• The Wall Street Journal

Hack-Anleitung für hungrige Herzen

    Von AMY WEBB
[image] Melissa Golden for The Wall Street Journal

Amy Webb mit ihrem Ehemann Brian in ihrer Wohnung in Baltimore. Webb verwendete Analysen, um das Online-Dating-System zu durchschauen.

Ich war 30, hatte gerade eine lange Beziehung hinter mir und keine Lust mehr auf die üblichen Spielchen. Es war Zeit, sich mit dem richtigen Mann niederzulassen. Ich wollte heiraten und eine Familie gründen. Auf Anraten zahlreicher Freunde (und meiner besorgten Mutter) legte ich mir eine Strategie zurecht: Ich meldete mich bei Match.com und JDate an, einer Website für jüdische Singles.

Was dann folgte war eine Reihe mieser Dates, die sich hervorragend in einer romantischen Hollywood-Komödie hätten unterbringen lassen. Da gab es dämliche sexuelle Anspielungen, zu viel Alkoholkonsum und eine nicht unbedeutende Zahl an Männern meinte, mit mir abklatschen zu müssen - die Gründe sind mir bis heute nicht klar.

Mein Profil zog eindeutig die falsche Sorte Mann an. Nach einem besonders schrecklichen Date, bei dem mein Gegenüber nebenbei erwähnte, dass er verheiratet sei, entschied ich mich für einen Strategiewechsel. Weil ich Erfahrungen in der Analyse von Daten hatte, begann ich mit dem Reverse-Engineering meines Profils. Ich entwickelte Grundrisse für zehn männliche Modelle und stellte für jedes von ihnen ein Profil bei JDate ein. Da gab es JewishDoc1000, einen selbstständigen Kardiologen mit Hass auf Kreuzfahrten, und LawMan2346, einen Anwalt mit starker Bindung zu seiner Familie, der früher erfolgreich an Debattierwettbewerben teilgenommen hatte.

Kaugummikauende Blondinen als Konkurrenz

In Gestalt dieser virtuellen Charaktere verbrachte ich einen Monat auf JDate. In dieser Zeit kam ich mit 96 Frauen in Kontakt. Ich zeichnete auf, wie sie sich verhielten und online darstellten. Ich schrieb mit, was sie auf ihren Profilen stehen hatten. Ich merkte mir, welche Sprache sie verwendeten und wie viel Zeit verging, bis sie meinen Profilen eine Antwort schrieben. Um alles über meine Konkurrentinnen herauszufinden, legte ich eine detaillierte Datenbank an und notierte, welche weiblichen Profile besonders erfolgreich waren. Auch wenn JDate seinen Algorithmus nicht veröffentlicht, fiel mir während meines Experiments doch auf, dass besonders beliebte Profile in den Suchergebnissen weiter oben auftauchten. So ließ sich ziemlich einfach herausfinden, wer gerade gefragt war und wer nicht. Schnell wurde mir klar, dass die beliebten Frauen etwas wissen mussten, was mir unbekannt war. Sie zogen eindeutig die Sorte an intelligenten und attraktiven Geschäftsmännern an, die mein Profil bisher ignoriert hatten. Weil ich extrem ehrgeizig bin, konnte ich einfach nicht zulassen, dass diese kaugummikauenden Blondinen mir meinen neurotischen jüdischen Doktor – den Traum meiner Mutter – stehlen.

Was habe ich herausgefunden? Auf besonders beliebten Profilen wurde eine ehrgeizige Sprache verwendet. Zum Beispiel hieß es dort: „Ich will reisen" oder „ein großes Ziel von mir ist es…". Gleichzeitig waren die Beschreibungen kurz und allgemein gehalten und bei einigen physischen Merkmalen wurde gelogen (allerdings nicht das, was Sie jetzt vielleicht denken). Der Stil war lässig, modern und spontan. Ich hatte mich vorher zum Beispiel nie als „lustig" oder „Mädchen" bezeichnet. Jetzt wurde mir aber klar, dass ich bei meiner Selbstvorstellung viel zu professionell und gewöhnlich vorgegangen war. Als es mir zu lange dauerte, hatte ich einfach aus meinem Lebenslauf abgeschrieben.

Mehr als 500 Wörter sind nicht nötig

Ich erkannte, dass kurze Profile dann am besten funktionieren, wenn sie nur so viele Informationen enthalten, dass jemanden neugierig gemacht wird. Mehr als 500 Wörter braucht es dabei eigentlich nicht. Waren die Beschreibungen länger, dann stammten sie in der Regel von einer erfolgreichen und gebildeten Frau mit irgendeiner Lizenz (Ärztin, Anwältin…), mit der sie prahlen konnte. Oder es steckte eine nicht ganz so attraktive Dame dahinter, die fürchterlich einsam war und verzweifelt ein Date suchte. In meinem Fall hatte ich fast 900 Wörter geschrieben – fast schon eine Doktorarbeit. Damit lag ich innerhalb der unteren acht Prozent aller Profile, die ich mir angesehen habe. Wenn ich an dieser Stelle schon so viel von mir erzähle, wie wäre es dann erst beim ersten Date?

