• The Wall Street Journal

„Man sah aus, als zahle man Hilfsgelder an die Brandstifter"

    Von DAVID WESSEL

Als Finanzminister und vorher als Präsident der Federal Reserve Bank of New York war Timothy Geithner erst der Hüter, dann der Retter des amerikanischen Finanzsystems während seiner schlimmsten Krise seit der Großen Depression. In wenigen Tagen gibt Geithner seinen Posten im Finanzministerium ab. Doch vorher hat er noch einmal mit dem Wall Street Journal gesprochen und ist der Meinung: „Die Wirtschaft sieht robust aus."

Während seiner Amtszeit musste Geithner einige unbeliebte Entscheidungen treffen, so zum Beispiel bei der Rettung des Finanzsystems. „Man sah dabei aus, als zahlte man Hilfsgelder an die Brandstifter", sagt er im Interview. Doch die Geschichte werde zeigen, dass seine Strategie gewirkt hat und dass sie den Steuerzahlern höhere Kosten erspart hat.

dapd

Timothy Geithner

Weniger optimistisch ist Geithner beim Thema Europa. Den Stand des Aufschwungs nach der Krise vergleicht er mit einem Basketballspiel: Die USA seien im vierten Spielviertel der Erholung angekommen, doch Europa sei noch im zweiten Viertel. Trotzdem müssten die USA weiter an sich arbeiten: „Das Land kann nicht darauf zählen, dass die Welt auf unbestimmte Zeit mehr Vertrauen in unser politisches System hat, als es verdient."

Es folgen Auszüge aus dem Interview. Das komplette Gespräch auf Englisch ist hier zu lesen,

WSJ: Sie ziehen oft Parallelen zum Sport, um zu zeigen, wie weit die Wirtschaft seit der Krise genesen ist. Wo sehen Sie uns heute?

Timothy Geithner: Wenn man es mit Basketball vergleicht, sind wir derzeit am Anfang des letzten Viertels. Die Arbeitslosigkeit ist noch hoch und wird nur langsam wieder fallen. Aber die Bevölkerung hat ihre Verschuldung besser an ihr Einkommen angepasst, wir haben das Hebelrisiko in unserem Finanzsystem reduziert, der Immobilienmarkt ist schon im fünften Jahr seiner Bereinigung - dieser ganze Prozess ist schon weit vorangeschritten. Da liegen wir weit vor anderen Ländern.

Wenn die USA im letzten Viertel sind, wo steht dann Europa?

Ich würde sagen, dass Europa bei der Lösung seiner langfristigen Probleme noch nicht so weit ist wie wir. Aber die Europäer haben auch eine weit größere Herausforderung zu bewältigen. Ihre Krise besteht nicht nur darin, dass ihr Finanzsystem zu groß für ihre Volkswirtschaften wurde. In Europa gibt es ein riesiges Problem mit der Wettbewerbsfähigkeit, und der Kontinent entwickelt gerade erst neue Institutionen für ihre Währungsunion. Die Eurozone hat es zumindest geschafft, die Märkte zu überzeugen, dass der Wille und die Fähigkeiten vorhanden sind, um einen katastrophalen Zusammenbruch zu vermeiden.

Also befindet sich Europa im ersten Viertel? Oder in der Halbzeit?

Ich weiß es nicht. Vielleicht im zweiten Viertel.

Die großen Banken sind heute in vieler Hinsicht noch größer als vor der Krise. Sind sie daher immer noch „too big to fail" – vor allem, wenn mehr als eine Bank gefährdet ist?

Es ist wahr, dass es seit Jahrzehnten in der amerikanischen Bankenlandschaft einen Trend hin zu immer mehr Konzentration gibt. Es stimmt auch, dass sich dieser Trend während der Krise zwar nicht dramatisch, aber doch etwas verstärkt hat, da in dieser Zeit viel konsolidiert wurde. Es ist gut, dass das so kam, da es die Steuerzahler und die Volkswirtschaft vor noch größeren Schäden geschützt hat.

Doch durch die Reformen, die wir seitdem in Kraft gesetzt haben, und durch die konservativeren Kapitalanforderungen sind wir heute besser in der Lage, das Scheitern einer großen Bank zu verkraften und auch so hinzunehmen. Das wäre heute ein deutlich kleineres Problem, als es vor der Krise war, obwohl die Banken etwas gewachsen sind.

Also sehen Sie die derzeitige Größe der Banken nicht mehr als Problem?

Man sollte das immer als ungelöstes Problem betrachten. Man sollte immer nach einem besseren Modell Ausschau halten. Und man muss sich klar werden, dass die Märkte sich immer anpassen. Die ständige Frage ist: Gibt es genug Sicherheitsmechanismen, um die Menschen zu schützen? Das ist eine niemals endende Aufgabe.

War die Gegenreaktion zur Krisenbewältigung unvermeidbar, oder hätten Sie oder andere Beteiligte der Öffentlichkeit einen Aspekt des Vorgehens besser erklären können?

Es gibt keine Erklärung, die so wirkungsvoll ist, dass sie die Gefühle von Angst, Wut und Groll entschärfen würde, die entstehen, wenn so viele unschuldige Menschen geschädigt werden. Das Paradoxe ist, dass die gerechte Lösung, durch die man eine Durchschnittsperson vor einem scheiternden System schützen kann, Schritte erforderlich macht, die sehr unfair und ungerecht erscheinen. Das sieht dann aus, als zahlte man Hilfsgelder an die Brandstifter.

Ist es denn möglich, dass Ihr Nachfolger durch die Gegenreaktion auf die Rettungsaktionen und den Führungswechsel im Finanzministerium und in der Notenbank nicht so erfolgreich reagieren könnte wie Sie, wenn dieser mit einer Krise wie der im Jahr 2008 konfrontiert würde?

