunde behandelt werden, sonst droht ein Zerfall des Gewebes. Weitere Symptome können unter anderem Blutungen, Sehstörungen und Lähmungen sein. Im Einzelfall kann es zum Tod durch Atemversagen kommen.

Das Institut Razi wurde 1924 gegründet und entwickelte unter Führung des iranischen Landwirtschaftsministeriums zunächst Impfstoffe für Nutzvieh. Mehr als 30 Jahre später begann man mit der Produktion von Gegengiften für Verletzungen durch Schlangen und Skorpione. Razi ist in der Fachwelt anerkannt, pflegt Verbindungen zur Weltgesundheitsorganisation und stellt etwa 95.000 Ampullen Schlangen- und Skorpionserum im Jahr her. Gerade arbeitet man an einem Mittel gegen Spinnengift.

Früher hielt das Institut eigene Schlangen auf dem Gelände. Jetzt werden sie wieder in die Freiheit entlassen, nachdem ihnen das Gift entnommen wurde. Labortechniker spritzen dann eine kleine Dosis Gift in eines der 200 Pferde des Instituts. Die Tiere produzieren daraufhin in ihrem Blut Antikörper, die anschließend von den Institutsmitarbeitern verarbeitet werden.

Auch das britische Militär nutzt in seinem Stützpunkt Camp Bastion neben indischen und französischen Mitteln die Medikamente von Razi. „Das iranische Gegengift ist das beste, und unsere Jungs verdienen das Beste", sagt der Chefarzt, Oberst Rob Russell. Von den 9.500 Soldaten in Afghanistan würden aber jedes Jahr nur einige wenige von Schlangen und Skorpionen gebissen. Das US-Militär hat nach eigenen Angaben seit Januar vergangenen Jahres 21 Dosen des Gegengifts von Razi verabreicht, allesamt an afghanische Kinder. Alle überlebten.

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