• The Wall Street Journal

General Electric ist immer noch eine Bank

    Von KATE LINEBAUGH

General Electric mag der weltgrößte Hersteller von Flugzeugmotoren und Geräten für die medizinische Bildverarbeitung sein. Wenn man nur die Gewinne anschaut, ist GE aber vor allem eine Bank.

Vor vier Jahren, mitten in der Finanzkrise, versprach GE die Verkleinerung seiner riesigen Finanzsparte. Zum Gewinn des Jahres 2012 steuerte GE Capital mehr als die Hälfte bei: 7,4 von 14,7 Milliarden US-Dollar. Damit hat die Finanzsparte andere Bereiche wie den Turbinen-, Lokomotiven- und Ölpumpenbau weit hinter sich gelassen. Während der Konzern insgesamt drei Prozent mehr Gewinn machte als im Vorjahr, wuchsen die Profite im Finanzgeschäft um 12 Prozent.

dapd

General Electric macht hohe Gewinne in der Finanzsparte, die Anleger würden diese aber lieber im Industriegeschäft sehen.

Das Ergebnis im vierten Quartal im Überblick

Siemens-Wettbewerber General Electric hat trotz weltweiter Abkühlung der Konjunktur sein Nettoergebnis um 7,5 Prozent auf 4,01 Milliarden US-Dollar erhöht. Im Industriegeschäft wuchs das Ergebnis sogar um 12 Prozent. Die Nachfrage in China und in anderen Schwellenländern hätten die Schwäche in Europa und in den USA mehr als ausgeglichen.

Der Umsatz stieg um 3,6 Prozent auf 39,33 Milliarden Dollar und damit stärker als von Analysten im Vorfeld erwartet. Auch der Gewinn je Aktie vor Sonderposten fiel mit 0,44 Dollar um einen Cent höher aus als die Konsensschätzung der Beobachter.

General-Electric-Chef Immelt nannte die weltwirtschaftlichen Aussichten durchwachsen. Der Mischkonzern sei aber gut positioniert und starte mit großem Schwung in das neue Jahr. Deshalb halte er an den Prognosen fest.

Noch im Dezember hatte er vor den Folgen der Fiskalklippe in den USA gewarnt. Es sei bereits eine Investitionspause der Geschäftskunden zu spüren. Nun wies der Konzern, der neben vielem anderem Flugzeugturbinen und Kraftwerkskomponenten herstellt und in der Medizintechnik vertreten ist, beim Großaufträgen für Industrieausrüstung und entsprechende Dienstleistungen ein Plus von 2 Prozent aus, nachdem diese Zahl zuvor zwei Quartale in Folge rückläufig war.

Alle Industriesegmente verzeichneten im vierten Quartal wie im Vorquartal wachsende Überschüsse und verbesserte Margen. Im Industriegeschäft wuchs der Umsatz um 4 Prozent. Die Marge lag im Gesamtjahr bei 15,1 Prozent und damit 0,3 Prozentpunkte über der des Vorjahres. In diesem Jahr soll die Marge um weitere 0,7 Prozentpunkte besser ausfallen, da GE die Abhängigkeit vom margenstarken Finanzgeschäft senken will. Die Einnahmen der Finanzsparte GE Capital legten im Dreimonatszeitraum um 1,7 Prozent zu.

Die Kreditsparte von General Electric beschäftigt mehr als 50.000 Mitarbeiter. Wäre sie eine Geschäftsbank, wäre sie – gemessen am Vermögen – die fünftgrößte der USA, zeigen Daten der US-Notenbank Federal Reserve.

Die Ergebnisaufteilung auf die einzelnen Bereiche stand bei der Vorlage der Quartals- und Jahreszahlen im Mittelpunkt. Die Anleger sorgen sich um das hohe Gewicht von GE Capital heute allerdings deutlich weniger als vor vier Jahren. GE hat es geschafft, mehr als ein Drittel des Kreditportfolios von GE Capital abzubauen, hat seinen Finanzbasis stabilisiert und eine Überprüfung der Fed überstanden.

