• The Wall Street Journal

Wenn die Community das Fondsmanagement ersetzt

    Von DIRK ELSNER

Die schweizer Researchfirma My Private Banking schrieb jüngst in dem Hinweis auf eine Studie, dass Vermögensverwalter weitestgehend ohne Strategie für soziale Medien seien. Gespräche, Workshops und viele Angebote im Netz bestätigen diese Feststellung. Social Media wird reduziert auf den Informationsaustausch per Twitter oder Facebook – und die Angst vor Shitstorms.

In der Kolumne Mitte Dezember letzten Jahres hatte ich bereits über zwei noch sehr junge Geschäftsmodelle geschrieben, die Social Media und das Wissen der Communities für Anlageempfehlungen nutzen: Moneymeets und Wikifolio. Eine ähnliche Richtung verfolgen die Ansätze von Investtor und Sharewise. Beide Unternehmen bieten nach europäischem Recht gestaltete Investmentfonds, für die Communities bzw. Kunden die Anlageentscheidungen vorbereiten.

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Dirk Elsner

Das Münchner Unternehmen Sharewise ist eine seit fast fünf Jahren etablierte Börsen-Community. Amateure und Profis tauschen sich auf der Plattform über Anlagemöglichkeiten aus. Sharewise reichert die Webseite mit detaillierten Informationen zu Aktien (darunter auch legale Insidergeschäfte) und vor allem auch mit Analystenempfehlungen an. Die Plattform zeigt außerdem die Empfehlungen von Amateuren und Profis. Besucher der Seite können so jederzeit feststellen, wer gute Empfehlungen gegeben hat und wer nicht. Sharewise hat mittlerweile einen richtig interessanten Datenfundus angelegt, der nicht nur Gelegenheitszocker anzieht, sondern für den sich auch Anlageprofis interessieren.

Im November vergangenen Jahres ist Sharewise nach langer Vorbereitungszeit den nächsten logischen Schritt gegangen und setzt die Analyse-Daten in einem eigenen Konzept mit dem H&A sharewise Community Fonds um. Dazu wird ermittelt, aus wessen Kauf- oder Verkaufsempfehlungen die beste Rendite erzielt wird. Mitglieder mit kontinuierlich guten Empfehlungen bilden die Basis für die Investmententscheidung, die dann formal durch das Fondsmanagement (hier die Baader Bank AG) getroffen wird (detailliert ist der Prozess im Prospekt ab Seite 7 beschrieben).

Fonds kauft nur Aktien mit vielen Empfehlungen

Einen etwas anderen Ansatz fährt die Münchner Top-Vermögen AG mit ihrem Investtor-Fonds. Der bereits 2010 in Deutschland zum Vertrieb zugelassene Fonds investiert in 200 bekannte und weltweit tätige Aktienunternehmen. Welche und wie viele Aktien konkret gekauft werden, bestimmen die Investoren des Fonds mit. Hierzu wurde eine geschützte Plattform im Internet geschaffen, die einen schnellen Austausch unter den Anlegern und eine einfache Abstimmung über die Transaktionen ermöglicht. In das Fondsportfolio werden nur die Aktien aufgenommen, die von den Investoren die höchsten Zustimmungen und die aussichtsreichsten Kursprognosen erhalten haben. Die Güte der Empfehlungen der einzelnen Investoren spielt hier keine Rolle.

Ich bin zwar ein großer Skeptiker von Börsenprognosen, jedoch davon überzeugt, dass entgegen den Annahmen der Effizienzmarkthypothese (siehe dazu Abschnitt 1. und 2. in diesem Arbeitspapier) "Märkte" nie vollständig effizient sind. Durch überlegene Analysen und Investmentstrategien können also überdurchschnittliche Gewinne möglich sein. Nur weiß niemand vorher sicher, welche Analysen dazu passen könnten.

Vor dieser Herausforderung stehen auch Sharewise und Investtor. Beide setzen auf das Prinzip der "Weisheit der Vielen" und damit darauf, die Empfehlungen einer freiwillig agierenden Gruppe in Anlageentscheidungen umzusetzen. Ob diese Verfahren ausreichend sind, aus den sonst im Durchschnitt mäßigen Anlageerfolgen individueller Anleger mehr zu machen, müssen andere Untersuchungen zeigen. Vorhersagen nach dem Prinzip der "Schwarmintelligenz" haben sich jedenfalls für viele Anwendungsgebiete (siehe dazu Social Forecasting mit entsprechenden Quellen) als geeignet erwiesen.

Man wird man sehen, ob dies auch für Börsenentscheidungen gilt. Ich bin skeptisch, jedoch nicht skeptischer als bei jedem anderen professionellen Fondsmanager. Selbst in der Vergangenheit außerordentlich erfolgreiche Anlageprofis können nicht ständig ihre Anlegeerfolge wiederholen (siehe etwa das Beispiel John Paulson).

Vertriebsschwäche hemmt die Entwicklung

Der Erfolg wird außerdem maßgeblich davon abhängen, wie oft das Fondsvermögen auf Basis der Community-Entscheidungen umgeschichtet wird. Im Schnitt schneiden Fonds mit vielen Transaktionen schlechter ab, weil die Transaktionsentgelte einen Teil der Erlöse fressen.

Beide Fonds leiden übrigens am mangelnden Vertriebsnetz und geringer Marketingpower. Die internationalen Big Shots der Kapitalanlagegesellschaften können verschiedenste Fonds platzieren, von denen immer einige die beiden Newcomer schlagen werden. Aber vor allem greifen sie auf leistungsstarke Vertriebsnetze traditioneller Banken zurück, sei es über deren Direktvertrieb oder über deren Vermögensverwaltungen. Darüber hinaus arbeiten viele Fondsgesellschaften mit Lebensversicherungen und anderen institutionellen Partnern zusammen, über die Anteile platziert werden können.

Communities werden etablierte Profis nur bedingt ersetzen. Zum Management eines Fonds gehört heute aber viel mehr als die sprichwörtlich gute Nase für Anlageentscheidungen. Publikumsfonds unterliegen zahlreichen gesetzlichen Anforderungen, die zu beachten sind. Daher suchen auch Sharewise und Investtor die Symbiose zwischen alter und neuer Finanzwelt - eine Suche, die auf Seiten der traditionellen Finanzwirtschaft viel zu sehr vernachlässigt wird.

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Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und mittelständische Unternehmen. 2008 hat er den Blick Log gegründet, der 2012 zum Finanzblog des Jahres gekürt worden ist. Ein Schwerpunkt des Blogs sind Themen aus der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und Neuerungen im Banking.

Kontakt zum Autor: Bankenwandler@wallstreetjournal.de

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