Ich war mir sicher, dass die Personen bei den Gewichtsangaben nicht die Wahrheit sagen. Ich habe jedenfalls abgerundet. Was mich jedoch überrascht hat war, wie viele Frauen bei ihrer Größe die Unwahrheit schrieben. Alle 96 Frauen, mit denen ich Kontakt hatte, gaben ihre Größe zwischen 1,55 und 1,60 Meter an. Die Durchschnittsgröße in Amerika liegt bei Frauen um die 1,63 Meter. Natürlich ist es möglich, dass alle 100 Prozent der von mir kontaktierten Frauen unterhalb des Durchschnitts lagen. Statistisch gesehen ist das aber höchst unwahrscheinlich. Außerdem konnte man deutlich auf den Fotos erkennen, dass die meisten dieser Frauen größer waren, als sie angegeben hatten. Die Damen gingen anscheinend davon aus, dass Männer lieber kleinere Frauen zum Date ausführen wollten. Und sie hatten anscheinend Recht. Warum? Weil auch Männer bezüglich ihrer Größe nicht immer die Wahrheit sagen.

Eine weitere Überraschung: Meine Eltern und Freunde hatten mir stets eingetrichtert, dass ich die Männer den ersten Schritt machen lassen sollte. Anderenfalls würde ich zu aggressiv rüberkommen. Doch die erfolgreichen Online-Dater waren mutig und freundlich. Gefragte Frauen scheuten sich nicht, die Männer anzuschreiben. Sie versandten einfache und unpersönliche Nachrichten, die nur ein bis zwei Zeilen lang waren. Statt „Hallo, [Name]" schrieben sie „Hi" oder „Hallo du" und dann etwas in der Richtung „Mir gefällt, dass du [Detail aus dem Profil]. Ich mag [Detail aus dem Profil] auch."

Noch ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind:

• Man sollte zwischen drei und fünf Bilder von sich in die Galerie hochladen. Mehr kann zwar auch funktionieren – doch in meinen Analysen bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es einen Punkt gibt, an dem eine Rückkehr zum Profil immer unwahrscheinlicher wird.

• Wenn Hobbies und Freizeitaktivitäten einfach zu beschreiben sind, sollte man damit einsteigen. Man kann also angeben, dass man gerne Tennis spielt. Aikido hingegen – oder noch schlimmer „Ich habe einen schwarzen Gürtel in Aikido" – sollte man besser weglassen. Ich hatte es sogar einmal in meinem Profil stehen. Doch das führte irgendwann dazu, dass mich Männer beim ersten Date zu einem Kampf herausforderten. Und das war tatsächlich so gruselig und unangenehm, wie es klingt.

• Es ist nicht einfach, im geschriebenen Wort lustig zu sein. Besonders dann nicht, wenn man zum Sarkasmus neigt. Mir fiel auf, dass die Personen, die glaubten, in ihren Profilen lustig zu sein, in Realität ganz anders waren. Sie kamen vielmehr ungehalten und distanziert rüber.

• Frauen sollten ihre Arbeit nicht erwähnen. Vor allem dann nicht, wenn sie schwierig zu beschreiben ist. Man kann die tollste Karriere der Welt hinter sich haben – und trotzdem wird sie Besucher des Profils unausweichlich einschüchtern. Mir ist klar, dass das schrecklich rückschrittlich klingt. Doch während meines Experimentes fand ich heraus, dass Frauen sich vor allem für die Profile von Männern, die Karriere machen, interessierten. Andersherum zeigte die Mehrheit der Männer jedoch kaum Interesse an erfolgreichen Frauen.

• Frauen mit gelockten Haaren haben beim Online-Dating einen Nachteil. Ich weiß nicht, ob Männer eher auf blonde Frauen stehen. Allerdings kann ich mit Sicherheit sagen, dass sie Frauen mit langen, glatten Haaren bevorzugen. Wer also Locken und kein Problem damit hat, sich die Haare zu glätten, sollte es zumindest einmal ausprobieren.

• Wenn man von jemandem angechattet wird, während man online ist, dann sollte man auch zurückschreiben. Die meisten Frauen, mit denen ich Kontakt hatte, haben das zumindest getan. Bei E-Mails dauerte es im Schnitt zwischen 20 und 23 Stunden, bis ich eine Antwort erhielt. Zumindest am Anfang.

Am Ende meiner Analyse hatte ich ausreichend Daten zusammengetragen, um ein „Superprofil" zu erstellen. Ich vermischte Persönliches mit dem, was bei den besonders beliebten Frauen am besten funktionierte. Statt Stichworten oder ausführlichen Resümees schrieb ich: „Meine Freunde würden mich als aufgeschlossen beschreiben. Als Weltenbummler, der sich in Jeans genauso wohlfühlt wie im kleinen Schwarzen."

Schon kurze Zeit, nachdem mein Superprofil online ging, hatte ich mehr als 60 Antworten. Viele davon unterschieden sich deutlich von dem, was ich zuvor erhalten hatte. Unter all den Mitteilungen war auch eine von einem Profil namens Thevenin. Dahinter versteckte sich ein attraktiver jüdischer Mann, der intelligent und lustig schien. Sein wirklicher Name war Brian. Und er war mein letztes erstes Date.

—Aus: „Data, A Love Story: How I Gamed Online Dating to Meet My Match". Das Buch erscheint am 31. Januar auf Englisch im Dutton-Verlag.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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