Trotzdem ist die hohe Abhängigkeit des Konzerns von der Finanzsparte für GE-Vorstandschef Jeffrey Immelt nicht unproblematisch: Sein Unternehmen ist gut im Bankgeschäft, aber Anleger bewerten dieses Geschäft nicht so hoch wie die Industriesparten von General Electric, die sich mit dem Erzielen eines starken Umsatzwachstums schwer tun.

"Wir schauen sehr stark auf die Industrieseite", sagt Janna Sampson, Co-Chefanlagestrategin bei Oakbrook Investments – einem Vermögensverwalter, der etwa drei Millionen GE-Aktien hält. GE Capital stehe heute im Vergleich zu den Krisentagen besser da.

Spitzenrating garantiert günstige Finanzierung

50,4 Prozent des Konzerngewinns hat General Electric 2012 aus der Sparte GE Capital gezogen. Analysten hatten mit etwa 45 Prozent gerechnet. Der Ist-Wert rangiert damit zwar unter den 55 Prozent, die die Sparte noch 2007 beisteuerte, aber General Electric liegt damit noch immer über dem Ziel von 40 Prozent, das vor vier Jahren formuliert worden ist. Im Dezember hatte Immelt erklärt, er wolle den Gewinnanteil der Banksparte bis 2015 auf 35 Prozent verringern und strebe letztlich einen Anteil von 30 Prozent an.

General Electric hat bereits vor Jahrzehnten mit dem Kreditgeschäft begonnen und ist in dem Bereich kontinuierlich gewachsen. Der Konzern profitiert aus dem günstigen Zugang zu Kapital, den ihm das "AAA"-Rating des Konglomerats garantiert. Vor der Krise war es für GE normal, dass mit Krediten 50 Prozent des Gewinns eingefahren wurden.

Erst die Finanzkrise stellte das Modell von GE Capital auf den Kopf. Der Zugang zu Liquidität, die zuvor am Geldmarkt reichlich verfügbar war, trocknete über Nacht aus, was GE Capital dazu zwang, die staatlichen Kreditprogramme in Anspruch zu nehmen. Besorgte Anleger schickten die GE-Aktie daraufhin auf Talfahrt, im März 2009 kostete sie weniger als sechs Dollar. In den nach eigener Aussage schwärzesten Tagen seiner Amtszeit musste Immelt zum ersten Mal in der Geschichte von GE die Dividende senken, um die Kapitalbasis zu schützen. Das Top-Kreditrating wurde von den Agenturen um eine Stufe auf „AA+" zurückgenommen.

Im September 2008 versprach Immelt, die Abhängigkeit des Konzerns von GE Capital zu verringern. Forderungen, das Geschäft komplett aufzugeben, widersprach er jedoch und hält bis heute daran fest, dass eine Abspaltung nicht praktikabel sei, auch wenn weniger als fünf Prozent der Kredite von GE Capital für Betriebsmittel oder Dienstleistungen von GE verwendet werden.

Stattdessen machte sich Immelt daran, die Risiken in der Bilanz von GE Capital zu verringern. Er hat die Aktiva der Sparte um rund ein Drittel gekürzt, indem er Beteiligungen der Bank in Thailand, Gewerbeimmobilien in den USA und das Leasinggeschäft in Südkorea verkaufte. Heute konzentriert sich die Finanzsparte wieder auf ihr Kerngeschäft – Kredite an Unternehmen, Konsumentenkredite und hauseigene Kreditkarten. Die Abhängigkeit von kurzfristigen Finanzmitteln ist erheblich gesunken.

