• The Wall Street Journal

Mitsubishi investiert in deutsche Offshore-Leitungen

    Von YOUNG-SIM SONG und JAN HROMADKO

Der japanische Mischkonzern Mitsubishi beteiligt sich mit einer halben Milliarde Euro am Offshore-Netzausbau in Deutschland. Mitsubishi steuert insgesamt 576 Millionen Euro zu vier Netzanbindungsprojekten des niederländischen Netzbetreibers Tennet bei und verleiht der deutschen Energiewende damit einen dringend notwendigen Schub.

Wie der zweitgrößte deutsche Netzbetreiber nach Amprion mitteilte, investiert Mitsubishi 240 Millionen Euro in einen 49-prozentigen Anteil an den Windpark-Projekten BorWin1 und BorWin2 sowie 336 Millionen Euro für einen Anteil in gleicher Höhe an den Projekten HelWin2 und DolWin2.

Zuletzt waren in der Politik Zweifel aufgekommen, ob Tennet, das dem niederländischen Staat gehört, die Finanzmittel auftreiben kann, um die gewaltigen Offshore-Projekte zu stemmen. Um das Vertrauen von Investoren in die Projekte zu stärken, hatte die Bundesregierung Ende letzten Jahres ein Haftungsgesetz für die Offshore-Anbindung verabschiedet, das die Risiken für Netzbetreiber und Investoren zu Lasten der Steuerzahler begrenzt. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler reagierte dementsprechend erleichtert über den Abschluss: „Die von uns auf den Weg gebrachten besseren Investitionsbedingungen bei Offshore zeigen erste Erfolge", sagte der FDP-Chef.

dapd

Bis in den Himmel? Zumindest hat Netzbetreiber Tennet einen dringend gesuchten Investor für seine Offshore-Leitungen gefunden.

Tennet war lange Zeit damit überfordert, den Anschluss von Windparks in der Nordsee an das deutsche Stromnetz finanziell zu stemmen und bereits seit Monaten auf der Suche nach privaten Investoren. Nach Ansicht des Unternehmens schreckte die zuvor offene Frage der Haftung Kapitalgeber ab. Potenzielle Windpark-Betreiber und Investoren in der Offshore-Branche hatten auf die Lage verunsichert reagiert. Im vergangenen Jahr hatte der Energieversorger EnBW sein Projekt „Hohe See" in der Nordsee auf Eis gelegt, während Konkurrent RWE immer noch auf den Anschluss seines Windparks „Nordsee Ost" vor Helgoland wartet. Und erst am Dienstag hatte der österreichische Baukonzern Strabag den Bau einer Fabrik für Offshore-Bauteile in Cuxhaven auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Eine Sprecherin von Strabag sagte am Mittwoch, der Baukonzern werde seine Haltung überdenken, sobald Tennet weitere Netzanbindungen geschaffen habe.

Die Pläne des bisher einzigen Investors Mitsubishi, zu den vier Netzprojekten rund 580 Millionen Euro beizusteuern, gab es schon seit einigen Monaten. Tennet-Vorstand Lex Hartman sagte im Oktober in einem Interview mit dem Wall Street Journal, die Japaner könnten wieder aussteigen, sollte die Haftungsregelung doch nicht kommen. "Alles hängt von der Regelung der Haftung ab", betonte er damals.

Mittlerweile hat es diese Einigung gegeben, so dass der Einstieg von Mitubishi nicht ganz überraschend kommt. Seit Anfang des Jahres müssen Netzbetreiber nur bis zu einer festgelegten Summe haften, wenn Windanlagen auf hoher See nicht rechtzeitig an das Stromnetz angeschlossen werden können. Bei leichter Fahrlässigkeit etwa liegt die Grenze bei 17,5 Millionen Euro pro Schadensfall. Der Rest der fälligen Entschädigung wird neuerdings auf die Verbraucher umgelegt. Bisher ist dafür unter anderem eine Haftungsumlage von maximal 0,25 Cent je Kilowattstunde für Stromkunden geplant. Tennet ist vom Ausbau der Offshore-Windkraft am stärksten betroffen, da der Netzbetreiber für die Anbindungen in der Nordsee und damit für Deutschlands wichtigstes Offshore-Windgebiet zuständig ist.

