• The Wall Street Journal

Dunkle Wolken über Siemens-Gipfelstürmer Löscher

    Von URSULA QUASS und HANS-JOACHIM KOCH

Siemens -Chef Peter Löscher kennt eigentlich nur eine Richtung: nach oben. Egal ob es ihn in der Freizeit in die Berge oder im beruflichen Wettstreit mit der Konkurrenz an die Spitze zieht: Halbe Sachen macht der 1,94-Meter-Mann nicht. Bisweilen aber vollmundige Versprechen, die er nicht halten kann.

dapd

Der Siemens-Chef Peter Löscher

Eigentlich sollten die neuen ICE-3-Züge vor mehr als einer Woche zugelassen werden. So hatte es Peter Löscher der Bahn persönlich versprochen. Sein Wort halten konnte er nicht: Immer neue Pannen verhindern die Auslieferung der Züge weiter. Nun drohen Siemens neuerliche Entschädigungszahlungen. Und unzufriedene Passagiere, denn sie müssen sich auf überfüllte Züge im Winterverkehr einstellen. Wann das Schlamassel behoben sein wird? Hier übt sich der oberste Siemens-Verkäufer in Zurückhaltung: Ein Datum nennt er diesmal lieber nicht.

Das zeigt, dass die Witterung für den Gipfelstürmer ungemütlicher wird. Folgerichtig sucht er nach neuen Wegen. Sein Konzern wird zur Dauerbaustelle: An allen Ecken wird das Portfolio neu geordnet, munter zu- und verkauft. Solar- und Wasseraufbereitungssparte, das Geschäft mit Post- und Gepäcksortieranlagen will er loswerden, für Zukäufe im Industriesoftware- und Bahnautomatisierungsgeschäft legen die Münchener Milliarden auf den Tisch. Stärkung des Kerngeschäfts, Abstoßen von weniger rentablen Bereichen, lautet Löschers Credo seit dem Sommer.

Das trifft auch Osram. Hier macht Löscher Ernst und beendet – endlich - das jahrelange Hin und Her um die Zukunft der Lichttochter. Sie wird an die Siemens-Aktionäre abgespalten und für den späteren Börsengang durch die Hintertür noch hübsch gemacht: Weitere 4.700 Stellen werden weltweit gestrichen, die Kosten bis 2015 um eine Milliarde Euro gesenkt. Davon profitieren wird Siemens nur am Rande: Beim Mutterhaus verbleiben nur knapp ein Fünftel der Anteile. Immerhin, es bleibt die Hoffnung, dass die Abspaltung Wert für die Aktionäre schafft und Löschers Entscheidung langfristig mit einem goldenen Kranz veredelt.

Das Ranking zum CEO des Monats

Doch Löscher muss sich auch mit Befürchtungen über die Folgen seiner zuletzt hektischen Portfolio-Politik auseinander setzen. Der Konzern wolle die Renditen kurzfristig nach oben treiben und verliere dabei Geschäftsfelder mit längerfristigem Potenzial aus dem Blick - Sorgen, die gerade aus dem Arbeitnehmerlager kommen. „Man muss auch einmal langen Atem beweisen", monierte Siemens-Aufsichtsrat Jürgen Kerner von der IG Metall unlängst. „Margendenken überlagert alles", stimmt Gesamtbetriebsrats-Chef Lothar Adler in den Chor der Kritiker ein, „über Innovationen wird kaum noch geredet."

Jetzt gilt es also für Peter Löscher – er geht ins Risiko und muss liefern. Die Vorschusslorbeeren sind verbraucht, seine Erfolge in den ersten Jahren seiner fünfjährigen Amtszeit Vergangenheit, als er als erster Konzernfremder den Spitzenjob am Wittelsbacher Platz antrat.

Kurzfristiges Gewinndenken allein reicht nicht mehr: Löscher hatte den Konzern bei seinem Amtsantritt zwar schon einmal auf Marge getrimmt, in der Schmiergeldaffäre aufgeräumt und im Zuge eines Sparprogramms fast 17.000 Stellen gestrichen. Damit tastete sich der DAX-Riese an die Gewinnmarge des ewigen US-Rivalen General Electric heran. Doch dieser Höhenflug dauerte nur kurz. Die Münchener fielen in den gewohnten Trott zurück, die Amerikaner zogen erneut davon.

Auch vom selbstgesteckten Anspruch, mittelfristig 100 Milliarden Euro Umsatz zu machen, ist Löscher noch weit entfernt. Mit zuletzt 78,3 Milliarden Euro sind die Einnahmen unter seine Ägide „nur" um gut 10 Prozent gewachsen. Ginge es in dem Tempo weiter, müsste Löschers Kontrakt noch zweimal verlängert werden, damit die Zielmarke unter seiner Führung erreicht wird.

Doch Umsatz ist nicht alles. Mit dem neuen Fünfjahres-Vertrag im Rücken dreht Löscher wieder an der Kostenschraube. Insgesamt 6 Milliarden will Siemens bis Ende 2014 einsparen. Die Hälfte davon soll ein effizienterer Einkauf beitragen. Damit rückt eine Personalentscheidung ins Blickfeld, die 2008 richtungsweisend sein sollte: Barbara Kux war von Löscher prestigefördernd als erste Frau in den Konzernvorstand geholt worden. Doch war dies offenbar eine Sackgasse. Der Vertrag der für Einkauf und Nachhaltigkeit verantwortlichen Managerin wird nicht über November 2013 hinaus verlängert. Damit rückt auch ein weiteres von Löschers Mittelfristzielen, den Konzern weniger weiß, deutsch und männlich zu machen, in die Ferne.

Ebenso weit entfernt scheint ein Gipfelsturm der Siemens-Aktie. Während SAP beispielsweise seit Oktober 2007 fast 60 Prozent gut gemacht hat, dümpelt Siemens - übrigens ebenso wie der DAX – rund 5 Prozent unter dem damaligen Niveau.

In einem anderen Punkt geht es für Löscher bergab: bei seiner Vergütung. Er streicht in diesem Jahr 870.000 Euro weniger ein als noch vor einem Jahr. Da die Geschäfte 2011/12 schlechter liefen, sank auch die erfolgsabhängige variable Vergütung. Trotz des Rückgangs zählt er mit einem Gehalt von 7,9 Millionen Euro nach wie vor zu den bestbezahlten Chefs der DAX-Konzerne.

Wie sehr Peter Löscher und der Siemens-Konzern unter Beobachtung stehen, zeigt die monatliche Auswertung der Medienpräsenz: Selten hat ein CEO hier einen so deutlichen Vorsprung gehabt wie der Siemens-Chef im November. Daher ist Löscher für uns der „CEO des Monats".

Im CEO-Gesamtranking des Wall Street Journal Deutschland hat sich im November an der Spitze nichts Entscheidendes getan. Die Rangliste setzt sich aus den Monatsergebnissen der CEO-Wahl zusammen, sie bildet Ende des Jahres die Grundlage für die Wahl zum CEO des Jahres. Unangefochten an der Spitze liegt in der Gesamtwertung weiter der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn, gefolgt von Lufthansa-Chef Christoph Franz. Der hat den zuvor punktgleichen Dieter Zetsche von Daimler hinter sich gelassen. Im Mittelfeld hat Commerzbanker Martin Blessing einen kräftigen Satz nach vorne gemacht – von Platz 11 auf Rang 7.

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