• The Wall Street Journal

Bankenregulierung muss weh tun

    Von FRANCESCO GUERRERA

Radikalkuren für die Großbanken stehen momentan auf der Liste der Finanzaufseher weltweit ganz oben. Nachdem sie in der Finanzkrise kleinere Rivalen geschluckt haben, haben die Regulierer in den USA und Europa eine ganze Reihe von Abspeckmaßnahmen in Planung.

In den USA sind das vor allem die Dodd-Frank-Gesetze mit der so genannten Volcker-Regel, nach der Kreditinstitute nicht mit ihrem eigenen Geld handeln dürfen. Daniel Tarullo, ein einflussreicher Fed-Direktor, fordert zudem, die Größe der Banken zu beschränken.

In Großbritannien hat eine mächtige Kommission vorgeschlagen, die Investmentaktivitäten der Banken vom Einlagengeschäft „abzuzäunen". Auch in der Europäischen Union wird ein ähnlicher Plan einer Expertengruppe diskutiert. Sogar die Schweiz hat ihre Neutralität aufgegeben. Die Finanzaufseher haben den Banken so hohe Kapitalvorgaben gestellt, dass die UBS mehrere riskante Geschäftsbereiche schließen musste.

Associated Press

In der Finanzkrise haben auf dem Bankensektir die großen Fische viele kleine Institute geschluckt. Das stellten Schweizer Gewerkschafter am vergangenen Freitag in Zürich nach.

Das optimale Geschäftsmodell für eine Bank, oder überhaupt für ein Privatunternehmen, durch Befehle der Regulierer zu bestimmen, erscheint keine besonders gute Idee zu sein. Dass das so uneinheitlich geschieht wie momentan, macht die Sache noch schlimmer. So wird Unsicherheit in den Führungsetagen der Institute gesät und das Vertrauen der Anleger untergraben. Die dürftigen Marktbewertungen der Banken sind eine logische Konsequenz.

Aus der Sicht der Regulierer ist die Hyperaktivität verständlich. Der Präsident der Fed von New York, William Dudley, beschrieb die Lage nach der Finanzkrise so: „Als sich der Rauch verzogen hatte, wurde klar, dass die Situation unhaltbar war", sagte er im November vor Bankern. „Die Erfahrungen in der Krise haben die Banken dazu verleitet, größer und komplexer zu werden und sich stärker zu verknüpfen."

Oder, wie mir ein anderer leitender Regulierer sagte: „Wir haben den Banken geholfen, in der Krise größer zu werden. Aber wir wissen nicht, wie wir sie retten sollen, wenn sie scheitern." Das hört sich erschreckend an? Das ist es auch.

Wettrüsten endet mit Patt

Ein Grund für diese Unzulänglichkeiten ist, dass die Komplexität den Regulierern und Banken über den Kopf wächst. Weil der Aufbau der Finanzinstitute immer komplizierter wurde, sind es auch die Aufsichtsbehörden geworden. Der bahnbrechende Glass-Steagall-Act von 1933, der Banken zur Abspaltung ihres Aktienhandels vom Kundengeschäft zwang, umfasste 37 Seiten. Die Dodd-Frank-Gesetze sind mehr als 20-mal so lang. Dazu dürften noch 30.000 Seiten mit dazugehörigen Vorschriften kommen.

Das Wettrüsten zwischen den Banken und ihren Hütern hat dasselbe Ergebnis wie der Kalte Krieg: ein Patt. Die Regulierer versuchen, mit den obskuren Strukturen der Kreditinstitute Schritt zu halten. Die Geldhäuser beklagen dagegen die Fesseln, die ihnen durch ausufernde Vorschriften angelegt werden.

Wenn es das Ziel sein soll, Banken kleiner und weniger gefährdet zu machen, dann wäre eine Lösung, dass die Regulierer sich zurückziehen und sich auf Regeln beschränken, die allgemeinverständlich sind, so wie es Glass-Steagall war. Andrew Haldane, ein führender Kopf der Bank of England, hat sich für eine solche Vereinfachung stark gemacht.

Aber solch eine pauschale Regulierung kann nur unter zwei Bedingungen funktionieren: Erstens müssten die Banken sich viel schneller von unprofitablen Geschäftsbereichen trennen als bisher. Und zweitens müssten sich die Aufseher weniger auf ihre Regelwerke verlassen und sich individueller mit den Instituten befassen. Vorschriften, die ständig nachjustiert werden müssen, um mit der Branche Schritt zu halten, müssten durch allgemeinere Regeln ersetzt werden, während die Aufseher ihre Ohren dicht an der Branche halten.

Aufseher haben sich mit den falschen Dingen beschäftigt

Bisher sind die Ergebnisse der aktuellen Strategie eher mau. Mit Ausnahme der UBS haben nur wenige Institute strukturelle Veränderungen, die ihre Leistung und den Aktienkurs verbessern, durchgeführt. Der Grund dafür? Sie glauben daran, dass wenn sie ein paar harte Jahre überstehen, sie von einem von den Regulierern abgesegneten System profitieren können, in dem die Macht in einigen Instituten konzentriert ist.

Kevin Warsh, der während der Krise zu den Fed-Direktoren gehörte, hat es am besten ausgedrückt: „Wir können kein wettbewerbsfähiges, dynamisches Bankensystem haben, das wirtschaftliches Wachstum fördert, wenn die Politik die Oligopole im Finanzsektor schützt", sagte Warsh im April in einer Rede.

Die Aufseher haben sich ihrerseits mit den falschen Dingen beschäftigt: Regeln aufsetzen und Listen abhaken, anstatt sich auf die Zukunft vorzubereiten. So sitzen sie in Washington und diskutieren über Details der Volcker-Regel. Stattdessen sollten sie an der Wall Street unterwegs sein und die Banken dazu zwingen, etwas gegen ihre niedrigen Bewertungen zu tun.

Ich habe Erkki Liikanen, den Chef der finnischen Notenbank und Leiter der EU-Expertengruppe, gefragt, wie er die Gespräche zwischen den Banken und Aufsehern über die Reformen empfand. „Nicht unangenehm" war seine Antwort. Dabei wäre ein gewisses Unbehagen ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn es zu einem sichereren Bankensystem mit weniger Zockerei und mehr Gewinnen kommen soll, müssen die Gespräche zwischen Kreditinstituten, Aufsehern und Anlegern noch deutlich unangenehmer werden.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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