• The Wall Street Journal

Der Einäugige hinter dem Geiseldrama in Algerien

    Von DREW HINSHAW

BAMAKO – Der Strippenzieher, der offenbar hinter der Geiselnahme auf einem Erdgasfeld in Algerien steckt, gilt als Legende bei den islamistischen Milizen Algeriens. Doch an seiner Legende hat Moktar Belmoktar selbst kräftig mitgestrickt.

Noch ist nicht bestätigt, wer hinter dem Angriff im Südosten Algeriens steckt. Regierungsvertreter wie der algerische Innenminister haben aber keinen Zweifel, dass Belmoktar mit dem Überfall zu tun hat. Seine Miliz, die sich Al Mouthalimin - „Die mit dem Blut unterschreiben" - nennt, hat sich zu dem Anschlag bekannt. Darüber hinaus machte in Mali der islamistische Kommandant Omar Hamaha frühzeitig Angaben zum Verlauf der Geiselnahme, die sich mit später veröffentlichten Berichten westlicher Regierungen deckten.

Reuters

Moktar Belmoktar soll hinter der Geiselnahme auf dem Ölfeld in Algerien stecken.

Belmoktar gibt an, dass er sein Auge vor vielen Jahren in Afghanistan bei Kämpfen mit der Sowjetarmee verloren hat – obwohl zu der Zeit, als er sich dort aufhielt, kaum noch gekämpft wurde. Seitdem trägt er den Namen „Der Einäugige". Der etwa 40-jährige Algerier will in den Terrorcamps von Osama bin Laden in Pakistan ausgebildet worden sein. Westliche Experten glauben jedoch nicht, dass er sich länger dort aufgehalten hat, da er zu dem Zeitpunkt noch sehr jung war. „Es gibt den echten Belmoktar und die Legende, die er selbst gefördert hat", sagte J. Peter Pham, Berater des Afrikakommandos der US-Armee.

Tatsache ist laut Terrorismusexperten jedenfalls, dass sich der Algerier in Mali einen Stützpunkt für waghalsige Geiselnahmen aufgebaut hat. Nachdem Belmoktar aus seiner algerischen Heimat vertrieben worden war wie andere Islamisten in den 1990er Jahren auch, machte er sich im Norden von Mali einen Namen. Die Sanddünen, Steppen und schroffen Berge der Wüstenregion werden seit Jahrhunderten als Rückzugsgebiet von Banditen, Schmugglern und Geiselnehmern genutzt.

Wichtiges Bindeglied zu al-Qaida

Einwohner im Norden Malis berichten, das Belmoktar und seine Männer sich in vielen Städten Freunde gemacht haben, weil sie Ziegen und andere Lebensmittel über dem Marktpreis kauften. Aber meist blieben sie in abgelegenen Gegenden, berichtet Aboudou Touré Cheaka, der Sondergesandte der westafrikanischen Staaten für Mali: „Sie bevorzugen schwieriges Terrain – die Berge, Felsen und Dünen."

Malis schwache Armee hat Belmoktar weitgehend ignoriert. So konnte er sich ungehindert mit seinen ungesetzlichen Aktionen ausbreiten. Oft bewachten seine Kämpfer Konvois mit Schmuggelware wie Waffen und Zigaretten. In 2007 verurteilte ihn ein algerisches Gericht in Abwesenheit wegen illegalen Waffenhandels. In Frankreich wurde er als „Mr. Marlboro" bekannt.

Ende 2006 erklärte seine Miliz ihre Gefolgschaft zum Terrornetz al-Qaida und benannte sich in al-Qaida im Islamischen Mahgreb (AQIM) um. Belmoktar war dabei ein wichtiges Bindeglied zwischen den afrikanischen Kämpfern und den al-Quaida-Köpfen in Pakistan, sagen Experten wie Robert Fowler, ein kanadischer Diplomat. 1998 wurde Fowler von Belmoktars Truppen im Niger entführt. Er und ein weiterer Kanadier wurden mehr als vier Monate festgehalten.

Auf Einkaufstour in Libyen

Fowler beschreibt die Kämpfer als Männer, die gleichzeitig im siebten und im 21. Jahrhundert lebten. Sie kleideten sich in Lumpen und lebten von Reis und Milchpulver. Ausgerüstet seien sie aber mit Satellitentelefonen, Laptops, Funkgeräten und „jeder erdenklichen Art von Gewehr", berichtet Fowler.

Mit Toyota-Pickups fuhren ihn die Geiselnehmer über lange Strecken quer durch die Sahara und erzählten dabei vom Traum des Märtyrertodes. Alle paar Tage sei Belmoktar an unterschiedlichen Treffpunkten erschienen. Er habe Befehle gegeben und sei anschließend wieder verschwunden, erinnert sich Fowler. „Er schien mir ein sehr ernster Typ zu sein, und ein effektiver Kommandeur."

Nachdem der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi gestürzt war, standen in dem nordafrikanischen Wüstenstaat die Waffenlager offen. Belmoktar ging mit seinen Lösegeldern auf Einkaufstour. „Viele fuhren zu ihren Eltern in Libyen und plünderten dort die Kasernen", sagt der Bürgermeister einer Stadt im Norden Malis. „Als sie wiederkamen, haben sie die verkauft. Und wer hatte das Geld? Das war AQIM."

Das Chaos in Libyen kam auch den Tuareg-Nomaden in der Sahara zupass, sie nahmen im Januar 2012 ihren Kampf für einen unabhängigen Staat im Norden Malis auf. Aber im April stürmten Belmoktars Männer Gao, die größte Stadt der Region; sie vertrieben die Tuareg-Besatzer und machten den Weg frei für einen islamistisch kontrollierten Norden Malis.

Seitdem gibt es Berichte über Streit zwischen Belmoktar und dem AQIM-Chef Abdelmalek Droukdel. In einer Mitteilung in einem islamistischen Internetforum erklärte die AQIM, man habe Belmoktar aus „administrativen und disziplinarischen Gründen" ausgeschlossen. Einwohner der Karawanenstadt Timbuktu berichten, dass Belmoktar seit der Machtübernahme durch die AQIM nicht gesichtet wurde.

Aber auch in Islamistenkreisen herrscht Unklarheit darüber, wie der Status von Belmoktar gegenwärtig ist. Am Mittwoch erklärte AQIM-Kommandant Hamaha, Belmoktar und die gesamte Organisation sei für den Angriff in Algerien verantwortlich, er sei ein Vergeltungsschlag gegen den gemeinsamen Feind Frankreich. Französische Truppen kämpfen an der Seite der Regierung gegen die Islamisten in Mali. „Jetzt werdet ihr sehen, was ihr entfesselt habt", sagte Hamaha.

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