• The Wall Street Journal

Kündigungswelle bedroht Frankfurts Ruf als Bankenmetropole

    Von LAURA STEVENS

Eine Welle von Entlassungen und Stellenstreichungen bei den internationalen Investmentbanken rollt auf Frankfurt zu. Das ist ein weiterer Rückschlag für die deutsche Bankenmetropole, die den Abstand gegenüber London als europäische Finanzhauptstadt eigentlich verkürzen wollte.

Bei der jüngsten Runde des Stellenabbaus haben die meisten großen internationalen Banken – darunter Credit Suisse, UBS und Citigroup – auch Frankfurt nicht ausgespart, wie Insider berichten, die mit den Details vertraut sind. Der Grund: Auch hier sind die Einnahmen zuletzt weggebrochen.

Rund 15 Prozent aller Stellen im Investmentbanking in Frankfurt sind nach den Schätzungen von Branchenanalysten dem Rotstift zum Opfer gefallen, überwiegend in den Bereichen Fusionen und Übernahmen sowie Aktienmärkten.

dapd

Dunkle Wolken über Frankfurt - der Traum vom Investmentbanker-Himmel muss wohl fürs Erste an den Nagel gehängt werden.

Schweizer Banken und US-Institute machten nach Angaben der Insider die tiefsten Schnitte. Die UBS reduzierte jüngst die Zahl ihrer bislang etwa 150 Investmentbanker um 10 bis 15 Prozent, sagen Personen, die mit den Plänen vertraut sind. Die Kürzung komme zusätzlich zu dem Abbau von etwa 10 Prozent der etwa tausendköpfigen Belegschaft der Schweizer in der Mainmetropole, die in diesem Jahr geplant sei.

Der Stellenabbau in Frankfurt ist Teil eines großangelegten Abbaus, der auch an der Wall Street, in London und in anderen Finanzzentren rund um den Globus zu beobachten ist. Die meisten Banken haben schon in den vergangenen Jahren Tausende Stellen bei diversen Sparrunden gekürzt, weil die Konjunktur in den USA nicht recht in Gang kommen will und auch Europa seine Schuldenkrise nicht bewältigt bekommt.

Das Schlüsselgeschäft mit Wertpapieren, von der Zeichnung neuer Aktien über die Beratung bei Fusionen und anderen Finanzgeschäften, läuft deutlich schleppender als vor der Finanzkrise.

Etliche Jahre schien es, als würde die deutsche Bankenmetropole Frankfurt gegenüber den anderen Finanzzentren der Welt aufholen. Die Entscheidung, die Europäische Zentralbank in Frankfurt anzusiedeln, zog Massen von Volkswirten in die Stadt, die damit zum Zentrum der ökonomischen Debatte auf dem europäischen Kontinent wurde. Zugleich expandierte Frankfurts Börse und zog im vergangenen Jahr beinahe an der New York Stock Exchange vorbei.

Doch der Finanzcrash von 2008 und die nachfolgende Euro-Schuldenkrise veranlassten Banken dazu, sich wieder auf die großen Finanzzentren zu konzentrieren, darunter New York, London und Hongkong. Frankfurts Hoffnungen, möglicherweise zum wesentlichen Zentrum des Investmentbankings in der Eurozone zu werden, bekamen damit einen Dämpfer.

Die Einnahmen im Investmentbanking in Deutschland, nach Großbritannien der zweitgrößte Markt in Europa, sind nach Daten von Dealogic in den ersten neun Monaten um rund 20 Prozent auf etwa 1,74 Milliarden US-Dollar zurückgegangen. Verglichen mit den Höchstständen von 2007 haben sich die Einnahmen sogar halbiert. In Großbritannien sieht es nicht ganz so düster aus. Hier weisen die Daten einen Rückgang von 12 Prozent auf 2,4 Milliarden Dollar aus.

