• The Wall Street Journal

In Spanien wird Erben zum Problem

    Von MATT MOFFETT

MADRID—Juana Vacas, eine 74-jährige Witwe aus Südspanien, hatte eigentlich gedacht, dass es nicht schlimmer kommen könne, nachdem ihre Tochter vor zwei Jahren brutal von deren Ex-Mann ermordet worden war. Aber Frau Vacas hatte nicht damit gerechnet, was sie und ihre Familie jetzt eine „vergiftete Erbschaft" nennen.

Als sie die Papiere unterschrieb, mit denen sie das Erbe für die bescheidenen Hinterlassenschaften ihrer Tochter antrat, wusste sie nicht, dass sie damit nach spanischem Recht auch einen Teil ihrer Schulden übernahm. Jetzt rufen ständig die Gläubiger an und Frau Vacas steht vor dem Verlust ihrer Wohnung, um die nötigen Summen aufzubringen. Dabei stammen die Schulden überwiegend von dem Mann, der ihre Tochter ermordet hat.

Vacas Family

Juana Vacas hat die Schulden ihrer ermordeten Tochter geerbt, die deren Ex-Mann angehäuft hatte.

Zu einer Zeit, in der eine Welle von Zwangsräumungen und häuslicher Gewalt durch Spanien zieht, wird die Geschichte von Frau Vacas zu einem nationalen Aufreger. Mehr als 165.000 Menschen haben eine Onlinepetition unterschrieben, in der sie den zuständigen Richter, der den Fall am Mittwoch im andalusischen Jaén anhören wird, auffordern, ihr rund 60.000 Euro Schulden zu erlassen.

Auch wenn die Umstände im Fall von Frau Vacas besonders extrem sind, sind die darin zutage tretenden juristischen Probleme im Zusammenhang mit Erbschaften ein großes Thema für viele Spanier, die unter untragbaren Schuldenlasten leiden. Nach dem Platzen der Immobilienblase 2008 wurden bereits mehr als 400.000 Besitzer aus ihren Wohnungen geworfen, weil ihnen die Kreditschulden über den Kopf gewachsen waren.

Erbschaften werden immer häufiger abgelehnt

Jetzt verweigern immer mehr Spanier Erbschaften, um nicht auch noch mit den Schulden ihrer Verwandten belastet zu werden, sagt Joan Carlos Ollé, Vizepräsidentin der Notarkammer. Die Zahl der Menschen, die ein Erbe nicht angetreten haben, hat sich laut ihrer Statistik in den vergangenen fünf Jahren auf 23.228 im Jahr 2012 mehr als verdoppelt.

Das Erbschafts-Problem vor dem Hintergrund der anhaltenden Krise in Spanien und den harten Schuldner-Gesetzen zeigt, wie tückisch finanzielle Entscheidungen vor allem für Menschen sind, die sich in Gelddingen einfach nicht so gut auskennen.

„Viele Menschen fragen, wie sie heutzutage mit Erbschaften umgehen sollen", sagt Rechtsanwalt Jose García Berzosa, der sich auf Immobilienrecht spezialisiert hat. "Und einige, die nicht gefragt haben, wünschen sich wohl, sie hätten es besser getan."

Die Tortur von Frau Vacas begann im März 2011, als ihre Tochter, Purificación, zu Tode geprügelt und gewürgt wurde. Purificacións Ex-Mann, Fermín Jiménez, wurde des Mordes für schuldig befunden und im April zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt.

Einige Monate nach dem Mord unterschrieb Frau Vacas, noch immer verzweifelt, beim Notar die Erbschaftspapiere, mit denen sie die Immobilie der Tochter erbte, sagte eine andere Tochter, Encarnación, die derzeit die Chef-Sprecherin der Familie ist. Dabei besaß Purificación nur 18 Euro auf dem Bankkonto und ein Sechstel an der Wohnung, die der verstorbene Mann von Frau Vacas gekauft hatte und in der die Witwe noch wohnt.

Geerbte Schulden des Mörders ihrer Tochter

Kurz danach meldeten sich Justizbeamte bei ihr, um ihr mitzuteilen, dass Gläubiger die Rückzahlung von Schulden einforderten. Zuerst war Frau Vacas etwas verwirrt, aber dann fand sie den Grund heraus: Purificacións Ex-Mann Jiménez hatte Schulden von weit über 100.000 Euro angehäuft – durch Immobilienkäufe und unbezahlte Rechnungen etwa für Lexika und Haushaltsgeräte. Und weil Purificación und ihr Mann in Gütergemeinschaft lebten, selbst nach ihrer Trennung, hängt jetzt die Hälfte dieser Schulden an Frau Vacas.

„Es ist eine Folter, die nicht endet", sagt Vacas.

Der im Gefängnis sitzende Jiménez konnte nicht für einen Kommentar erreicht werden.

Die Töchter und Freunde von Frau Vacas starteten eine Online-Kampagne, um die Schulden loszuwerden. Sie argumentieren, dass der Notar Frau Vacas nicht ordnungsgemäß aufgeklärt habe, als sie die Erbschaftspapiere unterzeichnete.

Die Notarkammer von Andalusien drückte Frau Vacas zwar ihr Mitgefühl aus, lehnte jedoch jede Verantwortung ab. In einer Erklärung teilte sie mit, dass es „nach der aktuellen Rechtslage die Aufgabe der potenziellen Erben ist, die Vermögenswerte und Schulden der Verstorbenen zu überprüfen und den Notar darüber zu informieren".

Nachdem der Fall die Aufmerksamkeit der Medien erregt hat, habe sich aber zumindest eine Bank bereiterklärt, ihren Teil der Schulden zu annullieren, sagt die Familie. Am Mittwoch wird sich ein Richter der Petition von Frau Vacas widmen, auch die restlichen Schulden von rund 60.000 Euro aufzuheben.

„Ein Dokument zu unterschreiben, wenn man verzweifelt ist und keine richtige Beratung hat, sollte niemals dazu führen, dass man sein Heim verliert", sagt Claudia Olivares, die einer Interessenvertretung für Spanier mit Hypothekenproblemen vorsteht.

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