• The Wall Street Journal

Der norddeutsche Schotte kann nicht alleine siegen

Niedersachsens Ministerpräsident ist beliebt, braucht aber die FDP zum Regieren

    Von BEATE PREUSCHOFF

Verlieren gehört nicht zu den politischen Erfahrungen von Niedersachsens Landesvater David McAllister. Bislang ging es in der politischen Karriere des 42-jährigen Juristen stets gerade nach oben: 1998 Landtagsabgeordneter, 2002 CDU-Generalsekretär auf Landesebene, 2003 Fraktionschef und 2008 CDU-Landeschef - mit einem Traumergebnis von 98,9 Prozent.

dapd

David McAllister, der zweitjüngste Ministerpräsident aller Zeiten in Deutschland

2010 trat der „Mac-Express" schließlich die Nachfolge von Christian Wulff als Ministerpräsident von Niedersachsen an, als der ins Schloss Bellevue umzog. Da war der als schlagfertig und redegewandt geltende McAllister gerade einmal 39 Jahre alt. Abgesehen von Helmut Kohl hat es noch keinen jüngeren Ministerpräsidenten in Deutschland gegeben.

Ohnehin entzieht sich McAllister meist herkömmlichen Vergleichen. Er wartet mit „Alleinstellungsmerkmalen" auf. Als Sohn einer deutschen Musiklehrerin und eines schottischen Zivilbeamten des Royal Corps of Signals ist er der erste und einzige Ministerpräsident, der eine doppelte Staatsangehörigkeit hat.

Es gibt keinen anderen Landeschef, der nach schottischer Familientradition im Kilt geheiratet und seiner Frau am Loch Ness den Heiratsantrag gemacht hat. Und nur wenige andere Politiker dürften sich als Geschenk zum 17. Geburtstag das Geld für die CDU-Mitgliedschaft gewünscht und auch bekommen haben.

Trotz seines unverkennbar schottischen Namens wird McAllister die Verwurzelung in Niedersachsen abgenommen. Er selbst macht darüber Scherze. Obwohl er zur Minderheit der Deutsch-Schotten gehöre, die 0,0001 Prozent der Bevölkerung ausmachten, so sagte er, sei er doch „integriert und sozialisiert". Dazu hat sicher beigetragen, dass er urniedersächsische Gepflogenheiten wie die „Lüttje Lage" beherrscht, diesen fingerfertigen Trinkspagat, bei dem ein Pils und ein Schnaps mit sicherer Hand aus zwei Gläsern gleichzeitig geschluckt werden müssen. Wer es nicht kann, der bekleckert sich nach Kräften.

Bei der Landtagswahl am Sonntag allerdings steht McAllister vor ganz anderen Herausforderungen. Es wartet seine bislang größte Bewährungsprobe auf ihn. Um nicht als Senkrechtstarter in einem jähen Absturz zu enden, muss er beweisen, dass er Wahlen gewinnen kann.

Wahlergebnisse in Niedersachsen von 1994 bis 2008

Gedanken an eine Niederlage verschwendet der Politiker nach eigenem Bekunden nicht. „Ich bin mir sehr sicher, die CDU gewinnt die Wahl, und ich bleibe Ministerpräsident", sagt er siegesgewiss, obwohl natürlich auch er weiß, dass der Machtverlust durchaus nicht unwahrscheinlich ist.

Nach den letzten Umfragen schafft die CDU 39 (ZDF) oder 40 Prozent (ARD). Die FDP käme mit 5 Prozent gerade so in den Landtag. Trotzdem rangiert Rot-Grün knapp vor Schwarz-Gelb. Schaffen die Liberalen im Stammland von FDP-Chef Philipp Rösler jedoch nicht den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde, wird auch McAllister kaum Regierungschef bleiben können.

Im Wahlkampf setzt McAllister ganz auf Bodenständigkeit. Bundespolitik spielt nur eine nachrangige Rolle. Vorrang hat für ihn der Schuldenabbau in seinem Land. 2017 will er den ersten Haushalt Niedersachsens vorlegen, der ohne neue Schulden auskommt. „Schotten gelten als sparsam", kokettiert McAllister mit seiner Herkunft. Er will den Einfluss Niedersachsens bei VW wahren. Studiengebühren sollen bleiben, damit sich die Lernbedingungen an den Unis nicht wegen fehlender Mittel verschlechtern.

Gorleben – und das wird ihm im Nordosten wenig Zustimmung bringen - will McAllister als Standort für ein atomares Endlager weiter erkunden lassen. „Mein Platz ist in Niedersachsen", versichert er immer wieder und kann darauf verweisen, dass er auch schon Job-Angebote der Kanzlerin ausgeschlagen hat. Die wollte ihn schon zwei Mal zum CDU-Generalsekretär machen.

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Zum Fernsehduell hatte der Landesvater weibliche Fans mitgebracht.

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Studenten fordern von David MacAllister die Abschaffung der Studiengebühren. Doch der will sie, damit die Qualität der Bildung erhalten bleibt, beibehalten - anders als sein sozialdemokratischer Herausforderer Stephan Weil. Hier eine Demonstration von Studenten am Mittwoch in Oldenburg.

200 Kilometer nördlich der Landeshauptstadt in Bad Bederkesa, einem Moorheilbad mit 5.000 Einwohnern im Landkreis Cuxhaven, ist McAllister verwurzelt. Hier ist er aufgewachsen, hier wohnt er mit Frau und zwei Töchtern heute noch. Wenn er „wirklich einmal frei habe", stehe die Familie im Mittelpunkt, sagt McAllister. Regelmäßig trifft er Freunde aus der Jugendzeit, die mit Politik nichts zu tun haben. Zu seinem Ziehvater und Vorgänger Christian Wulff hat sich McAllister im Wahlkampf höfliche Distanz und eine Kontaktsperre auferlegt. Zuletzt begegnet sind sich die beiden im April beim 75. Geburtstag von Ferdinand Piëch.

Zu den laufenden Ermittlungsverfahren gegen den früheren Bundespräsidenten nimmt McAllister keine Stellung, verkneift es sich aber nicht zu bemerken, er empfinde es als „unfair", dass so viele persönliche Details daraus an die Öffentlichkeit gedrungen seien.

„Der Unterschied zwischen Christian Wulff und David McAllister ist", so sagte er einmal mit Verweis auf Wulffs lange Zeit auf der Oppositionsbank: „McAllister hat noch nie verloren". Am Sonntag wird sich zeigen, ob der Satz weiter gültig bleibt.

Kontakt zum Autor: beate.preuschoff@dowjones.com

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