• The Wall Street Journal

Kevin Rudd stürzt Australiens Regierungschefin Gillard

    Von ENDA CURRAN
Associated Press

Kevin Rudd steht erneut an der Spitze der australischen Regierung

SYDNEY--In Australien hat sich der ehemalige Premierminister Kevin Rudd erneut an die Macht geputscht und ist am Donnerstag als neuer Regierungschef des Landes offiziell vereidigt worden. Am Vortag hatte die bisherige Ministerpräsidentin Julia Gillard, die Rudd vor drei Jahren selbst über eine Intrige aus dem Amt gejagt hatte, ein parteiinternes Misstrauensvotum verloren und war zurückgetreten.

Neben Gillard, die sich aus dem politischen Leben zurückziehen wird, traten eine Reihe hochrangiger Kabinettsmitglieder zurück, darunter auch der Vize-Premier und Schatzkanzler Wayne Swan.

Rudd hofft nun, dass er der völlig zerstrittenen sozialdemokratischen Labor-Partei in Australien bessere Siegeschancen bei der Parlamentswahl am 14. September einflößen kann. Umfragen sagen der Minderheitsregierung jedoch eine Niederlage voraus.

Anleger reagierten positiv auf den Führungswechsel. Der australische Leitindex S&P/ASX 200 stieg vorübergehend um 1,5 Prozent auf ein Fünftageshoch bei 4.805 Punkten.

Tags zuvor hatte sich Rudd in einer Vertrauensabstimmung um den Vorsitz der Labor-Partei gegen Amtsinhaberin Julia Gillard durchgesetzt, gegen die er in einer ähnlichen Misstrauenswahl im Jahr 2010 mitten in seiner ersten Amtszeit selbst verloren hatte.

Rudds deutlicher Sieg in der Fraktion der Labor-Partei markiert den vorläufigen Höhepunkt eines erbitterten Machtkampfes, der seit 2010 zwischen den beiden Politikern tobt. Gillard, deren Führungsrolle immer umstrittener war, hatte die Abstimmung um den Parteivorsitz unter wachsendem Druck gegen ihre Person einberufen.

Getty Images

Gestürzt: Australiens frühere Regierungschefin Gillard.

Der Urnengang im September dürfte laut Umfragen für die Regierung ein Desaster werden. Rudd hatte vorab erklärt, die Partei steuere ohne Führungswechsel auf eine „katastrophale Niederlage" zu. Besonders in der Wirtschaft sei ein Wechsel vonnöten, da der Bergbauboom im Land sich seinem Scheitelpunkt nähere: „Die Nation benötigt eine starke, bewährte Wirtschaftsführung, um den neuen Herausforderungen zu begegnen, vor denen Australien nach dem jahrzehntelangen chinesischen Rohstoffboom und seinen Auswirkungen auf die australischen Arbeitsplätze und Lebensstandards steht."

Unter Rudd hatten die australischen Sozialdemokraten im November 2007 einen erdrutschartigen Wahlsieg eingefahren und die zuvor elf Jahre regierenden Konservativen aus der Regierung gedrängt. Als Rudds Stellvertreterin genoss Gillard große Beliebtheit, doch als sie an die Spitze rückte, nahm der Zuspruch schnell ab - wozu auch ihr kompromissloses Vorgehen beitrug, mit dem sie ihren Vorgänger politisch ausbootete.

Als sich Gillard dann vorgezogenen Neuwahlen stellte, hätte sie um ein Haar die gerade erst gewonnene Macht verspielt: Nur dank der Unterstützung unabhängiger Abgeordneter blieb sie mit hauchdünner Mehrheit Premierministerin. Anderthalb Jahre später scheiterte Rudd seinerseits mit dem Versuch, Gillard zu stürzen.

—Mit Material von AFP

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