Die Anbindung der Windparks vor der Küste Deutschlands spielt eine entscheidende Rolle beim Ziel der Bundesregierung, die Energieversorgung auf erneuerbare Energien umzustellen. Bis 2020 will die Regierung 35 Prozent des Energieverbrauchs aus „grüner" Stromerzeugung sicherstellen, bis 2050 sollen es sogar 80 Prozent sein. Die Maßnahmen sind Teil der geplanten Energiewende, mit der die deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet und bis 2020 zehn Gigawatt an Strom – die Produktionskapazität von zehn Atomkraftwerken – aus Energieerzeugung in Windparks vor der Küste kommen soll.

Die Beteiligung von Mitsubishi ist da ein willkommener Lichtblick für die Umsetzung dieser ehrgeizigen Ziele. Für Experten ist es aber noch zu früh, Entwarnung zu geben. Es ändere sich nichts „an der Grundproblematik, dass wir dringend weitere Netzeanschlüsse brauchen", so etwa Andreas Wagner, Geschäftsführer bei Offshore Windenergie, einer Stiftung der deutschen Wirtschaft zur Nutzung und Erforschung der Windenergie auf hoher See. „Entscheidend ist deshalb, dass endlich für die weiteren Netzanschlüsse die Investitionsentscheidungen getroffen werden, die seit über einem Jahr ausstehen."

Weitere Kapitalgeber für den Netzausbau durch den zweitgrößten deutschen Stromnetzbetreiber sind aber offenbar in Sicht. "Wir reden mit vielen", sagte Hartman in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach der vertraglichen Übereinkunft mit Mitsubishi. Die jetzigen Vertragsabschlüsse bezeichnete der Niederländer als "einen ersten schnellen Schritt" in Richtung termingerechter Anschlüsse.

Mehr Investoren gesucht

BorWin1 und BorWin2 sowie HelWin2 und DolWin2 sollen bei Fertigstellung über eine Kapazität von zusammen 2,8 Gigawatt verfügen und kosten insgesamt 2,9 Milliarden Euro. Rund 60 Prozent würden über Kredite finanziert, sagte Hartmann der FAZ. Der Eigenkapitaleinsatz der Mitsubishi Corporation stärke die Bilanz des Netzbetreibers, sagte Tennet-Finanzvorstand Eelco de Boer.

Insgesamt arbeitet Tennet bislang an zehn Anschlussprojekten von Windparks in der deutschen Nordsee mit einer Übertragungskapazität von zusammen 5,3 Gigawatt an Strom. Laut dem Netzbetreiber wurden bereits fast sechs Milliarden Euro in die Offshore-Infrastruktur investiert. Nach Mitsubishi jetzt auch für die anderen sechs Projekte Investoren zu finden, sollte Hartman zufolge kein Problem darstellen: "Ich bin sicher, dass es in den nächsten Monaten zu Abschlüssen kommen wird, auch über die Finanzierung von geplanten Anbindungen wie Dolwin 3 sowie Borwin 3 und 4", sagte der Tennet-Vorstand im Zeitungsinterview. Die Bedingungen hätten sich "grundlegend verbessert". Namen möglicher Geldgeber nannte er aber keine.

Laut der Bundesregierung ist bislang nur der kleinere Teil der Offshore-Netzanbindungen in der Nordsee auf einem guten Weg, die Zeitpläne einzuhalten. Verzögerungen sind bei den Anschlüssen BorWin2, DolWin1, HelWin1, SylWin1 und Riffgat zu befürchten - insgesamt Leitungen mit einer Kapazität von mehr als drei Gigawatt, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der SPD-Fraktion im Bundestag hervorgeht. Tennet habe voraussichtliche Verzögerungen "um einige wenige Monate bis zu 24 Monaten" gemeldet. Bereits in Betrieb sind nur die Netzanbindungen für die Windparks Alpha Ventus und Borwin1.

Die Verzögerungen kosten bei den Milliardenprojekten schnell sehr viel Geld. Mit der Haftungsregelung müssen nun in letzter Konsequenz die Verbraucher zahlen. Tennet selbst hatte immer wieder betont, dass diese Haftung das Unternehmen überfordert hätte. Weil auch die reinen Baukosten in die Milliarden gehen, hatte die Bundesnetzagentur Anfang November Tennet die gesetzlich vorgeschriebene Zertifizierung verweigert. Die Begründung war, dass bei Tennet der Nachweis über die erforderlichen finanziellen Mittel gefehlt habe - insbesondere mit Blick auf die Offshore-Anbindungen. Tennet hat gegen die Entscheidung des Regulierers vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf Beschwerde eingelegt. Das Verfahren läuft.

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