• The Wall Street Journal

Was vom Krieg bleibt

    Von RALF DRESCHER

Liebe Leser,

am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Einen Monat nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand war dies der Auftakt für einen der verheerendsten Kriege in der Geschichte der Menschheit, der ein ganzes Jahrhundert zerstörte. Der Erste Weltkrieg brachte bis zu 20 Millionen Menschen den Tod, noch einmal so viele wurden verwundet. Und das Desaster legte den Grundstein für folgende Katastrophen, insbesondere den Zweiten Weltkrieg und später den Kalten Krieg.

Das Vermächtnis des Ersten Weltkriegs und der Folgekonflikte prägt unser Leben bis heute in vielfältiger Form. Offensichtlich ist das anhand der Grenzziehungen in weiten Teilen Europas sowie im heutigen politischen und gesellschaftlichen Leben in vielen Staaten. Aber das Erbe zeigt sich auch in ganz anderen Bereichen: Armbanduhren etwa wurden erst im Zuge des Krieges populär, die Verhütung mit Hilfe von Kondomen und Hygieneprodukte wurden in dieser Epoche zur Massenware, und die Fitness-Technik Pilates – heute aus keinem Sportstudio wegzudenken – entstand in einem englischen Kriegsgefangenenlager.

Unsere Kollegen in aller Welt haben zum 100. Gedenken an den Kriegsbeginn 100 prägende Entwicklungen der damaligen Zeit zusammengetragen. Sie bieten einen etwas anderen, konstruktiveren Blick auf diese düstere Zeit als die meisten geschichtlichen Rückblicke, ohne dabei den Schrecken zu verhehlen, den diese Zeit für die Menschen gebracht hat.

Auch die beiden großen Konflikte, die dieser Tage so viel Leid für die Menschen in der Ukraine und in Nahost bringen, haben ihre Ursprünge im Ersten Weltkrieg bzw. der Zeit im Anschluss: Der Krieg zerstörte das zaristische Russland und führte letztlich zur Geburt der Sowjetunion. Diese ist heute auf dem Papier Geschichte, doch der Konflikt in der Ukraine belegt auf traurige Weise, wie tief verwurzelt Spaltung und Hass im Osten bis heute sind.

Zum Symbol des Krieges der Ukrainer gegen pro-russische Rebellen ist der Absturz des Malaysia-Airlines-Flugzeugs MH17 geworden. Viel wurde in den vergangenen Tagen über die schleppende Aufklärung des Absturzes und das Leid der Hinterbliebenen in den Niederlanden und in Malaysia berichtet. Wenige Journalisten dagegen beschäftigen sich mit der Situation der Bürger in der Konfliktregion. Unsere Reporter Paul Sonne, Margaret Coker und Alexander Kolyandr haben drei ostukrainische Dörfer besucht, die im Absturzgebiet rund 50 Kilometer vor der russischen Grenze liegen. Ihr Bericht zeichnet ein bedrückendes Bild von Menschen, die schon vor dem Absturz in Angst und Armut lebten und die nach der Katastrophe schockiert und traumatisiert sind. Von Menschen, die trotz ihrer Not versuchen, ihren Nachbarn beizustehen – weil ihnen sonst niemand hilft.

Auf Hilfe warten auch hunderttausende Menschen im Gaza-Streifen vergeblich. Die „humanitäre Pause" des Krieges zwischen Israel und der Palästinenser-Organisation Hamas, die der Tötung Unschuldiger zumindest vorübergehend ein Ende setzen sollte, überstand das Wochenende nicht. In der Nacht zum Montag tagte deswegen der UN-Sicherheitsrat in einer Dringlichkeitssitzung und forderte anschließend einstimmig eine sofortige, „dauerhafte und uneingeschränkt anerkannte Waffenruhe".

So viel Einigkeit im Sicherheitsrat ist selten. Man könnte die Forderung deshalb als starkes Signal werten – wäre es nicht bereits die zweite Dringlichkeitssitzung binnen zwei Wochen gewesen, und hätte es in Nahost nicht schon so viele gescheiterte Friedensbemühungen gegeben. Der palästinensische UN-Botschafter kritisierte den Beschluss denn auch gleich als unzureichend, weil er keinen Abzug israelischer Truppen aus Gaza verlange. Und Israels Premier Netanjahu hatte erst am Sonntag klargemacht, dass Israel „alles Notwendige" zur Verteidigung seiner Bevölkerung tun werde. Friedensbotschaften sehen anders aus.

Beste Grüße
Ihr Ralf Drescher.

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