• The Wall Street Journal

Handys werden zu groß für die Hosentasche

    Von SHIRA OVIDE

An den meisten Tagen sprechen Passanten Jeremy Roche mitten auf der Straße auf sein Telefon an. Kein Wunder: Sein Samsung Galaxy Note II ist etwa 75 Prozent größer ist als das iPhone von Apple und damit fast so groß wie eine Tafel Schokolade.

Am Anfang habe es sich seltsam angefühlt, das riesige Telefon ans Ohr zu halten, sagt Roche, Chef der Business-Software-Firma FinancialForce.com. Doch mittlerweile ist er froh über den großen Bildschirm.

Jahrelang wurden Handys immer kleiner und entwickelten sich von backsteingroßen Geräten hin zu schlanken Gadgets für die Hosentasche. Doch dieser Trend kehrt sich gerade wieder um. Das ist dem südkoreanischen Elektronikhersteller Samsung zu verdanken, der 2011 das erste Note-Modell mit einem 5,3 Zoll großen Bildschirm herausbrachte.

[image] Ian Sherr/The Wall Street Journal

Sperrig: Das Huawei Ascend Mate

„Wir sind stolz, dass wir diese Kategorie geschaffen haben", sagt Davin Packingham, Chief Product Officer in der Mobilsparte bei Samsung.

Einige Kritiker nannten das große Telefon am Anfang „albern" und „ein Telefon für Riesen". Doch das Gerät verkaufte sich gut. Auch andere Hersteller begannen, größere „Phablets" zu entwickeln – eine Mischung aus Telefon und Tablet.

2012 wurden 82,7 Millionen Telefone mit einem mindestens 4,6 Zoll großen Bildschirm verkauft. 2011 waren es noch lediglich 1,8 Millionen, berichtet die Marktforschungsfirma ABI Research.

Doch die Phablets haben auch Nachteile: Für Hosentaschen und manche Handtaschen sind sie zu groß. „Ich hasse es, dass ich nicht mehr im Unterricht SMS schreiben kann, weil mein Telefon zu groß ist", twitterte ein Twitter-Nutzer.

Scott Jordan, 48, wurde von dem Trend der großen Telefone überrascht. Er ist Chef des Bekleidungsherstellers Scottevest, der für seine Jacken und Hosen mit bis zu drei Dutzend Taschen bekannt ist, in denen Handys, Digitalkameras und anderes verschwinden sollen. Während er kürzlich durch eine Technologiemesse in Las Vegas schlenderte, fiel ihm ein Problem an seiner neusten Jacke auf. „Ich nahm eines der neuen Samsung-Geräte, wollte es in die Tasche stecken und merkte, dass es nicht reinpasste", sagt Jordan.

Sofort schickte er eine E-Mail an seine Angestellten und fragte, ob man die Produktion noch aufhalten könne, um die Handytasche der neuen Jacke etwas zu vergrößern. Doch es war schon zu spät. Die nächsten Modelle würden größere Handytaschen haben, sagt Jordan.

Die USA hinken bei diesem Trend hinterher. Smartphones mit großen Bildschirmen sind in Europa und vor allem in China und anderen Teilen Asiens weitaus beliebter. Vergangene Woche stellte der Elektronikkonzern Huawei Technology ein Smartphone mit dem nach eigenen Angaben größten Display der Welt vor. Mit 6,1 Zoll hat das „Ascent Mate" mehr als doppelt so viel Bildschirmfläche wie das erste iPhone, das 2007 auf den Markt kam. Damit ist das Smartphone fast so groß wie das Google-Tablet Nexus 7.

In einer Pressemitteilung erklärte Huawei, das Telefon sei „schmal und modisch und passt problemlos in eine Hand". Das Telefon wird nächsten Monat in China auf den Markt kommen.

Das Huawei Ascend Mate.

Einige Ergonomieexperten befürchten, dass so große Smartphones eine Verletzungsgefahr darstellen. „Man reckt seine Hände immer weiter, um alle Ecken des Bildschirms zu erreichen, und dadurch sehen wir bei Nutzern größerer Geräte immer mehr Verletzungen durch wiederholte Belastung, vor allem im Daumen", sagt Anthony Andre, Professor an der San Jose State University.

Wie lange der Trend der großen Smartphones durchhält, wird sich zeigen. Der Name „Phablet" zumindest wird womöglich nur kurzlebig sein: Linguisten der American Dialect Society haben das Wort Anfang des Monats auf Platz eins der Wörter gewählt, die sich dieses Jahr mit geringster Wahrscheinlichkeit etablieren werden.

Anders als Röcke, die je nach Mode mal kürzer und mal länger sind, entwickelte sich die Computertechnologie bisher nur in eine Richtung: Sie wurde kleiner. Die ersten Computer füllten ganze Räume. Die erste Digitalkamera wog vier Kilogramm.

Auch Handys werden immer kleiner. Der Trend schien so unumkehrbar, dass 2005 bei der Comedy-Show „Saturday Night Live" ein Schauspieler in der Rolle von Steve Jobs immer kleinere iPod-Modelle vorstellte, bis hin zum „iPod Invisa", der überhaupt nicht mehr zu existieren schien.

Die Obergrenze für die neuen größeren „Phablets" schätzt Josh Flood, ein Analyst bei ABI, auf 6,5 Zoll ein, bevor ein Gerät nicht mehr als Smartphone gilt. Es sei extrem unwahrscheinlich, dass diese Geräte noch größer werden. „Doch sicher haben Leute früher auch über Smartphones gesagt, dass sie nie größer als fünf Zoll werden würden", sagt er.

—Mitarbeit: Ian Sherr und Paul Mozur

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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