London bleibt die Nummer Eins

„Generell lässt sich sagen, dass der Stellenabbau im vergangenen Jahr einem Paradigmenwechsel in der Bankenindustrie geschuldet war", sagte Christian Baum, Vizechef beim Headhunting-Unternehmen Options Group. „In diesem Jahr spiegelt der Stellenabbau mehr die Entwicklung der europäischen Wirtschaft wider."

Ungeachtet dessen sagen einige Experten, dass der Arbeitsmarkt in Frankfurt stabiler sei als in manch anderen Städten, schon deshalb, weil die deutsche Wirtschaft vergleichsweise stark sei und weil es in der Stadt ein breites Jobangebot gebe – von Anwälten bis hin zu Wirtschaftsprüfern.

Die ortsansässigen Unternehmen leiden nicht, und die Mieten in Frankfurt erweisen sich als stabiler als in vielen anderen Teilen Deutschlands. Die Hoffnung, dass das Rhein-Main-Gebiet das Image eines vergleichsweise ruhigen regionalen Wirtschaftszentrums abschütteln und zu London aufschließen könnte, ist allerdings geschwunden.

„Frankfurt versucht seit zehn Jahren, stärker als London zu werden, doch eine Chance das zu schaffen, hatte die Stadt nie", urteilt Andreas Weik, einer der Partner bei der auf Banken spezialisierten Personalberatung Heads! GmbH & Co. KG.

Banken mit Sitz in London hätten einen strategischen Vorteil, sagt Weik, da der Finanzsektor in Großbritannien eine bedeutende Branche ist – im Gegensatz zu Deutschland, wo die Wirtschaft immer noch stark auf die Schwerindustrie konzentriert ist. "In Großbritannien haben Sie die Unterstützung auf der Finanzseite, deshalb wird Frankfurt in Europa niemals eine Rolle wie London spielen."

Banken werden gemaßregelt

Die jüngsten Kostensenkungen fallen in eine Zeit, in der sich die Bankenbranche in Deutschland neuen, schärferen Regulierungsvorschriften gegenübersieht, die das Geschäft teurer und damit unattraktiver machen. So gehört Deutschland zu den Wortführern, die die Euro-Staaten zur Einführung einer Finanztransaktionssteuer drängen. Frühe Entwürfe sahen eine Steuer von 0,1 Prozent auf Aktien- und Anleihetransaktionen vor.

Sprecher der Banken wollten sich zu den geplanten Stellenstreichungen nicht äußern. Banker sehen sie als Teil eines größeren Wandels hin zum Vorkrisenmodell. Darin gibt es Manager für Kundenbeziehungen, die die Sprache der Kunden vor Ort sprechen und die ihre Spezialisten aus London einfliegen lassen, wenn es darum geht, die Details eines Deals festzuzurren. Außerdem sollen weniger Banker an den einzelnen Geschäften beteiligt sein.

Ein solcher Trend ist auch in anderen Finanzmetropolen wie Paris oder Zürich zu beobachten. Aber Frankfurt ist das größte Finanzzentrum der Eurozone und Teil von Europas größter Volkswirtschaft. Zudem sind hier die Erlöse bis vor kurzem nicht so stark gefallen.

Frankfurt sei "eindeutig das wichtigste" unter den Finanzzentren, die von dem neuen Trend erfasst würden, sagt Christopher Wheeler, Bankanalyst bein Mediobanca in London. Und eines, das gerade einmal anderthalb Stunden von London entfernt sei.

Der Rückzug internationaler Banken aus Deutschland bringt die heimischen Institute wie die Deutschen Bank in eine günstige strategische Position, sagt Wheeler. Als Teil ihrer Strategie unter der neuen Doppelspitze Anshu Jain und Jürgen Fitschen kappt die Deutsche Bank ihr Investmentbanking weiter, der Fokus wird künftig noch stärker auf Deutschland ausgerichtet sein. "Die Veränderungen des Marktumfelds spielt natürlich in die Hände der lokalen Marktführer", sagt Wheeler.

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