• The Wall Street Journal

USA bespitzeln den Iran noch mehr als bisher

    Von JAY SOLOMON und JULIAN E. BARNES

WASHINGTON – Die USA hat ihre Spionageaktivitäten im Iran kräftig hochgefahren. Dabei stand in den vergangenen zwei Monaten laut Regierungsvertretern vor allem der Atomreaktor von Buschehr im Fokus der Amerikaner. Teheran hatte im Oktober unerwartet Brennstäbe aus dem Reaktor entnommen und in ein Abklingbecken verlagert. Als Reaktion auf die erhöhten Aktivitäten in Buschehr verstärkte die US-Regierung die Beobachtung des Reaktors. Sie machten sich momentan größere Sorgen um die Sicherheit des Reaktors als über die Möglichkeit, dass Teheran die Anlage zur Produktion von waffenfähigem Plutonium nutzen könnte, sagen Atomenergie-Experten.

Die intensivierte Beobachtung des Leichtwasserreaktors im Südwesten des Irans, genauer an der Küste des Persischen Golfs, wurde zum Teil mit der Drohnenflotte des Pentagon durchgeführt, die bereits in der Region des Persischen Golf stationiert ist. Nach Angaben der Regierungsvertreter habe man Gespräche und Bilder abfangen können, die von der Anlage in Buschehr abgingen.

Agence France-Presse/Getty Images

Der Reaktor von Buschehr im Jahr 2010. Die USA macht sich Sorgen um die Sicherheit der iranischen Atomanlage.

Teheran legte am 19. November bei UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon formalen Protest gegen die Spionageaktivitäten des Pentagon ein. Dies geht aus einer Kopie des Schreibens hervor, in die das Wall Street Journal Einblick hatte. In der Beschwerde wird die USA beschuldigt, mit den Drohnenflügen mehrfach den iranischen Luftraum verletzt zu haben. Vertreter der Staaten erwidern hingegen, dass die Untersuchungen der internationalen Gesetzgebung entsprechend fern der Küstenlinie des Iran durchgeführt werden.

Zuvor hatte Teheran bereits versucht, eine Drohne der Amerikaner abzufeuern. Am 1. November schossen die Iraner auf einen unbemannten Flugkörper, verfehlten ihn jedoch. Begründet wurde der Einsatz der Kampfjets mit der Sichtung einer US-Drohne über Buschehr. Die in Frage kommende Drohne habe sich zur fraglichen Zeit jedoch nicht über dem Atomreaktor befunden, auch wenn sie tatsächlich Daten gesammelt habe, widersprechen amerikanische Regierungsvertreter.

Welche Daten konkret gesammelt wurden, darüber wollten die Insider keine Auskunft geben. Doch Drohnen werden normalerweise eingesetzt, um Handygespräche, elektronische Kommunikation und Signale abfangen zu können.

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Die abgefangenen Daten könnten Hinweise darauf liefern, was die Nuklearwissenschaftler des Landes im Detail gemacht haben, während sie die Brennstäbe im Oktober vom Reaktor in das Abklingbecken verlagerten. Die USA schätzen den Leichtwasserreaktor mit 1.000 Megawatt Leistung von Buschehr normalerweise als geringere Rüstungs- und Sicherheitsbedrohung ein. Eine größere Bedrohung geht von der wachsenden Anzahl iranischer Fabriken aus, die Uran anreichern können. Rusatom, Russlands staatliche Atomkonzern, konzipierte und baute Buschehr unter der Bedingung, dass alle verbrauchten Brennstäbe nach Russland zurückgebracht und dort gelagert werden.

Die Anlage in Buschehr war im Oktober laut US-Regierungsvertretern gerade einmal zwei Monate voll funktionsfähig. Das bestätigte auch Rusatom. Normalerweise ist ein Austausch der Brennelemente erst nach zwölf bis 18 Monaten Betrieb notwendig.

Deshalb reagierte die in Wien ansässige Internationale Atomenergiebehörde IAEA so überrascht, als die iranische Regierung der von der UNO bestellten Aufsichtsbehörde am 15. Oktober mitteilte, dass es alle Brennstäbe von Buschher aus dem Reaktor nehmen und in das Abklingbecken der Atomanlage verfrachten wolle. Das sagten in Wien ansässige Diplomaten, die mit dem Schriftverkehr vertraut sind. Unabhängige Nuklearwissenschaftler schätzen, dass diese Brennelemente zwischen 22 und 220 Pfund waffenfähiges Plutonium enthalten könnten. Dies würde für die Produktion von 24 Atombomben ausreichen, würde es weiter aufbereitet.

Der Austausch von Brennelementen in Reaktoren sei Routine, sagen diese Experten. Doch die kurze Zeitspanne gibt Anlass zur Sorge. Iranische Regierungsvertreter begründeten den Austausch mit einer Art Probelauf – örtliche Nuklearingenieure wollten den Austausch als Teil der in ein paar Monaten geplanten Übergabe des operativen Geschäfts von Rusatom an Teheran überwachen. Der Austausch sei Teil einer „normalen technischen Prozedur" gewesen, die mit der Übernahme der Kontrolle von Buschehr durch iranische Ingenieure zusammenhänge, sagte auch Ali Asghar Soltanieh, Botschafter des Irans bei der IAEA, im November in Wien. Ein Sprecher von Rusatom bestätigte, der Austausch sei zum Zweck einer Sicherheitsüberprüfung geplant gewesen. Er dementierte einen Bericht der Nachrichtenagentur Reuters, die Aktion sei aufgrund von Sicherheitsbedenken vorgenommen worden, nachdem unter den Brennstäben im Reaktor angeblich herumliegende Bolzen gefunden worden seien.

