• The Wall Street Journal

Cameron sagt Europa-Rede wegen Geiseldrama in Algerien ab

    Von GABRIELE PARUSSINI UND DAPD

Angesichts des Geiseldramas in Algerien hat der britische Premierminister David Cameron seine für Freitag geplante Grundsatzrede zu Europa abgesagt. Der Regierungschef werde in Großbritannien bleiben und die Lage überwachen, teilte sein Büro am Donnerstag mit. Algerische Sicherheitskräfte hatten zuvor versucht, Dutzende ausländische Geiseln - darunter auch Briten - aus den Händen islamistischer Entführer zu befreien. Dabei kamen nach Angaben der Extremisten zahlreiche Geiseln ums Leben. Die Situation in Algerien sei "kompliziert, gefährlich und möglicherweise sehr schlimm", sagte Cameron. Der Premierminister wollte am Freitag in Amsterdam seine Vorstellung von der künftigen Rolle Großbritanniens in der Europäischen Union darlegen.

Die Bemühungen der algerischen Armee, die Geiselnahme auf einem Erdgasfeld schnell zu beenden, hatten zu einem Blutvergießen geführt. 35 Geiseln sowie 15 Extremisten seien bei einem Helikopterangriff getötet worden, berichtete die mauretanische Nachrichtenagentur NIA unter Berufung auf einen Sprecher der Islamisten. Die algerische Regierung gab zunächst keine Stellungnahme ab.

Die Armee versucht unterdessen weiter, das Gasfeld unter Kontrolle zu bekommen, wie der Ökonzern BP erklärte, der das Gasfeld betreibt. Die Regierungen Großbritanniens und Norwegens bestätigten ebenfalls, dass auf dem Feld eine militärische Intervention stattfindet.

Die Soldaten eröffneten den Angaben zufolge das Feuer, als die Geiselnehmer versuchten, das Gelände zu verlassen. Regierungstruppen blockierten den Fluchtweg der Extremisten und kesselten sie ein, wie Innenminister Daho Ould Kabila sagte. Zuvor war aus Sicherheitskreisen verlautet, mindestens 20 der ausländischen Geiseln sei die Flucht gelungen. Unter den Entkommenen seien US-Bürger und Europäer, sagte ein Vertreter der algerischen Sicherheitskräfte. Überdies waren am Morgen 30 Algerier ihren bewaffneten Entführern entkommen.

Der britische Ölkonzern BP, der das Feld mit der norwegischen Statoil und der algerischen Sonatrach betreibt, erklärte am Donnerstagvormittag, die Situation bleibe „ungeklärt und instabil. Bewaffnete Gruppen halten die Anlage immer noch besetzt und haben Personal in ihrer Gewalt."

Reuters

Auf der Erdgasanlage In Amenas in Algerien wurden seit Mittwoch etwa 40 Ausländer von Terroristen festgehalten.

Die Kämpfer, die möglicherweise mit al-Qaida in Verbindung stehen, hatten am Mittwoch etwa 40 ausländische und zahlreiche einheimische Geiseln genommen und damit eine neue Gefahr für westliche Länder geschaffen, die sich dem wachsenden Einfluss der Islamisten in Afrika widersetzen. Seit einigen Tagen kämpfen französische Soldaten in Mali gegen islamistische Rebellen. Die Gruppe al-Qaida im Mahgreb, die in Mali operiert, hatte die Verantwortung für die Geiselnahme übernommen. Unter den Gefangenen waren Staatsbürger aus den USA, Frankreich, Großbritannien, Japan, Norwegen, Österreich und Irland.

Am Mittwochabend hatten algerische Truppen bereits vergeblich versucht, die Anlage zu erstürmen. Al-Jazeera berichtete, algerische Scharfschützen hätten am Donnerstagmorgen das Feuer auf die Anlage eröffnet und zwei Geiseln verletzt.

Laut dem Bericht von al-Jazeera waren die Geiselnehmer zu Verhandlungen mit den ausländischen Regierungen bereit, wenn die algerischen Behörden einen Waffenstillstand erklärten. Aber aufgrund der vielen Nationalitäten der Geiseln wären Verhandlungen extrem schwierig. Algerien hatte bereits angekündigt, nicht mit den Entführern reden zu wollen. „Algerien hat Lösegeldzahlungen an Terroristen immer abgelehnt, weil das zu weiteren Geiselnahmen führen könnte", sagt Terrorismus-Experte Jean-Charles Brisard. Er rechne damit, dass die algerische Armee alleine handeln werde. „Sie werden das auf ihre eigene Art erledigen:"

Der japanische Außenminister Fumio Kishida appellierte an die algerische Regierung, das Überleben der Geiseln zur obersten Priorität zu machen. Mehrere japanische Mitarbeiter der Ingenieurfirma JGC sollen unter den Geiseln sein. Die britische Erklärung, man sei bereit, Algerien militärisch zu unterstützen, sei darum aber noch nicht gebeten worden.

Norwegens Außenminister erklärte, seine Regierung befinde sich in Gesprächen mit Algerien und den anderen Heimatländern der Geiseln. „Algerien hat die Hauptverantwortung. Algerien muss die Kontrolle über das haben, was geschehen wird", sagte Espen Barth Eide.

—Mitarbeit: Nour Malas, Mitsuru Obe und Kjetil Malkenes Hovland. Mit Material von dapd

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