• The Wall Street Journal

Europa fürchtet den Ausbruch von Extremismus

    Von STEPHEN FIDLER
[image] Agence France-Presse/Getty Images

Die Politiker in Europa fürchten eine Welle des Extremismus. Einige Wissenschaftler ziehen Parallelen zu den 1920ern. Doch nicht alles ist gleich.

Die Finanzmärkte signalisieren, dass die akute Phase der Euro-Krise vorbei sein könnte und dass stattdessen jetzt eine langwierige Phase beginnt – genauer gesagt: eine langwierige Phase mit vereinzelten Momenten der Panik.

Wenn das zutrifft, was bedeutet das dann? Die meisten Wirtschaftsprognostiker rechnen mit schwachem Wachstum, mit einer Rezession in wichtigen Volkswirtschaften wie Frankreich und mit einem weiterhin niedrigen Leitzins. Private und Öffentliche Sektoren in vielen Euro-Ländern müssen weiter ihre Schulden abbauen. Eine echte Erholung scheint da in weiter Ferne zu liegen.

Diese Situation ist für die Märkte weniger belastend als die jüngste Vergangenheit. Doch viele Menschen werden weiter sparen müssen, womöglich auf Jahre hinaus. Einige werden die Hoffnung verlieren, dass sich ihre Situation jemals bessern könnte. Da überrascht es wenig, dass sich die EU-Politiker sorgen, welche Auswirkungen diese Situation auf die politische Landschaft hat – und ob die Lage einen politischen Extremismus fördert, wie es damals in den 1920ern geschah, als die Wirtschaftslage in Europa ebenfalls hart war.

Es ist unmöglich zu wissen, ob diese Sorgen gerechtfertigt sind. Doch einige Akademiker schauen auf die Zwanzigerjahre zurück und ziehen Parallelen zur heutigen Situation, sowohl zu den wirtschaftlichen Problemen als auch zu den Lösungsansätzen. Es gibt sogar Parallelen zur so genannten Troika, die sich aus der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds zusammensetzt und die die Finanzen in Griechenland überwacht.

1922 ernannte der Völkerbund den Holländer Alfred Zimmermann zum Generalkommissar. In dieser Funktion sollte er die österreichische Regierung und ihre Ausgaben überwachen - als Preis für die finanzielle Hilfe, die das Land von anderen Staaten wie Spanien und Italien erhielt.

Die Gläubiger erhielten „außergewöhnlich große Macht" über die neue Regierung, sagt Patricia Clavin, Historikerin an der Universität von Oxford. Sie zwangen Österreich dazu, Essenssubventionen zu kürzen und 50.000 Beamte zu entlassen. Wenn sie Ausgaben hatte, musste die Regierung diese von Zimmermann genehmigen lassen. Doch der lehnte oft ab.

Das Vorgehen in Österreich diente später als Modell für Sparprogramme in Ungarn, Bulgarien und – ja – Griechenland. Auch die Krisenbewältigung der Weimarer Republik basierte auf diesem Vorgehen, sagt Clavin. 1924 kehrte Österreich neben 44 weiteren Ländern zum Goldstandard zurück. Von den vier großen Mächten dieser Zeit legten Großbritannien und Deutschland Wechselkurse fest, die sich als zu hoch erwiesen; die USA und Frankreich lagen hingegen besser.

David Vines, Wirtschaftsprofessor an der Oxford University, erkennt eine weitere Parallele zu den heutigen Geschehnissen. Sowohl in den Zwanzigern als auch im neuen Jahrtausend sei eine Schuldenkrise entstanden – damals durch den Krieg, heute durch ein Jahrzehnt, in dem die Gemeinschaftswährung für riesige Mittelflüsse von Überschussstaaten wie Deutschland an die Defizitstaaten der Europeripherie sorgte.

In den Zwanzigern waren es die Defizitstaaten Deutschland und Großbritannien, die sich anpassen mussten – nicht die Überschuss-Staaten Großbritannien und die USA. Die einseitige Anpassung an den Goldstandard sowie der Widerwille oder die Unfähigkeit der defizitären Staaten, ihre Währungen abzuwerten, zögerte die Erholung hinaus.

Das ist mehr oder weniger die Geschichte der Anpassung in der Eurozone. Die EZB kann in der aktuellen Krise, anders als zu Zeiten des Goldstandards, die Symptome lindern, nicht jedoch die Staaten vor einer Anpassung bewahren. Und die Parallelen sind nicht vollständig: Anders als in den Dreißigern haben die Euro-Staaten bisher nicht mit einem aggressiven wirtschaftlichen Nationalismus auf die Krise reagiert – noch nicht.

Was lässt sich daher über den politischen Extremismus sagen? Eine Studie aus dem vergangenen Jahr von drei Akademikern, Alan de Bromhead, Barry Eichengreen und Kevin O'Rourke, untersucht den Aufstieg rechtspolitischer Parteien während der Großen Depression in den USA. Denn diese waren es, die bei den Wahlen in den 1930ern den größten Erfolg hatten.

Die Forscher schlussfolgern, dass politische Institutionen und die politische Kultur eine Rolle spielten. Das Risiko des politischen Extremismus sei dort am größten, wo die Demokratie als Staatsform noch jung ist, wo bereits Parteien der extremen Rechten existieren, und wo die Hürden für neue Parteien, die ins Parlament einziehen wollen, am niedrigsten sind. Das Risiko des politischen Extremismus wurde größer, je länger die Rezession anhielt.

Selbst Griechenland, nach diesen Maßstäben das schwächste Krisenland der Euro-Zone, hat bereits vier Jahrzehnte ununterbrochene Demokratie hinter sich. Und die Krise des Landes dauert bei weitem noch nicht so lang wie die Turbulenzen der Jahre zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.

Clavin schätzt, dass die Krise erst 1949 oder 1950 richtig zu Ende war: „Damals gab es vier schwere Jahrzehnte, nicht zwei."

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