• The Wall Street Journal

Die Märkte bereiten sich auf das Ende der Geldschwemme vor

    Von E. S. BROWNING
Associated Press

US-Notenbankchef Ben Bernanke bei der Pressekonferenz am 19. Juni, auf der er ein Ende der Anleihekäufe ankündigte.

Der US-Aktienmarkt hatte den besten Start in ein Jahr seit 1999 hinter sich. Doch am vergangenen Freitag – der Halbjahresmarke 2013 – war klar, dass die Investoren ihre Partyhüte schon wieder weggeworfen haben. Sie bereiten sich darauf vor, dass die US-Notenbank jene Maßnahmen beendet, die den Aktienboom dieses Jahres befeuert haben.

Der Aktienindex Dow Jones stieg im ersten Halbjahr 2013 zwar um 14 Prozent, doch diese Zugewinne geschahen in den ersten fünf Monaten. Im Juni fiel der Dow Jones um 1,4 Prozent, davon allein 0,76 Prozent oder 114,89 Punkte am vergangenen Freitag. Die Entwicklung des deutschen Aktienindex Dax war noch extremer: Am 22. Mai erreichte er ein Allzeithoch von 8.557 Punkten, fiel seitdem jedoch um 6,9 Prozent auf 7.959 Punkte.

Derzeit läuft eine intensive Debatte über die Auswirkungen einer erwarteten Änderung der US-Notenbankpolitik auf die Finanzmärkte. In der vergangenen Woche bemühten sich Vertreter der US-Notenbank, die Märkte zu beruhigen: Man werde die stützenden Maßnahmen langsam beenden und nur dann, wenn die US-Wirtschaft stark genug erscheine.

Associated Press

Börsenhändler in New York Ende Mai: Da war die Welt noch in Ordnung.

Doch einige Investoren sagen, dass sie sich auf weitere Tumulte in den kommenden Monaten vorbereiten. Die Märkte stehen vor einer neuen, unsicheren Welt.

„Wir glauben dass es ein holpriger Sommer, ein volatiler Sommer wird", sagt Rebecca Patterson, Chief Investment Officer des Bessemer Trust, der in New York 60 Milliarden US-Dollar verwaltet. Sie sei trotzdem optimistisch, dass US-Aktien letztlich Kursgewinne verbuchen würden.

Im Juni bestätigte US-Notenbankchef Ben Bernanke, dass die Zentralbank in diesem Jahr beginnen werde, Stützungskäufe zurückzufahren. Doch er sagte auch, dass alle Änderungen von anhaltender wirtschaftlicher Stärke abhängen würden. Es seien ohnehin nur schrittweise Reduktionen der monatlichen Anleihekäufe geplant. Eine Zinserhöhung werde es laut Bernanke nur dann geben, wenn die Arbeitslosenquote auf 6,5 Prozent gefallen ist.

Anleihepreise wurden härter getroffen

Seit der Ankündigung ging es in den Aktienmärkten hoch und runter. Anleihepreise wurden noch härter getroffen und Zinsen schossen in die Höhe. Die meisten Vertreter der US-Notenbank sagen, die Märkte hätten nach Bernankes Rede überreagiert. Doch einer erklärt, dass die Volatilität der Märkte eine normale Reaktion auf die Ankündigung des Endes der lockeren Geldpolitik sei.

Investoren sind abhängig geworden von den Bargeldspritzen der Fed, die ein nie zuvor gesehenes Ausmaß angenommen haben. Momentan kauft die Notenbank jeden Monat Anleihen im Wert von 85 Milliarden Dollar. Es gibt für dieses komplexe Stützungsprogramm keinen historischen Präzedenzfall. Daher ist es schwierig vorherzusagen, welche Auswirkungen seine Abwicklung haben wird. Das schafft Unsicherheit.

Jim Dunnigan, Chief Investment Officer bei PNC Wealth Management, vergleicht den Fed-Rückzug mit einer Szene aus dem Film Indiana Jones: Der Held versucht, einen Diamanten aus den Steinen eines alten Grabgebäudes zu ziehen, ohne dass alles um ihn herum einstürzt.

Gold hatte das schlechteste Quartal seit 1974

„Wie nimmst du die Stützung weg, die massiv war?", fragt Dunnigan. „Es ist schwierig. Einen Gang zurückzuschalten wird etwas knifflig." Genau das zeigte sich in diesem Monat, als die bloße Ankündigung eines Fed-Rückzugs weltweit die Märkte in Aufruhr versetzte. Der Goldpreis beendete sein schlechtestes Quartal seit dem Beginn des modernen Goldhandels im Jahr 1974. Brasilianische Aktien fielen um 16 Prozent und der Australische Dollar verlor mehr als 12 Prozent an Wert.

