• The Wall Street Journal

In Armenien ist Schach der Sport der Könige

    Von JOE PARKINSON
Justin Vela

In armenischen Grundschulen ist Schachunterricht Pflichtfach.

ERIWAN – Vor dem Haus von Tigran Petrosian lauern Paparazzi. Sein Autogramm ist bei Fans begehrt. Sein Gesicht prangt von den Titelseiten der Zeitschriften und von Postern in Kinderzimmern. Der 28-Jährige ist aber weder Fußballspieler nach Filmstar, sonder Schachgroßmeister. In Armenien macht ihn das zum König.

„Schach hat hier eine Stellung wie Fußball in Brasilien oder Football in Amerika", sagt Petrosian bei einem Kaffee in der Schach-Akademie in der Hauptstadt Eriwan. Gleich soll es hier in Konzert zu Ehren der besten Schachspieler des Landes geben.

Petrosian, der von seinem Vater nach einem ehemaligen Weltmeister benannt wurde, ist einer der Spieler, die das kleine, verarmte Land zu einer Schach-Großmacht gemacht haben. Im September gehörte er zu dem fünfköpfigen Team, das bei der weltweiten Schacholympiade Gold für Armenien geholt hat.

Wer gut im Schach ist, genießt in Armenien zahlreiche Privilegien. Spitzenspieler sagen, dass man sie nicht für Benzin oder Parktickets zahlen lässt. Auch in Restaurants bekommen sie nur selten einer Rechnung. „Einige Mädchen kichern, wenn sie uns auf der Straße sehen. Manchmal bekomme ich auch Geschenke", sagt der 30-jährige Levon Aronian, bester Spieler Armeniens und die Nummer zwei der Welt. „Die meisten von uns sind ganz normale Nerds. Es ist schon schwer, damit klarzukommen. Für Fotoshootings ziehe ich mich anders an, ansonsten habe ich mich aber nicht verändert."

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Tigran Petrosian

Armeniens Liebe zum Schach stammt aus einer Zeit, als der Sport noch im Rampenlicht der Weltbühne stand. Mitten im Kalten Krieg fieberten auf der ganzen Welt die Zuschauer mit, als der Amerikaner Bobby Fischer im Jahr 1972 Boris Spassky besiegte und damit die Dominanz der Sowjetunion durchbrach. Schach ist in den ehemaligen Sowjetländern immer noch beliebt. Moskau hatte den Sport gefördert, da er die intellektuelle Überlegenheit gegenüber dem Westen demonstrieren sollte.

Während Schachspieler in vielen Ländern auf sich gestellt sind, fördert der armenische Staat sie aktiv. Der Präsident des Landes, Sersch Sargsjan, ist gleichzeitig Vorsitzender des nationalen Schachverbands. Im September 2011 beschloss seine Regierung per Gesetz, dass Schach an den Schulen verpflichtend unterrichtet wird. Vielversprechende Talente werden kostenlos an Schachakademien trainiert. Kinder, die bei Wettkämpfen im Ausland antreten, erhalten finanzielle Unterstützung, Großmeister ein Gehalt. Sargsjan rief im vergangenen Jahr ein „goldenes Zeitalter" für den armenischen Schachsport aus. „Er verleiht unserer Gesellschaft den Glauben an die eigene Stärke", sagte er.

Die Armenische Liebesaffäre mit Schach ist weniger als ein halbes Jahrhundert alt. Das Schachfieber brach genau am 20. Mai 1963 aus. Der 33-jährige Tigran Petrosian, nach dem der heutige Großmeister benannt ist, stieß damals den amtierenden Weltmeister Michail Botwinnik aus Russland in einem nervenaufreibenden Match über 24 Partien vom Thron.

Schachfieber wird Kindern eingeimpft

Dieser Sieg machte den „Eisernen Tigran", wie er wegen seiner undurchdringlichen Defensive genannt wurde, zum Nationalhelden. Tausende Familien nannten ihm zu Ehren ihre Söhne Tigran. „In den USA weiß jeder, wo er war, als Präsident Kennedy getötet wurde. In Armenien kann sich jeder erinnern, wo er war, als Petrosian Weltmeister wurde", sagt Aram Hajian, Vorstandsmitglied der armenischen Schach-Akademie.

Die bittere Heimkehr der Armenier

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Der Bürgerkrieg in Syrien hat zu Flüchtlingskrisen an den Grenzen zur Türkei, Jordanien und dem Libanon geführt. Doch auch das kleine Armenien, hunderte Kilometer entfernt, bekommt die Folgen immer mehr zu spüren. Mehr.

Heutzutage wird den Kindern das Schachfieber frühzeitig eingeimpft. In der Patriarch-Vasgen-Grundschule in einem nördlichen Vorort von Eriwan drängen sich künftige Großmeister in den engen Schachraum. Ein Schrein zeigt die ernst dreinblickenden Gesichter ehemaliger Champions. An den Wänden sind an großen Magnettafeln die berühmtesten Offensiv- und Defensivstellungen zu sehen.

Alle Bretter, Figuren und Lehrbücher werden von der Regierung gestellt. Die Kinder bekommen theoretische und praktische Lektionen, alle zwei Monate gibt es einen schriftlichen Test. Lehrerin Marina Kamalyan spielt selbst bis spät in die Nacht Schach im Internet und erwartet von ihren Schülern totale Hingabe. „Schach ist eine wahre Leidenschaft und ein Sinnbild des Lebens. Ich will diese Leidenschaft an die Kinder weitergeben", sagt Kamalyan, währen sie die weißen Figuren an der Wand in Verteidigungsposition bringt.

Die meisten der Kinder spielen schon seit vielen Jahren und wollen es bis in die Weltspitze schaffen. „Ich will Weltmeister werden. Großmeister ist nicht gut genug", sagt der 9-jährige Yervan Davtyan, nachdem er einen Reporter in weniger als 15 Minuten Matt gesetzt hat. „Ich habe meiner Mutter einiges beigebracht, aber ich zeige ihr nicht alle Geheimnisse, weil ich die Beste sein will", fügt die 8-jährige Julia Hakobyan hinzu.

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