Erstmals wieder Gewinne mit Gewerbeimmobilien

Auch die Anlagen in Bürogebäude und andere Gewerbeimmobilien, die Investoren während der Krise in Schwierigkeiten gebracht hatten, hat GE Capital schrittweise zurückgefahren. Die Position in diesem Geschäft sank bis Ende Juni auf 58 Milliarden Dollar. Vier Jahre zuvor hatte sie noch 93 Milliarden Dollar betragen. General Electric geht davon aus, dass 2012 im gewerblichen Immobiliengeschäft erstmals seit der Krise ein Gewinn angefallen ist, nach einem Verlust von einer Milliarde Dollar im Jahr zuvor. Damit dürfte der Konzern das Gröbste in diesem Bereich hinter sich haben, dessen unrealisierte Verluste in den vergangenen Jahren zwischenzeitlich auf sieben Milliarden Dollar geschätzt worden waren.

Deutlich langsamer kommt das Industriegeschäft von GE voran. Die schwache Weltwirtschaft, Sorgen über die Fiskalpolitik in den USA sowie unerwartet schleppende Margen-Steigerungen lasteten 2012 auf einigen Geschäftsteilen des Unternehmens. Als Folge musste GE seine Wachstumsprognose für die Industrieumsätze (ohne Zukäufe) im Jahr 2012 von zehn auf acht Prozent kappen.

dapd

Jeffrey Immelt beim Besuch einer Batterieproduktion von General Electric. Der GE-Chef hat sich den Ausbau des Industriegeschäfts auf die Fahnen geschrieben.

Immelt will die Margen im Industriebereich jetzt aufpolieren, indem er die Kosten um eine Milliarde Dollar senkt und die Umsätze aus lukrativen Dienstleistungen mit Industrieprodukten von GE erhöht. Außerdem will er die Verkäufe in Märkten wie Afrika, Myanmar und Nahost antreiben, wo Regierungen in Infrastruktur investieren. Schließlich schaut er sich nach Übernahmezielen um, mit denen das Wachstum angeschoben werden soll.

In diesem Jahr geht das Unternehmen allerdings von unverändert schwachen Umsätzen im Industriebereich aus. Unter Ausschluss von Zukäufen dürften diese im Vergleich zu 2012 um zwei bis sechs Prozent steigen, womit GE zumindest besser da stünde als seine Wettbewerber.

Die Notwendigkeit, die Bilanz umzuschichten, ergibt sich aus der höheren Wertschätzung, die Investoren Gewinnen in der Industrie beimessen. Die Gewinne aus dem Finanzsektor würden etwa um die Hälfte geringer bewertet wie die aus dem Industriezweig, sagen Analysten und Anleger. Das zeigt sich an der Aktie: Zwar gewann diese im vergangenen Jahr 17 Prozent. Im Vergleich zu anderen Industriekonglomeraten wird sie aber nach wie vor mit einem Abschlag gehandelt. Zum Handelsschluss am Donnerstag lag die Aktie bei 21,30 Dollar. Sollte es GE gelingen, den Gewinnanteil des Industriegeschäfts deutlich zu steigern, sollte der Aktienkurs folgen.

Andererseits braucht GE das Kreditgeschäft als Geldquelle. Im vergangenen Jahr hat GE Capital die Dividendenzahlungen an den Mutterkonzern wieder aufgenommen. Die sechs Milliarden Dollar, die dadurch in die Kassen gespült wurden, nutzte der Konzern, um seine Aktienrückkaufprogramm wieder aufzunehmen und seine Dividende zu erhöhen. In den nächsten drei Jahren verspricht sich Immelt von der Finanztochter Dividendenzahlungen in Höhe von 20 Milliarden Dollar.

"Die Tage, in denen man sich den Kopf über GE Capital zerbrach, liegen ganz klar hinter uns", sagt Jack De Gan, Chef-Anlagestratege des Vermögensverwalters Harbor Advisory, der selbst GE-Aktien besitzt. „GE Capital wird jedes Quartal sauberer und straffer. Das Risiko böser Überraschungen wird immer geringer."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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