Besonders hart getroffen wurde der US-Anleihemarkt, in den bislang das Geld der Fed direkt einfließt. Seit Bernankes Ankündigung sind die Zinsen auf Kreditprodukte wie Hypotheken und Staatsanleihen in die Höhe geschossen. Das macht Branchen wie Immobilien oder Autohandel, die stark von Zinssätzen abhängig sind, das Leben schwer. Die Zinsen auf zehnjährige Staatsanleihen wuchsen im zweiten Quartal so stark wie seit dem vierten Quartal 2010 nicht mehr. Am Freitag lagen sie bei 2,485 Prozent – Anfang Mai waren es noch 1,63 Prozent gewesen.

Investoren verkauften laut Datenfirma Lipper im vergangenen Monat lokale Staatsanleihen im Wert von zehn Milliarden Dollar. Die Preise von Risikoanleihen stürzten ab, genauso wie die von erstklassigen Unternehmensanleihen. Die Schwäche von Anleihen hat Investoren besonders alarmiert. Es macht sich die Sorge breit, dass der inzwischen 30 Jahre andauernde Bullenmarkt für Anleihen seinem Ende entgegensteuert.

„Der Übergang von einem Umfeld mit fallenden Zinsen zu einem mit steigenden Zinsen ist eine riesige Umstellung", sagt Patterson. „Viele auf dem Börsenparkett haben noch nie in einem anderen Umfeld gearbeitet."

Der US-Aktienmarkt hat sich etwas vom Schock erholt

Aktienkurse fielen in den zwei Tagen nach Bernankes Rede am 19. Juni stark, haben sich in der vergangenen Woche aber ein wenig erholt. Aktieninvestoren freuten sich über Zeichen eines stärkeren Häusermarktes und eines verbesserten Konsumklimas.

Die Worte der Vorsitzenden einiger regionaler US-Notenbanken wirkten sich ebenfalls beruhigend aus. Sie sagten, Stützungskäufe würden erst zurückgefahren, wenn die Wirtschaft stark genug ist. Doch am Freitag verlor diese Botschaft ein wenig von ihrer Klarheit: Jeffrey Lacker, Vorsitzender der Richmond-Fed, wehrte sich gegen die These, dass Investoren überreagiert haben.

„Die Kursstürze in Anleihe- und Aktienmärkten in Reaktion (auf Bernankes Rede) sind ein normaler Teil jenes Prozesses, der neue Informationen in Wertpapierpreise umwandelt", sagte Lacker. Die Entwicklung ändere nichts an seiner Vorhersage moderaten Wirtschaftswachstums. Investoren machen sich auch Sorgen über Zeichen einer Kreditklemme und lahmenden Wachstums in China. Dort versucht die Zentralbank gerade, die exzessive Kreditvergabe unter Kontrolle zu bekommen.

Der Anleihemarkt wurde so hart getroffen, weil die Zinsen auf Anleihen in den Jahren nach der Finanzkrise 2008 auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten fielen. Investoren sehen diese Preise ohne Fed-Unterstützung als untragbar. Daher verkauften sie massiv, als Bernanke vom Ende seines Anleihekaufprogramms zu sprechen begann.

Zinsen richten sich jetzt stärker nach der Inflation

Edgar Peters, Investment-Stratege beim Vermögensverwalter First Quadrant, sieht in der Reaktion eine Normalisierung des Marktes: Anleihen seien zu normaleren Preismechanismen zurückgekehrt, die stärker auf Inflation und weniger auf der Erwartung von Fed-Stützungskäufen beruhen.

Normalerweise, sagt Peters, würden die Zinsen auf zehnjährige Staatsanleihen 1,5 bis zwei Prozent über der Inflationsrate liegen, also derzeit bei etwa drei Prozent. Vor Bernankes Pressekonferenz lagen die Zinsen bei recht niedrigen 2,2 Prozent. Im Mai hatten sie sogar deutlich unter zwei Prozent gelegen. Nach der Rede normalisierten sich die Anleihepreise etwas, und die Zinsen auf zehnjährige Staatsanleihen stiegen auf über 2,5 Prozent.

Die Fed hatte gehofft, dass die Anpassung der Preise langsamer vonstattengehen würde. Doch Investoren hatten sich seit Monaten über steigende Zinsen und fallende Preise von Anleihen Sorgen gemacht. Eine solche Entwicklung würde die Besitzer von Anleihen hart treffen. Daher verkauften sie sofort nach Bernankes Pressekonferenz.

Dass US-Akteinpreise stabiler geblieben sind, hat mit globalen Kapitalbewegungen zu tun: Investoren haben ihr Geld aus Bonds und ausländischen Märkten abgezogen und stattdessen in Aktien investiert.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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