• The Wall Street Journal

Goldpreis stürzt ab

    Von THOMAS ROSSMANN und TATYANA SHUMSKY
[image] Deutsche Börse AG

Der Goldpreis kennt weiter nur den Weg nach unten. Am Mittwoch fiel er auf den tiefsten Stand seit 34 Monaten.

Der Goldpreis macht das, was die Analysten seit einiger Zeit von ihm erwarten: Er fällt. In den vergangenen Tagen hatten mit Goldman Sachs, Credit Suisse, Standard Bank, Morgan Stanley, HSBC und BNP Paribas gleich sechs Banken erneut ihre Prognosen für das Edelmetall gesenkt. Mit einem neuen Jahrestief bei 1.221,83 Dollar je Feinunze – zugleich der niedrigste Stand seit August 2010 – hat der Goldpreis am Mittwoch ein weiteres Ausrufezeichen gesetzt.

Am Vortag hatte er im Tageshoch noch bei knapp 1.290 Dollar je Feinunze notiert. Und das neue Jahrestief muss noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Ein Fall unter die Marke von 1.200 Dollar sei jederzeit möglich, sagt ein Händler. Damit würde sich das Minus von 27 Prozent seit Jahresbeginn noch deutlich ausweiten.

Für etwas Erholung beim Goldpreis sorgten zwischenzeitlich die deutlich nach unten revidierten US-BIP-Daten für das erste Quartal. Weil Konsumausgaben und Investitionen nicht so stark waren wie zunächst berichtet, revidierte das US-Handelsministerium die Wachstumszahl deutlich nach unten. Die Leistung der US-Wirtschaft stieg nach den Daten der dritten Veröffentlichung auf das Jahr hochgerechnet nur um 1,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Bei der zweiten Veröffentlichung war ein Plus von 2,4 Prozent genannt worden.

Der Preis für die Feinunze legte nach Bekanntgabe der Daten am Nachmittag um gut 15 auf 1.247 Dollar zu. Die Fed könnte ihre ultralockere Geldpolitik auf Grundlage der revidierten BIP-Daten erst einmal beibehalten, begründeten Marktteilnehmer den Zwischenspurt beim Edelmetall. Jedoch verpuffte die leichte Erholung beim Gold schnell wieder. Zum Settlement büßte der Goldpreis 3,6 Prozent auf 1.230 Dollar ein, setzte aber danach seine Talfahrt fort und kostet aktuell 1.226 Dollar.

Die Argumente, die den Goldpreis belasten, sind die alten geblieben, allen voran das drohende Ende der geldpolitischen Stimulierungsmaßnahmen durch die US-Notenbank. Die Banker um Ben Bernanke haben die Lage der US-Konjunktur auf ihrer jüngsten Sitzung etwas optimistischer eingeschätzt als noch im Frühjahr. Und wenn sich die Konjunktur in den USA weiter erholt, könnte es bereits in diesem Jahr zu einer Drosselung der monatlichen Wertpapierkäufe im Volumen von 85 Milliarden Dollar kommen. Mitte 2014 könnten diese dann ganz auslaufen, und im Jahr darauf auch die Leitzinsen womöglich wieder angehoben werden.

Für den Goldpreis ist dieses Szenario Gift, da einerseits überschüssige Liquidität aus dem Markt genommen würde, was die Nachfrage nach dem Edelmetall wie auch nach anderen Vermögenswerten drücken dürfte. Andererseits gehen mit steigenden Zinsen die Inflationsängste zurück. Damit würde auch die Formel "Gold = Inflationsschutz" an Bedeutung verlieren. Hinzu kommt noch, dass ein Ende der Stimulierungsmaßnahmen den Dollar stützen würde, was eine Investition in Gold für Investoren aus anderen Währungsräumen immer unattraktiver macht und in der Regel den Preis drückt.

Doch auch die Entwicklung in Indien, einem der größten Absatzmärkte für Gold, lastet auf der Stimmung. Dass Indien bewusst versucht, Goldkäufe zu bremsen, indem es die Importzölle seit Jahresbeginn gleich zweimal erhöht hat und zudem Juweliere zu einer Vorauszahlung zwingt, macht die Argumente für Gold nicht unbedingt stärker. Die indischen Behörden sorgen sich um das wachsende Leistungsbilanzdefizit des Landes und die schwächelnde Landeswährung.

Die 20 größten Goldreserven der Welt

Zudem fängt der Wachstumsmotor in China, ebenfalls ein großer Goldnachfrager, leicht an zu stottern, eine Entwicklung die sich mit der dort drohenden Kreditklemme noch verschärfen könnte. Wie wenig der Markt dabei von den jüngsten Aussagen der chinesischen Notenbank zu den Liquiditätsrisiken im Interbankenmarkt beruhigt wird, zeigt sich an den weiter fallenden Kursen an der Börse in Schanghai.

„Die Anleger sind unsicher über einen möglichen Zeitpunkt, beim Gold wieder einzusteigen", sagt Händler Brian Lan von Gold Silver Central. „Die US-Notenbank hat zwar eine Senkung der monatlichen Anleihekäufe angekündigt, aber Zeitpunkt und Umfang weiter offen gelassen", so der Teilnehmer weiter. Als der Goldpreis in der vergangenen Woche unter die Marke von 1.300 Dollar gefallen sei, habe es „ein oder zwei Tage" verstärkte Käufe gegeben, doch dieses Interesse habe schnell wieder nachgelassen.

Auch die anhaltenden Verkäufe von börsengehandelten Indexfonds (ETF) machen für den Goldpreis eine Erholung nicht leicht. Deren Gesamtbestände sind im laufenden Jahr von 80 Millionen Unzen auf 68 Millionen Unzen gefallen. So hat SPDR Gold Shares, der weltweit größte Gold-ETF, sein Volumen auf den niedrigsten Stand seit März 2010 zurückgefahren. Diese Tendenz kann durch die physische Nachfrage kaum ausgeglichen werden.

Die See durch die sich das ‚Gold-Schiff' bewegt, bleibt also rau. Die HSBC sieht den Goldpreis für dieses Jahr in einer Spanne zwischen 1.125 und 1.375 Dollar je Feinunze. Und sollte sich der Wind nicht zu Gunsten des Goldpreises drehen, dann hat er demnach noch ein Abwärtspotenzial von rund 10 Prozent. Aber das Edelmetall muss ja nicht immer das machen was die Analysten sagen.

Kontakt zum Autor: thomas.rossmann@dowjones.com

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