• The Wall Street Journal

Auf Südafrikas Straßen regieren Chaos und Tod

    Von PETER WONACOTT

Die Straßen in Südafrika gehören zu den gefährlichsten der Welt. Das zeigt sich besonders in der Urlaubszeit, wenn viele Menschen mit ihren Autos unterwegs sind. In den Sommerferien, die nun vorbei sind, kamen jeden Tag Dutzende Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben.

Millionen hatten sich aus den Städten an die Strände oder in die Berge aufgemacht, um dort ihren Urlaub zu verbringen. Viele erreichten ihr Ziel erst gar nicht oder verunglückten auf dem Weg zurück nach Hause.

Leon Knipe

In der Urlaubszeit sind fast 1.500 Menschen in Südafrika bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen.

In der Zeit zwischen dem 1. Dezember und dem 8. Januar 1.465 Menschen starben, teilte der südafrikanische Verkehrsminister mit. Verantwortlich für die Unfälle seien betrunkene Fahrer, Raser und heruntergekommene Autos. Außerdem würden sich viele während der Fahrt nicht anschnallen. In 40 Prozent der Unfälle seien Fußgänger verwickelt – „die meisten laufen betrunken auf der Straße", sagte der Minister Dikobe Ben Martins.

In den Jahren zuvor kamen sogar noch mehr Menschen ums Leben. In einem ähnlichen Zeitraum 2010-2011 waren es 1.704, im Jahr davor 1.582. Die Kosten für die südafrikanische Wirtschaft lägen bei 306 Milliarden Rand (26,2 Milliarden Euro), sagte Martins – das sind etwa 10 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.

Nach dem Ende der Urlaubszeit kommen immer die gleichen Fragen auf: Warum sind die Straßen in dem am weitesten entwickelten Land auf dem afrikanischen Kontinent so gefährlich?

In Südafrika sterben im Schnitt 33,2 von 100.000 Menschen bei Verkehrsunfällen. In den USA sind es laut Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2009 mit 13,9 deutlich weniger, im kriegsgeschundenen Afghanistan sind es 39. In der Urlaubszeit steige die Zahl der Todesfälle in Südafrika auf 40 bis 42 täglich, sagte Ashref Ismail, Sprecher einer Behörde des Verkehrsministeriums.

Im Vergleich zu anderen Schwellenländern schneidet Südafrika schlecht ab. In Brasilien kommen im Schnitt 18,3 Todesfälle auf 100.000 Menschen, auch in Russland (25,2), Indien (16,8) und China (16,5) sind es weniger. In Afrika gibt es allerdings einige Länder, in denen die Quote höher liegt. Eritrea führt die unrühmliche Liste mit 48,4 Todesfällen je 100.000 Einwohner an.

Die Straßen in Südafrika können gefährlich sein, oft sind sie schlecht beleuchtet und die Markierungen schlecht. Doch die größere Gefahr geht von anderen Fahrern aus. Sie wechseln ohne Ankündigung die Fahrbahn, viele benutzen keine Blinker, auf den Straßen fahren überladene alte Wagen neben großen Geländewagen. Das Ergebnis ist eine gefährliche Mischung aus Arm und Reich, aus schnellen und langsamen Autos. Auf den Straßen spiegelt sich die Probleme Südafrika wider – einem Land mit riesigen Ungleichheiten und historischen Feindseligkeiten.

Auf den Straßen herrscht Rücksichtslosigkeit

„Südafrikanische Autofahrer sind generell sehr aggressiv, rücksichtslos und extrem ungeduldig", sagt Ismail. Und sie seien oft in alten Autos unterwegs - „das ist das Rezept für eine Katastrophe".

Vor den Weihnachtsferien konnte man an der Grenze zu Mosambik beobachten, wie leichtsinnig viele Fahrer sind. Nach Schätzungen des afrikanischen Rundfunks überquerten in den ersten Wochen im Dezember 300.00 Menschen die Grenze zum Nachbarland – das waren zwölf Prozent mehr als im Vorjahr.

Am 22. Dezember kam der Verkehr etwa 14 Kilometer vor der Grenze zum Erliegen. Die Fahrzeuge drängten sich auf den Seitenstreifen einer einspurigen Autobahn, einige fuhren mit Warnblinklichtern auf der Gegenfahrbahn. Vollbeladene Laster wichen auf die Felder aus. Touristen fuhren in ihren glänzenden Geländewagen hinterher. Abseits der Straße kam es zum Chaos. Neben Mais- und Gerstenfeldern blieben einige Wagen stecken, andere hatten kein Benzin mehr, viele kämpften sich mühsam vorwärts. Verkäufer tauchten auf und boten den Fahrern Getränke an.

Behördenvertreter versuchen, mit verschiedenen Maßnahmen dagegen anzugehen, dass so viele Fahrer übermüdet und betrunken ins Auto steigen. Die Provinz Western Cape, die dank Kapstadt ein beliebtes Reiseziel ist, hat die Polizei unter anderem dazu ermächtigt, übermüdeten Fahrern ihre Schlüssel abzunehmen. Dennoch starben nach Angaben des Verkehrsministeriums auf den Straßen der Provinz im Dezember 158 Menschen – im Dezember 2011 waren es 139 gewesen. Das Ministerium setzte während der Ferien 17.000 Verkehrspolizisten ein. Trotzdem verloren diese in manchen Situationen die Kontrolle über das Geschehen.

Damit der Verkehr an der Grenze wieder fließen konnte, blockierte die Polizei die Straße nach Mosambik. Als es dunkel wurde, wuchs die Ungeduld der Fahrer. Gruppen formierten sich, sogar Schüsse wurden in die Luft abgefeuert, Fahrer rannten zu ihren Wagen. Die Polizisten ruderten mit den Armen, als würden sie ein Autorennen starten. Fahrer ließen ihre Motoren aufheulen und rasten aufs offene Feld – und das nächste Verkehrschaos nahm seinen Lauf.

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