Das Risiko ist eher, dass sie nicht dazu bereit wären, zu reagieren. Schaut man sich verschiedene Krisen in der Geschichte an, dann hängt ihr Ausgang oft davon ab, ob die Verantwortlichen diese schweren Entscheidungen treffen oder ob sie nur zusehen und hoffen, dass sich die Krise beruhigt. Manchmal wollen sie den Verursachern der Krise auch eine Lektion erteilen oder sorgen sich um moralische Versuchung mehr als darum, unschuldige Menschen zu schützen.

Immer wieder wurden Anschuldigungen laut, dass im Nachhinein der Krise zu wenige Banker bestraft wurden. Das war Ihnen immer unangenehm.

Ich fand von Anfang an, dass eine extrem starke, glaubhafte Strafverfolgung nötig war, und das halte ich auch für eine Stärke unseres Systems. Doch es sind zwei Dinge passiert: Die Strafverfolgung ist erst mit einer langen Verzögerung angelaufen, weil diese Dinge sehr kompliziert sind, und sie läuft noch immer.

Außerdem wurde ein großer Teil der Krise von einer Mischung aus Ignoranz und Gier, Hoffnung und mangelnder Erfahrung ausgelöst. Das ist nicht illegal. Die meisten Finanzkrisen entstehen nicht durch Betrug oder Missbrauch, sondern weil Menschen Risiken eingehen, die sie nicht einschätzen können.

Gibt es einen Aspekt der Krise, den die Bevölkerung falsch versteht?

Die gängige Meinung, dass die Krisenreaktion ungerecht war, hat sich schon früh verhärtet. Doch wenn man diese Krise mit anderen in der Vergangenheit oder in anderen Ländern vergleicht, dann sieht man, dass unsere Reaktion weit effektiver war.

Das ist nur ein geringer Trost für Menschen, die verständlicherweise finden, dass sie das alles nicht hätten durchmachen müssen. Die meisten glauben immer noch, dass ihre Regierung 800 Milliarden Dollar an eine kleine Anzahl von Banken gegeben hat und dass der Staat das Geld nie wiedersieht. Doch wenn alles vorbei ist, werden wir tatsächlich mehrere Milliarden Dollar für die Steuerzahler hinzuverdient haben, mit denen man das Defizit abbauen oder Bildung und Infrastruktur finanzieren kann – und das, obwohl viele dachten, dass wir Billionen verlieren würden.

Sie waren ab 2003 als Präsident der Federal Reserve Bank of New York sozusagen einer der Streifenpolizisten. Fragen Sie sich je, ob Sie damals die Krise hätten kommen sehen müssen?

Darüber denke ich oft nach, und ich werde wohl noch lange darüber nachdenken. Meine Kollegen bei der Fed und ich versuchten seit 2004, das Risikomanagement auf breiter Front zu verbessern, weil wir erkennen konnten, dass sich im ganzen System Risiken aufbauten.

Doch ein großer Teil der finanziellen Aktivitäten, die von Bedeutung waren, spielte sich im sogenannten Schattenfinanzsystem ab, außerhalb der traditionellen Sicherheitsmechanismen, die wir während der vergangenen Jahrzehnte aufgebaut haben, um das Finanzsystem zu schützen. Wir hatten nur ein extrem veraltetes, unzeitgemäßes Aufsichtssystem zur Hilfe.

Doch das war nicht das einzige Problem. Natürlich waren die Kapitalanforderungen zu niedrig. Diese waren nicht dafür geschaffen, in extremen Situationen Sicherheit zu gewähren. Zweifellos hat sich unser System nicht schnell genug angepasst, und viele Dinge, die als Stärken unseres Systems galten, haben sich in dieser extremen Situation als Schwächen herausgestellt.

Schaut man sich die Haushalts- und Finanzprobleme an, sind Sie da zuversichtlich, dass unser derzeitiges politisches System und unsere politische Kultur der Situation gewachsen sind?

Ich glaube, viele Menschen sind der Wirtschaft gegenüber zu pessimistisch eingestellt, auch weil sie unserem politischen System gegenüber skeptisch sind. Doch auch wenn es schwerfällt: Man sollte einmal über die zerrüttete politische Situation hinwegsehen. Dann sieht die Wirtschaft vielversprechend und robust aus. Unsere Stärken sind viel breiter gefächert als die anderer großer Volkswirtschaften, vom Energiesektor über die High-Tech-Branche bis hin zur Industrie. Das sollte die Menschen beruhigen und optimistisch stimmen.

Wir haben noch etwas Zeit, um uns auf die langfristigen Haushaltsreformen zu einigen. Aber wir haben nicht ewig Zeit. Das Land kann nicht darauf zählen, dass die Welt auf unbestimmte Zeit mehr Vertrauen in unser politisches System hat, als es verdient.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Berliner Gründer

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 23. Juli

    Sommerlaune in Schanghai, Pappmänner in Peru, Durchhalteparolen bei der Tour de France und ein Seiltänzer über den Dächern von Bangkok - schauen Sie sich unsere Fotos des Tages an!

  • [image]

    Einmal zum Mond und zurück

    Am 20. Juli 1969 gewannen die USA das Wettrennen zum Mond gegen die Sowjetunion. Die US-Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin setzten als erste Menschen einen Fuß auf den Mond. Ein Rückblick in Bildern.

  • [image]

    Die Chinesen lieben das Nickerchen im Möbelhaus

    Chinesen mögen es, an merkwürdigen Plätzen ein Schläfchen zu machen. Neu ist dieses Phänomen nicht. Ein Fotograf hat sich nun aber erstmals auf die Lauer gelegt und das seltsame Verhalten bei Ikea in Peking dokumentiert.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.