Die IAEA berichtete im November in ihrem Quartalsbericht über die Aktivitäten in Buschehr, gab jedoch keine Begründung für den Austausch der Brennelemente an. Laut Bericht hatte Teheran die Brennstäbe vom 22. bis zum 29. Oktober in das Abklingbecken verlagert. Dieses Datum stimmt grob mit dem Zeitraum überein, in dem die amerikanische Luftwaffe laut Iran ihre Aktivitäten in der Nähe von Buschehr erhöht hatte. Inspektoren der IAEA bestätigten bei einer Kontrolle der Anlage am 6. und 7. November, dass die Stäbe im Becken lagern. Laut iranischen Medien haben die Nuklearingenieure der Anlage die Brennelemente inzwischen wieder von dem Abklingbecken zurück in den Reaktor verfrachtet.

US-Regierung schreckt auf

Die Geschehnisse haben die Obama-Regierung aufgeschreckt. Normalerweise konzentriert man sich auf die beiden Uran-Anreicherungsanlagen in Natans und Qom. Vertreter der Regierung und unabhängige Nuklearexperten zweifeln daran, dass der Iran versucht haben soll, Plutonium aus den Brennstäben zu gewinnen.

Die IAEA glaubt ebenfalls nicht, dass der Iran zurzeit über eine Wiederaufbereitungsanlage zur Trennung des in den Brennelementen enthaltenen Plutoniums verfüge. Um ein Abzweigen von radioaktivem Material für Waffenzwecke zu verhindern, stattet die Behörde der Anlage in Buschehr nicht nur regelmäßige Besuche ab, die IAEA hat darüberhinaus auch Kameras und Siegel installiert und angebracht.

Die Sorgen gelten zuvorderst einem anderen Aspekt – der Betriebssicherheit von Buschehr. Zudem gehen Experten gehen davon aus, sollte es iranischen Nuklearingenieuren gelingen, die technischen Abläufe zu beherrschen, so könnten sie im Krisenfall oder bei einer militärischen Konfrontation mit dem Westen durchaus versuchen, Plutonium in Buschehr zu gewinnen. „Die Bedrohung einer Waffenzulieferung aus Buschehr scheint nicht unmittelbar bevorzustehen. Doch es stellt sich die Frage, was passieren könnte, wenn es zu einem Konflikt kommt", sagt David Albright, Leiter des Instituts für Wissenschaft und Internationale Sicherheit mit Sitz in Washington.

Die Ausweitung der Beobachtung des Programms seitens der Amerikaner macht deutlich, wie begrenzt das Wissen über die militärischen und wissenschaftlichen Pläne des Iran immer noch ist. Die US-Regierung will diesen Zustand angesichts des sich wieder verschärfenden internationalen Konflikts um das iranische Atomprogramm dringend ändern – auch das zeigen die US-amerikanischen Anstrengungen.

Verhandlungen sollen neu aufgenommen werden

Die neuesten Sorgen über Buschehr verstärken sich just zu dem Zeitpunkt, zu dem die Wiederaufnahme der Gespräche von USA und Europäischer Union mit dem Iran geplant waren. Diesen Monat wollten die Länder über die Drosselung der iranischen Nuklearpläne verhandeln. In der vergangenen Woche setzte die US-Regierung dem Iran ein Ultimatum bis März: Teheran soll bis dahin ernsthaft mit der IAEA zusammenarbeiten, um die Befürchtungen über ein geheimes Nuklearwaffen-Entwicklungsprojekt zu entrkäften. Oder der Iran werde eine Rüge des UNO-Sicherheitsrates riskieren. Die UNO hatte über die vergangenen Jahre viermal wirtschaftliche Sanktionen gegen den Iran verhängt. US-Regierungsvertreter sagten, sie würden auch eine fünfte Runde unterstützen.

„Dem Iran kann nicht gestattet werden, seine Verpflichtungen auf unbestimmte Zeit zu ignorieren….der Iran muss nun in der Sache agieren", sagte Robert Wood, zweiter US-Diplomat bei der IAEA.

Die internationale Gemeinschaft müsse auf einen militärischen Angriff auf die Atomanlagen des Iran im nächsten Sommer vorbereitet sein, sagte Israels Premier Benjamin Netanjahu. Ein Militärschlag würde verhindern, dass Teheran die Fähigkeit zum Nuklearwaffenbau erlange. Es wird erwartet, dass der Iran bis dahin genügend Mittel angereichertes Uran angehäuft haben könnte, um es schnell in waffenfähiges Atommaterial zu verwandeln.

Der Iran bestreitet, den Bau von Nuklearwaffen anzustreben. Doch Teherans IAEA-Botschafter Soltanieh sagte, dass sein Land erwägt, aus dem Atomwaffensperrvertrag auszutreten, sollte der Westen den Iran angreifen.

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